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Madagaskar Ein Wunderland wird geplündert

Alles auf Rot: Das Madagaskar-Dilemma
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NG / Maitre Pascal

5. Teil: Man muss den Dorfbewohnern die Vorteile klarmachen

"Sehen sie diesen Kahlschlag?", fragt Olivier Behra und deutet auf einen Streifen im Wald. "Da fällt jemand Bäume. Ich möchte ihn dazu bringen, dass er damit aufhört." "Wie wollen Sie das schaffen?", frage ich. "Indem ich ihn einstelle", antwortet Behra lächelnd.

Seine Methode bietet eine aufgeklärte, wenn auch örtlich begrenzte Lösung für das madagassische Rohstoffproblem: Man muss den Dorfbewohnern die Vorteile eines lebendigen Waldes klarmachen. Behra, ein Franzose, kam 1987 mit einem Uno-Projekt zur Rettung des stark dezimierten Krokodilbestands nach Madagaskar. Er erkannte rasch, dass "die Leute aufmerksam werden, wenn die Krokodile einen Wert haben". Also bezahlte er die Einheimischen für das Sammeln von Krokodileiern.

Seit zehn Jahren praktiziert Behra diese Formel nun in der Arbeit für seine private Naturschutzorganisation Man and the Environment. 160 Kilometer östlich der Hauptstadt stieß er auf ein Waldgebiet, das in den vergangenen vier Jahrzehnten zur Hälfte zerstört worden war. Mithilfe der Einheimischen katalogisierte er 90 dort wachsende Heilpflanzen und entwickelte Pläne, wie man die Pflanzen vermarkten könnte. Der Parfümhersteller Chanel interessierte sich für Auszüge aus Marungi-Blättern. 2007 war die Entwaldung jener Region gestoppt. Anstatt durch Brandrodung dürftige Ackerflächen zu schaffen, sammeln die Bewohner der Dörfer nun Blätter, deren wirtschaftlichen Wert sie vorher nicht gekannt hatten.

"Das muss man respektieren"

"Die Leute vertrauen mir", sagt Behra. "Ich habe mir hier ein Haus gebaut, als Zeichen dafür, dass ich nicht morgen wieder verschwinden werde." Er hat immer neue Ideen, drängt sich aber nicht auf. "Man kann nicht einfach jemanden für die Landwirtschaft umschulen, der sein Leben lang Bäume gefällt hat", sagt er. Mit dieser Erkenntnis überzeugte er die madagassische Regierung, den Einheimischen einen Teil des Waldes weiterhin für die Herstellung von Holzkohle für den Eigenbedarf zu überlassen.

Als er erfuhr, dass im Dorf ein Lemurenjäger wohnt, heuerte er den Mann als Touristenführer an. Ein anderer, der seltene Orchideen sammelte und verkaufte, leitet heute Behras Orchideenzucht. Der Franzose plante auch, die wilden Schweine aus dem Wald zu Nutztieren zu machen, weil sie seine Maniokplantage verwüsteten. Da erklärten ihm die Männer vom Stamm der Betsimisaraka jedoch, die Schweine seien fady - und "das muss man respektieren". Dafür hat er Chanel dazu gebracht, medizinisches Personal und Schulspeisungen zu finanzieren.

"Was Behra im kleinen leistet, ist effektiver als irgendwelche Träume von der Rettung ganzer Wälder", sagt Jean-Aimé Rakotoarisoa, seit 30 Jahren Direktor des Museums für Kunst und Archäologie an der Universität Antananarivo. "Die meisten Umweltschutzprogramme fordern: 'Brennt den Wald nicht ab; er ist eure Zukunft.' Aber die Menschen können nicht auf die Zukunft warten. Sie haben heute Hunger. Gefragt sind Methoden, die ihnen sofort nutzen."

"Gegen soziale Proteste lassen sich hier keine Geschäfte machen."

Bei einigen großen Konzernen ist die Botschaft angekommen. Rakotoarisoa berät unter anderem das Ambatovy-Projekt. Das vier Milliarden Euro teure Nickel- und Kobaltbergwerk wird von einem ausländischen Konsortium geleitet und liegt in der Nähe von Olivier Behras Wald. Es gibt zwar noch Kontroversen, weil der Konzern bisher nicht alle Versprechen eingelöst hat. Immerhin wurde darauf geachtet, fady- Stätten zu schonen, betroffene Dorfbewohner zu entschädigen - wenn nötig umzusiedeln - sowie ständig mit der Bevölkerung im Gespräch zu bleiben. Das alles sei natürlich nicht uneigennützig, räumt Rakotoarisoa ein. "Das Unternehmen muss sich um ökologische und soziale Anliegen kümmern, wenn es akzeptiert und geachtet sein will. Gegen soziale Proteste lassen sich hier keine Geschäfte machen."

