Von Robert Draper
"Sehen sie diesen Kahlschlag?", fragt Olivier Behra und deutet auf einen Streifen im Wald. "Da fällt jemand Bäume. Ich möchte ihn dazu bringen, dass er damit aufhört." "Wie wollen Sie das schaffen?", frage ich. "Indem ich ihn einstelle", antwortet Behra lächelnd.
Seine Methode bietet eine aufgeklärte, wenn auch örtlich begrenzte Lösung für das madagassische Rohstoffproblem: Man muss den Dorfbewohnern die Vorteile eines lebendigen Waldes klarmachen. Behra, ein Franzose, kam 1987 mit einem Uno-Projekt zur Rettung des stark dezimierten Krokodilbestands nach Madagaskar. Er erkannte rasch, dass "die Leute aufmerksam werden, wenn die Krokodile einen Wert haben". Also bezahlte er die Einheimischen für das Sammeln von Krokodileiern.
Seit zehn Jahren praktiziert Behra diese Formel nun in der Arbeit für seine private Naturschutzorganisation Man and the Environment. 160 Kilometer östlich der Hauptstadt stieß er auf ein Waldgebiet, das in den vergangenen vier Jahrzehnten zur Hälfte zerstört worden war. Mithilfe der Einheimischen katalogisierte er 90 dort wachsende Heilpflanzen und entwickelte Pläne, wie man die Pflanzen vermarkten könnte. Der Parfümhersteller Chanel interessierte sich für Auszüge aus Marungi-Blättern. 2007 war die Entwaldung jener Region gestoppt. Anstatt durch Brandrodung dürftige Ackerflächen zu schaffen, sammeln die Bewohner der Dörfer nun Blätter, deren wirtschaftlichen Wert sie vorher nicht gekannt hatten.
"Das muss man respektieren"
"Die Leute vertrauen mir", sagt Behra. "Ich habe mir hier ein Haus gebaut, als Zeichen dafür, dass ich nicht morgen wieder verschwinden werde." Er hat immer neue Ideen, drängt sich aber nicht auf. "Man kann nicht einfach jemanden für die Landwirtschaft umschulen, der sein Leben lang Bäume gefällt hat", sagt er. Mit dieser Erkenntnis überzeugte er die madagassische Regierung, den Einheimischen einen Teil des Waldes weiterhin für die Herstellung von Holzkohle für den Eigenbedarf zu überlassen.
Als er erfuhr, dass im Dorf ein Lemurenjäger wohnt, heuerte er den Mann als Touristenführer an. Ein anderer, der seltene Orchideen sammelte und verkaufte, leitet heute Behras Orchideenzucht. Der Franzose plante auch, die wilden Schweine aus dem Wald zu Nutztieren zu machen, weil sie seine Maniokplantage verwüsteten. Da erklärten ihm die Männer vom Stamm der Betsimisaraka jedoch, die Schweine seien fady - und "das muss man respektieren". Dafür hat er Chanel dazu gebracht, medizinisches Personal und Schulspeisungen zu finanzieren.
"Was Behra im kleinen leistet, ist effektiver als irgendwelche Träume von der Rettung ganzer Wälder", sagt Jean-Aimé Rakotoarisoa, seit 30 Jahren Direktor des Museums für Kunst und Archäologie an der Universität Antananarivo. "Die meisten Umweltschutzprogramme fordern: 'Brennt den Wald nicht ab; er ist eure Zukunft.' Aber die Menschen können nicht auf die Zukunft warten. Sie haben heute Hunger. Gefragt sind Methoden, die ihnen sofort nutzen."
"Gegen soziale Proteste lassen sich hier keine Geschäfte machen."
