Madagaskar Ein Wunderland wird geplündert

NG / Maitre Pascal

Von Robert Draper

2. Teil: Der Rest der Welt ist nicht ganz unschuldig


Die Menschen sind arm, obwohl ihre Insel reich ist - an Natur- und Bodenschätzen. 20 Millionen Menschen zählt die Bevölkerung, und sie wächst jährlich um drei Prozent. Immer mehr Wälder werden durch Brandrodung in Reisfelder umgewandelt. Besorgte Ökologen jubelten deshalb, als im Jahr 2002 Marc Ravalomanana seine Präsidentschaft mit einem "grünen" Programm antrat. Doch im März 2009 drängte ihn das Militär aus dem Amt und erklärte Andry Rajoelina, einen ehemaligen Diskjockey, zum Präsidenten. Sofort danach begann die Plünderung der Natur.

Bis zum September 2009 wurde Rosenholz im Wert von mehr als 350.000 Euro illegal geschlagen - täglich! Die neue Regierung hob ein Exportverbot für Rosenholz auf und erlaubte den legalen Verkauf gelagerter Stämme. Auf Druck der internationalen Gemeinschaft ist das Exportverbot zwar seit April wieder in Kraft. Doch die Abholzung geht weiter. Genauso wie die Zerstörung der Landschaft durch den Abbau wertvoller Erze und Edelsteine.

Daran ist der Rest der Welt nicht ganz unschuldig. Internationale Gesellschaften besitzen den Großteil der Schürf- und Abbaulizenzen für Gold, Nickel, Kobalt, Titaneisen und Saphire. Vor vier Jahren begann ExxonMobil vor der Küste von Madagaskar mit Probebohrungen nach Erdöl. Amerikanische Gitarrenbauer verwenden für hochklassige Instrumente Griffbretter aus madagassischem Ebenholz. Die neue Regierung hat zuletzt versucht, Ackerland an Südkorea zu verpachten und Wasser an Saudi-Arabien zu verkaufen. Es kommt viel Geld ins Land, doch der normale Malagasy hat davon wenig. Wen sollte es daher wundern, dass Bergarbeiter Edelsteine stehlen, um sie nach Asien zu verscherbeln. Oder dass Kleinhändler Tiere wie den Plattschwanzgecko oder die Madagassische Schnabelbrustschildkröte von der Insel schmuggeln und an Sammler verhökern. Oder dass die schlaksigen jungen Männer von Antalaha zustimmen, dass es besser ist, morgen zu sterben und heute lieber das Geld der chinesischen Rosenholzkäufer einzustreichen.

"Die sind alle in den Wald gegangen."

Doch der kleine Aufschwung in Antalaha hat sich als Illusion erwiesen. Man muss nicht einmal an die verheerenden langfristigen Folgen eines geplünderten Waldes denken: an das Verschwinden von Edelhölzern, das Aussterben von Lemuren und anderen endemischen Arten, die Bodenerosion, die verschlickten Flüsse, das Ausbleiben der zahlungskräftigen Touristen. Die üblen Nebeneffekte des illegalen Rosenholzhandels sind unmittelbarer zu spüren. Die Bewohner von Antalaha, die plötzlich rasenden Motorrädern ausweichen müssen, werden gewahr, dass auch die Preise für Fisch, Reis und andere Produkte des täglichen Bedarfs steigen. Der Grund ist einfach: Es gibt weniger Männer auf dem Meer oder auf den Feldern.

"Die sind im Wald", erzählt mir der Vanilleexporteur Michel Lomone. "Die sind alle in den Wald gegangen."