Ein anderes Beispiel gibt die angloaustralische Bergwerksgesellschaft Rio Tinto in der Nähe von Tôlanaro an der Südostspitze Madagaskars. 750 Millionen Euro hat sie an der Küste des Indischen Ozeans in den Abbau von Ilmenit investiert. Dieses Mineral ist reich an Titan und wird häufig zur Herstellung von Farben (Titanweiß), Papier und Plastik verwendet. Durch den Abbau wurden einzigartige Küstenwälder mit zahlreichen endemischen Arten, Heilpflanzen und Schilfbeständen für die Korbflechterei zu einem großen Teil abrasiert.

Doch im Gegensatz zu den Holzbaronen weiter oben an der Küste bemüht sich Rio Tinto ernsthaft, jede einzelne Art zu erhalten. Das Unternehmen hat Waldareale von sich aus unter Schutz gestellt, ein landwirtschaftliches Ausbildungsprogramm gestartet sowie einen öffentlichen Hafen gebaut. Im nächsten Jahr will man mit der Sanierung und Renaturierung einiger Flächen beginnen.

"Um akzeptiert zu werden, sollten sie mit den einfachen Leuten reden."

"Wir legen bei uns selbst strenge Maßstäbe an und möchten andere Bergbauunternehmen dazu bringen, unserem Beispiel zu folgen", bekräftig Manon Vincelette die Politik des Konzerns. Rio Tinto beschäftigt die Forstingenieurin seit 1996 als Leiterin des unternehmenseigenen Programms für den Erhalt der Artenvielfalt. Die Bewohner von Tôlanaro fahren nun auf einer neuen Straße, ihre Kinder besuchen renovierte Schulen - und auch eine ganz neue -, einige Väter haben Arbeit im Bergwerk gefunden. Dennoch wird die Firma im Ort weiterhin skeptisch beobachtet. "Rio Tinto leistet gute Arbeit", sagt der Ethnologe Jean-Aimé Rakotoarisoa. "Aber es gibt Unzufriedenheit und Gerüchte über die 'wahren Absichten' des Konzerns. Und oft wiegen Gerüchte schwerer als Fakten. Die Leute von Rio Tinto sollten sich nicht nur mit Ingenieuren und Experten unterhalten. Um akzeptiert zu werden, sollten sie noch mehr mit den einfachen Leuten reden."

Wie das geht, könnten sie von Roger Thunam, dem Holzbaron, lernen. Am Flugplatz von Antalaha warten wir auf den Flug aus der Hauptstadt Antananarivo. Mit einem Assistenten im Schlepp kommt Thunam herein. Leutselig schlendert der Boss der Holzfäller durch das Gebäude. Er gibt jedem die Hand, umarmt die Frauen, hat viele freundliche Worte.

Dann lehnt er an einem Obststand und trinkt mit den Dorfbewohnern gemeinsam aus einer Kokosnuss. Er zeigt sich als einer von ihnen; einer, der weiß, was sie wollen, einer, der für sie da ist. Dass unter den Äxten seiner Leute die Rosenholzbäume fallen, dass in ihren Töpfen die Lemuren brutzeln - nun ja. Es ist doch besser, erst morgen zu sterben als heute.

