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12. April 2011, 18:55 Uhr

Mahnung der Vorfahren

Wegsteine in Nordjapan warnten vor Tsunamis

Verpuffte Mahnungen: Im Norden Japans stehen vielerorts Steine, die vor Tsunamis warnen. Es sind Jahrhunderte alte Gravuren der Vorfahren. Dass sie ignoriert wurden, überrascht Experten nicht - Erinnerungen an Katastrophen verblassen nach drei Generationen.

Ohne Vorwarnung schien die Katastrophe über Japan hereinzubrechen. 12.000 Menschen starben in den Riesenwellen, Tausende mehr sind verschollen. Die Tsunamis im Norden Japans haben ganze Dörfer ausgelöscht. Doch womöglich hätten unscheinbare Steine am Wegesrand eine Warnung sein können. Sie sind im Regen verwittert, von Gras überwuchert - und von den Anwohnern vergessen.

Eingraviert stehen erstaunliche Sätze auf den Steinen: "Erinnert das Unheil der Tsunamis. Baut nicht unterhalb dieses Punktes", ist da zu lesen. Oder: "Hohe Gebiete sind Friede und Harmonie der Nachgeborenen." Oder: "Wenn ein Erdbeben kommt, nimm Dich vor Tsunamis in Acht." Es sind die Mahnungen der Vorfahren. Sie hatten bereits schreckliche Erfahrungen mit Riesenwellen gemacht.

Hunderte der Wegsteine stehen in Nordjapan, manche sind älter als 600 Jahre. Viele sind freilich kaum zu entdecken, sie stehen abseits der Straßen, überwuchert im Dickicht.

"Entscheide Dich fürs Leben"

Ein Stein steht nahe der Ortschaft Kesennuma: "Sei immer auf überraschende Tsunamis vorbereitet. Entscheide Dich fürs Leben, anstatt für Besitz und Wertsachen." Die Siebzigjährige Tetsuko Takahashi kannte die Mahnung. Erschrocken beobachtete sie von ihrem Haus auf einer Anhöhe über der Stadt aus, wie die Katastrophe ihren Lauf nahm.

Erst bebte es gewaltig, später kamen die Tsunamis. "Nach dem Beben", berichtet Takahashi der Nachrichtenagentur AP, "sind die Leute zurück in ihre Häuser gegangen, um ihre Wertsachen zu holen" - gegen den in Stein gemeißelten Rat ihrer Vorfahren. "Die Leute wurden von den Wellen geholt", sagt die alte Dame.

Ihre Famile lebt seit Generationen in der Gegend. Doch jene, die Tsunamis erlebten, seien schon lange tot. Auch sie kann sich nur an einen kleinen Tsunami im Jahr 1960 erinnern. Das Gefahrengedächtnis schwand mit der Zeit.

Und auch die Steine wurde nicht beachtet. In der Stadt Natori stand an einem Spielplatz ein zwei Meter hohes Denkmal: "Wenn ein Erdbeben kommt, vor Tsunamis in Acht nehmen", mahnten große Buchstabengravuren.

Leichen in Baumwipfeln

Doch nach dem Beben am 11. März fuhren in Natori Bewohner eigens von der Arbeit an die Küste, um den Zustand ihres Hauses zu begutachten. 820 Leichen wurden in der Stadt geborgen, manche lagen in Baumwipfeln. Zusätzlich werden mehr als 1000 Bewohner vermisst.

Die Ignoranz der Japaner gegenüber den Erfahrungen ihrer Vorfahren sei nichts Besonderes, erläutert der Katastrophenforscher Fumihiko Imamura von der Tohoku Universität in Sendai, Japan. Es dauere üblicherweise drei Generationen, bis die Menschen vergessen haben: Jene, die eine Katastrophe erlebt hätten, würden ihre Kinder und Enkelkinder eindringlich davon berichten. Doch schon in der vierten Generation würden die Erinnerungen an das grausame Ereignis verblassen, sagte Imamura der "New York Times".

Unterricht kann das Vergessen verhindern: In der Ortschaft Aneyoshi haben die meisten Leute ihr Haus oberhalb der steinernen Mahnmale gebaut. "Jeder hier kennt die Steine", sagt die Zwölfjährige Yuto Kimura, "wir haben sie in der Schule durchgenommen". Bevor am 11. März die Tsunamis kamen, sei das Dorf geschlossen auf Anhöhen geflüchtet.

boj/AP

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