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Tierische Navigation: Taubenkompass funktioniert anders als gedacht - nur wie?

Der innere Kompass von Brieftauben funktioniert anders als angenommen. Bisher glaubten viele Forscher, dass die Tiere über kleine magnetische Körnchen im Schnabel das Erdmagnetfeld wahrnehmen. Doch das scheint nicht zu stimmen.

Brieftauben: Neues vom Vogelkompass Fotos
Johannes Riegler

London - Alle Vögel sind schon da - aber warum eigentlich? Die beeindruckenden Navigationsfähigkeiten der Tiere sind ein Dauerbrenner der Forschung. Doch es ist gar nicht so einfach zu ergründen, wie die Vögel über Hunderte Kilometer hinweg ihren Weg nach Hause finden. Eine wesentliche Rolle scheint das Erdmagnetfeld zu spielen, so viel scheint klar. Die Tiere können offenbar mit einer Art innerem Kompass den Feldlinien folgen.

Nach aktuellem Wissensstand ist ein Teil dieses Kompasses im Auge untergebracht: Er ist vor allem dafür zuständig, den Neigungswinkel des Feldes zu bestimmen. Zumindest für Tauben galt aber bisher die Annahme, dass sie zusätzlich die Stärke des Magnetfelds mit Magnetrezeptoren messen, die sich im oberen Teil des Schnabels befinden. Sie arbeiten dazu mutmaßlich mit Körnchen aus den magnetischen Eisenverbindungen Magnetit und Maghemit als winzige Sensoren, die ihre Informationen über den Trigeminusnerv ans Gehirn weiterleiten.

Doch diese These lässt sich nicht halten. Das zeigen nun die Ergebnisse eines Teams um Christoph Treiber vom Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. Im Fachblatt "Nature" berichten die Wissenschaftler, dass sie zwar tatsächlich eisenhaltige Zellen in der Schnabelhaut identifizieren konnten. Es handele sich dabei aber nicht um Nervenzellen, die Informationen über das Erdmagnetfeld ans Gehirn übermitteln, sondern um sogenannte Fresszellen. Sie gehören zum Immunsystem und kommen nahezu im ganzen Körper vor.

Anzahl der eisenhaltigen Zellen variiert extrem stark

Nach Angaben der Forscher ist es praktisch ausgeschlossen, dass die Zellen ein Teil des Magnetsinns der Vögel sind. Die Suche nach dem körpereigenen Kompass der Vögel beginnt damit von vorn. Die Wissenschaftler hatten knapp 200 Felsentauben (Columba livia) auf eisenhaltige Zellen hin untersucht. Fündig wurden sie nicht nur in der Schnabelhaut, sondern auch in Federfollikeln und den Schleimhäuten der Atemwege. Zudem variierte die Anzahl der eisenhaltigen Zellen extrem stark - bei einer Taube fanden die Wissenschaftler etwa 200 positive Signale, bei einer anderen mehr als 100.000. Eine solche Variation sei nicht mit einer wichtigen Funktion im Magnetsinn in Einklang zu bringen, sagt das Team.

Offenbar handelt es sich bei den eisenhaltigen Zellen um Makrophagen, zeigten weitere Analysen. Diese auch als Fresszellen bekannten Immunzellen sind neben der Krankheitsabwehr für die Entsorgung und Lagerung von Eisen zuständig, wie es beispielsweise beim Abbau von roten Blutkörperchen anfällt. Das erkläre den hohen Eisengehalt der Zellen, schreiben die Forscher.

Zwar könnten sie nicht vollständig ausschließen, dass es im Schnabel tatsächlich einige wenige Magnetrezeptoren gebe. Die Untersuchung habe jedoch keinerlei Hinweise auf die Existenz eines solchen Systems erbracht. In diesem Licht müssten nun unter anderem verhaltensbiologische Untersuchungen mit Tauben neu bewertet werden, schreibt das Team.

chs/dapd

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