Gefunden in National Geographic Deutschland, Ausgabe 9/2010

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insgesamt 21 Beiträge
Tucan 29.08.2010
Die meisten Menschen, die an den Waldgebieten siedeln, sind nicht einverstanden mit der Plünderung ihres Lebensraumes. Doch wer es wagt, gegen die Holzfäller vorzugehen, wird bedroht und eingeschüchtert. Wie brutal die Holzmafia [...]
Die meisten Menschen, die an den Waldgebieten siedeln, sind nicht einverstanden mit der Plünderung ihres Lebensraumes. Doch wer es wagt, gegen die Holzfäller vorzugehen, wird bedroht und eingeschüchtert. Wie brutal die Holzmafia vorgeht, zeigt das Beispiel eines mutigen Park-Rangers: Man hat ihm beide Füße gebrochen: http://www.regenwald.org/regenwaldreport.php?artid=300
W. Robert 29.08.2010
Große Flächen Madagaskars werden von südkoreanischen Konzernen bewirtschaftet, Afrika ist politisch einfach zu unbedeutend, um sich gegen die „Globalisierung“ wehren zu können. Die selben Staaten, die die größten [...]
Große Flächen Madagaskars werden von südkoreanischen Konzernen bewirtschaftet, Afrika ist politisch einfach zu unbedeutend, um sich gegen die „Globalisierung“ wehren zu können. Die selben Staaten, die die größten Umwelt-PR-Abteilungen beschäftigen plündern gerade die „schützenswerte“ dritte Welt gnadenlos aus, um die Rohstoffe zu verballern. http://www.vidc.org/index.php?id=590 Alle diese Probleme hängen direkt mit der Überbevölkerung zusammen. Dort muss in erster Linie der Hebel zu einer Lösung angesetzt werden. Die früher vielleicht mal sinnvoll gewesenen Vorschriften der Religionen erweisen sich als Quelle von Armut, Hunger und Tod. Das ist keineswegs auf den afrikanischen Kontinent begrenzt, auch Mexiko erweist sich mit seiner Bevölkerungsexplosion als hochgradig gefährlich für den dortigen Kontinent. http://de.wikipedia.org/wiki/Weltbevölkerung
Law_n_Roll 29.08.2010
War in ihrer Quelle zufällig von Rosewood die Rede? Das wäre zumindest verständlich, denn bei Rosewood handelt es sich um Palisander. Ich vermute es handelt sich bei dem von ihnen beschriebenen Rosenholz um Rosewood...also [...]
War in ihrer Quelle zufällig von Rosewood die Rede? Das wäre zumindest verständlich, denn bei Rosewood handelt es sich um Palisander. Ich vermute es handelt sich bei dem von ihnen beschriebenen Rosenholz um Rosewood...also Palisander. Dieses holz ist in der tat unter Anderem im Instrumentenbau heiss begehrt und kommt nicht immer Legal in den Handel
wasissn 29.08.2010
Exakt. Und die, die am wenigsten auf die Reihe kriegen, vermehren sich am schnellsten. Alle Maßnahmen zum Schutz der natürlichen Umwelt sind letztlich obsolet, wenn nicht schnell Schluss ist mit dem Wahn der immer weiter [...]
Zitat von W. RobertAlle diese Probleme hängen direkt mit der Überbevölkerung zusammen.
Exakt. Und die, die am wenigsten auf die Reihe kriegen, vermehren sich am schnellsten. Alle Maßnahmen zum Schutz der natürlichen Umwelt sind letztlich obsolet, wenn nicht schnell Schluss ist mit dem Wahn der immer weiter wachsenden Menschen, rein quantitativ versteht sich aber mit dem Segen aller Religionen und Ideologien (unter der Hoffnung auf Sonder-Profite einiger Milliardäre durch immer weiter wachsende Märkte bei zugleich endlichen Ressourcen).
Dieser skrupellosen Holzmafia kann nur das Handwerk gelegt werden, wenn sich die gesamte Weltgemeinschaft (einschließlich China) endlich einig ist: über ein Moratorium für jeglichen Holz-Import aus Madagaskar. Immerhin konnte [...]
Dieser skrupellosen Holzmafia kann nur das Handwerk gelegt werden, wenn sich die gesamte Weltgemeinschaft (einschließlich China) endlich einig ist: über ein Moratorium für jeglichen Holz-Import aus Madagaskar. Immerhin konnte sich wenigstens die EU am 16. Juni nach jahrelangem Tauziehen zu einem Import-Verbot von illegal gefälltem Holz durchringen; es soll 2012 in Kraft treten. Das war längst überfällig, denn jedes Jahr werden 14 Millionen Hektar Wald abgeholzt, vor allem die Regenwälder in den Tropen. Der Anteil des illegalen Holzeinschlags beträgt nach Angaben der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft (BFH) in wichtigen Exportländern zwischen 50 und 90 Prozent. Der Hamburger Verein Rettet den Regenwald hatte in den letzten beiden Jahren mit mehreren Protestaktionen und Artikeln Druck bei Bundesregierung und EU gemacht. An unseren Protestaktionen „Frau Aigner: Stoppen Sie den Handel mit illegalen Hölzern in der EU“ vom 27. März 2009 und „EU: Importverbot für Diebesgut Tropenholz“ vom 30. September 2008 hatten mehr als 20.000 Personen teilgenommen. Im Regenwald Report berichteten wir u.a. mit den Artikeln Madagaskar: Raubmord im Paradies und Diebesgut Tropenholz über das gesetzwidrige Treiben der Holzfäller: http://www.regenwald.org/regenwaldreport.php?artid=300
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National Geographic
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Heft 09/2010

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Hintergrund
DER SPIEGEL
Madagaskar ist die viertgrößte Insel der Welt - und die Heimat von ganz außergewöhnlichen Arten, die man sonst nirgends auf der Welt findet. Das liegt vor allem daran, dass Madagaskar schon eine sehr alte Insel ist. Einst, so erklären es die Geologen, gehörte es zu Gondwanaland, einem gigantischen Kontinent, der Afrika, Indien, Australien, Südamerika und die Antarktis umfasste. Der vorherrschenden Meinung zufolge trennte sich Madagaskar vor circa 180 Millionen Jahren gemeinsam mit Indien vom Kontinent ab, um sich dann komplett selbständig zu machen, während Indien weiter Richtung Asien driftete. Anderen Theorien zufolge verblieb es noch eine Weile bei Afrika, bis es sich fürs Inseldasein entschied. In jedem Fall, da sind sich die Wissenschaftler wieder einig, ist die Insel seit etwa 60 Millionen Jahren von der übrigen Welt abgeschnitten, nachdem auch der Meeresgrund zwischen Afrika und Madagaskar so weit abgesackt war, dass auch zeitweise Landverbindungen unmöglich wurden. Die Evolution nahm ihren besonderen madagassischen Lauf. Bis vor etwa 1500 Jahren die ersten Menschen die Insel besiedelten. Seither haben auch hier die einzigartige Flora und Fauna das Nachsehen. Nur etwa ein Zehntel von Madagaskars Regen- und Trockenwald sind noch erhalten. Stattdessen gibt es mittlerweile viele Reisfelder.





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