Die Tour in den Wald - gemeint ist Masoala, der größte Nationalpark auf Madagaskar - unternimmt nur, wer unbedingt muss. Sie beginnt mit einer dreistündigen Fahrt von der Stadt Richtung Südwesten auf unbefestigten Straßen, die vom Gewicht der Holzlaster so zerfurcht sind, dass unsere Autos in schlammigen Gräben versinken und Dorfbewohner angeheuert werden müssen, um sie wieder flottzumachen. Es folgen eine vierstündige Pirogenfahrt den Onive aufwärts, dann vier Stunden Fußmarsch durch matschige Reisfelder und zwei weitere Stunden auf einem glitschigen Pfad, hinauf und hinab über den Granitrücken des dichten Tropenwalds. Immer wieder regnet es. Schließlich erreichen wir den Rand des Nationalparks Masoala. Doch um Rosenholzbäume zu entdecken, die noch stehen, müssen wir einige Stunden weiter in den Wald vordringen.

Mit Äxten gehen die Männer an die Arbeit

Im Südwesten grenzt der Nationalpark an die Antongil-Bucht. Dort kalben zwischen Juli und September die Buckelwale. Im wilden grünen Schoß des Dschungels wird die Geduld eines Besuchers unter Umständen mit der Sichtung von Orchideen, fleischfressenden Pflanzen, Schlangenhabichten, Chamäleons oder gar eines Roten-Vari-Lemuren belohnt. Masoala bietet den Dorfbewohnern schier endlose Mengen an Heilpflanzen, wilden Beeren und Brennholz. Barfuß gehen sie in den Wald, singend und plaudernd. Im Gegensatz zu ihnen wirken die Männer aus der Stadt in diesem feuchten Dickicht verloren.

Wochenlang kampieren sie neben ausgewählten Bäumen. Sie ernähren sich von Reis und Kaffee, bis der Boss auftaucht. Er inspiziert das Rosenholz und gibt die Befehle. Mit Äxten gehen die Männer an die Arbeit. Nach wenigen Stunden liegt ein Baum am Boden, der seit vielleicht 500 Jahren hier gewurzelt hat. Die Holzfäller hacken das weiße Splintholz weg, bis der violette Kern freiliegt. Das Rosenholz wird in etwa zwei Meter lange Stücke zerteilt. Ein Team aus zwei Mann knotet Seile um jedes Stück und zieht es aus dem Wald zum Flussufer. Das kann zwei Tage dauern. Die Mühe ist unglaublich. Ich habe beobachtet, wie zwei Männer einen 180 Kilo schweren Baumstamm einen steilen Hang hochschleiften, einen Wasserfall hinabließen und durch treibsandartigen Sumpf zogen. Je nach Entfernung verdient so ein Team maximal 15 Euro pro Stück Rosenholzstamm.