Bei einigen großen Konzernen ist die Botschaft angekommen. Rakotoarisoa berät unter anderem das Ambatovy-Projekt. Das vier Milliarden Euro teure Nickel- und Kobaltbergwerk wird von einem ausländischen Konsortium geleitet und liegt in der Nähe von Olivier Behras Wald. Es gibt zwar noch Kontroversen, weil der Konzern bisher nicht alle Versprechen eingelöst hat. Immerhin wurde darauf geachtet, fady- Stätten zu schonen, betroffene Dorfbewohner zu entschädigen - wenn nötig umzusiedeln - sowie ständig mit der Bevölkerung im Gespräch zu bleiben. Das alles sei natürlich nicht uneigennützig, räumt Rakotoarisoa ein. "Das Unternehmen muss sich um ökologische und soziale Anliegen kümmern, wenn es akzeptiert und geachtet sein will. Gegen soziale Proteste lassen sich hier keine Geschäfte machen."
Ein anderes Beispiel gibt die angloaustralische Bergwerksgesellschaft Rio Tinto in der Nähe von Tôlanaro an der Südostspitze Madagaskars. 750 Millionen Euro hat sie an der Küste des Indischen Ozeans in den Abbau von Ilmenit investiert. Dieses Mineral ist reich an Titan und wird häufig zur Herstellung von Farben (Titanweiß), Papier und Plastik verwendet. Durch den Abbau wurden einzigartige Küstenwälder mit zahlreichen endemischen Arten, Heilpflanzen und Schilfbeständen für die Korbflechterei zu einem großen Teil abrasiert.
Doch im Gegensatz zu den Holzbaronen weiter oben an der Küste bemüht sich Rio Tinto ernsthaft, jede einzelne Art zu erhalten. Das Unternehmen hat Waldareale von sich aus unter Schutz gestellt, ein landwirtschaftliches Ausbildungsprogramm gestartet sowie einen öffentlichen Hafen gebaut. Im nächsten Jahr will man mit der Sanierung und Renaturierung einiger Flächen beginnen.
"Um akzeptiert zu werden, sollten sie mit den einfachen Leuten reden."
"Wir legen bei uns selbst strenge Maßstäbe an und möchten andere Bergbauunternehmen dazu bringen, unserem Beispiel zu folgen", bekräftig Manon Vincelette die Politik des Konzerns. Rio Tinto beschäftigt die Forstingenieurin seit 1996 als Leiterin des unternehmenseigenen Programms für den Erhalt der Artenvielfalt. Die Bewohner von Tôlanaro fahren nun auf einer neuen Straße, ihre Kinder besuchen renovierte Schulen - und auch eine ganz neue -, einige Väter haben Arbeit im Bergwerk gefunden. Dennoch wird die Firma im Ort weiterhin skeptisch beobachtet. "Rio Tinto leistet gute Arbeit", sagt der Ethnologe Jean-Aimé Rakotoarisoa. "Aber es gibt Unzufriedenheit und Gerüchte über die 'wahren Absichten' des Konzerns. Und oft wiegen Gerüchte schwerer als Fakten. Die Leute von Rio Tinto sollten sich nicht nur mit Ingenieuren und Experten unterhalten. Um akzeptiert zu werden, sollten sie noch mehr mit den einfachen Leuten reden."
Wie das geht, könnten sie von Roger Thunam, dem Holzbaron, lernen. Am Flugplatz von Antalaha warten wir auf den Flug aus der Hauptstadt Antananarivo. Mit einem Assistenten im Schlepp kommt Thunam herein. Leutselig schlendert der Boss der Holzfäller durch das Gebäude. Er gibt jedem die Hand, umarmt die Frauen, hat viele freundliche Worte.
Dann lehnt er an einem Obststand und trinkt mit den Dorfbewohnern gemeinsam aus einer Kokosnuss. Er zeigt sich als einer von ihnen; einer, der weiß, was sie wollen, einer, der für sie da ist. Dass unter den Äxten seiner Leute die Rosenholzbäume fallen, dass in ihren Töpfen die Lemuren brutzeln - nun ja. Es ist doch besser, erst morgen zu sterben als heute.
Gefunden in National Geographic Deutschland, Ausgabe 9/2010
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