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insgesamt 21 Beiträge
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Tucan 29.08.2010
1. Brutale Holzhändler
Die meisten Menschen, die an den Waldgebieten siedeln, sind nicht einverstanden mit der Plünderung ihres Lebensraumes. Doch wer es wagt, gegen die Holzfäller vorzugehen, wird bedroht und eingeschüchtert. Wie brutal die Holzmafia vorgeht, zeigt das Beispiel eines mutigen Park-Rangers: Man hat ihm beide Füße gebrochen: http://www.regenwald.org/regenwaldreport.php?artid=300
W. Robert 29.08.2010
2. Problem der Zukunft
Große Flächen Madagaskars werden von südkoreanischen Konzernen bewirtschaftet, Afrika ist politisch einfach zu unbedeutend, um sich gegen die „Globalisierung“ wehren zu können. Die selben Staaten, die die größten Umwelt-PR-Abteilungen beschäftigen plündern gerade die „schützenswerte“ dritte Welt gnadenlos aus, um die Rohstoffe zu verballern. http://www.vidc.org/index.php?id=590 Alle diese Probleme hängen direkt mit der Überbevölkerung zusammen. Dort muss in erster Linie der Hebel zu einer Lösung angesetzt werden. Die früher vielleicht mal sinnvoll gewesenen Vorschriften der Religionen erweisen sich als Quelle von Armut, Hunger und Tod. Das ist keineswegs auf den afrikanischen Kontinent begrenzt, auch Mexiko erweist sich mit seiner Bevölkerungsexplosion als hochgradig gefährlich für den dortigen Kontinent. http://de.wikipedia.org/wiki/Weltbevölkerung
Law_n_Roll 29.08.2010
3. Rosenholz?
War in ihrer Quelle zufällig von Rosewood die Rede? Das wäre zumindest verständlich, denn bei Rosewood handelt es sich um Palisander. Ich vermute es handelt sich bei dem von ihnen beschriebenen Rosenholz um Rosewood...also Palisander. Dieses holz ist in der tat unter Anderem im Instrumentenbau heiss begehrt und kommt nicht immer Legal in den Handel
wasissn, 29.08.2010
4. Homo - sapiens?
Zitat von W. RobertGroße Flächen Madagaskars werden von südkoreanischen Konzernen bewirtschaftet, Afrika ist politisch einfach zu unbedeutend, um sich gegen die „Globalisierung“ wehren zu können. Die selben Staaten, die die größten Umwelt-PR-Abteilungen beschäftigen plündern gerade die „schützenswerte“ dritte Welt gnadenlos aus, um die Rohstoffe zu verballern. http://www.vidc.org/index.php?id=590 Alle diese Probleme hängen direkt mit der Überbevölkerung zusammen. Dort muss in erster Linie der Hebel zu einer Lösung angesetzt werden. Die früher vielleicht mal sinnvoll gewesenen Vorschriften der Religionen erweisen sich als Quelle von Armut, Hunger und Tod. Das ist keineswegs auf den afrikanischen Kontinent begrenzt, auch Mexiko erweist sich mit seiner Bevölkerungsexplosion als hochgradig gefährlich für den dortigen Kontinent. http://de.wikipedia.org/wiki/Weltbevölkerung
Exakt. Und die, die am wenigsten auf die Reihe kriegen, vermehren sich am schnellsten. Alle Maßnahmen zum Schutz der natürlichen Umwelt sind letztlich obsolet, wenn nicht schnell Schluss ist mit dem Wahn der immer weiter wachsenden Menschen, rein quantitativ versteht sich aber mit dem Segen aller Religionen und Ideologien (unter der Hoffnung auf Sonder-Profite einiger Milliardäre durch immer weiter wachsende Märkte bei zugleich endlichen Ressourcen).
Rettet-den-Regenwald 29.08.2010
5. Raubmord im Paradies
Dieser skrupellosen Holzmafia kann nur das Handwerk gelegt werden, wenn sich die gesamte Weltgemeinschaft (einschließlich China) endlich einig ist: über ein Moratorium für jeglichen Holz-Import aus Madagaskar. Immerhin konnte sich wenigstens die EU am 16. Juni nach jahrelangem Tauziehen zu einem Import-Verbot von illegal gefälltem Holz durchringen; es soll 2012 in Kraft treten. Das war längst überfällig, denn jedes Jahr werden 14 Millionen Hektar Wald abgeholzt, vor allem die Regenwälder in den Tropen. Der Anteil des illegalen Holzeinschlags beträgt nach Angaben der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft (BFH) in wichtigen Exportländern zwischen 50 und 90 Prozent. Der Hamburger Verein Rettet den Regenwald hatte in den letzten beiden Jahren mit mehreren Protestaktionen und Artikeln Druck bei Bundesregierung und EU gemacht. An unseren Protestaktionen „Frau Aigner: Stoppen Sie den Handel mit illegalen Hölzern in der EU“ vom 27. März 2009 und „EU: Importverbot für Diebesgut Tropenholz“ vom 30. September 2008 hatten mehr als 20.000 Personen teilgenommen. Im Regenwald Report berichteten wir u.a. mit den Artikeln Madagaskar: Raubmord im Paradies und Diebesgut Tropenholz über das gesetzwidrige Treiben der Holzfäller: http://www.regenwald.org/regenwaldreport.php?artid=300
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