Mallorca Seevögel steigen auf Fast-Food um

Wenn Sturmtaucher auf Futtersuche gehen, lassen sie die Arbeit mallorquinische Fischer erledigen. Die Vögel sammeln den über Bord geworfenen Beifang und sparen sich die mühsame Beschaffung nahrhafter Kleinfische. Ihr Jagdverhalten richtet sich exakt nach den Einsatzzeiten der Trawlerflotte.


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Seevögel: Beifang als Fastfood

Frühmorgens auf "sa Dragonera", einer kleinen Insel an der Südwestspitze Mallorcas: Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, Dunst hängt über der felsigen Landschaft. Im fahlen Licht der Dämmerung stapft ein grauer Vogel aus einer Höhle ins Freie. Ein männlicher Balearen-Sturmtaucher beginnt seinen Tag. Das Tier schaut kurz in den Himmel, breitet die Flügel aus und hebt ab. Kurs Nordwest, dem spanischen Festland entgegen.

Er ist nicht der einzige. Täglich zieht es Tausende Seevögel von den Balearen an die Ostküste der Iberischen Halbinsel. Eines ihrer wichtigsten Ziele ist dabei die fischreiche Meeresregion um das Ebro-Delta. Während der im März beginnenden Brutsaison fliegen Balearen-Sturmtaucher (Puffinus mauretanicus) und die ebenfalls an Mallorcas Klippen nistenden Gelbschnabelsturmtaucher (Calonectris diomedea) diese Tour oft in einem Tag - morgens hin, mittags fischen und abends zurück ins heimische Nest. Echte Pendler eben, die so ihre Familie Zuhause mit frischem Futter versorgen.

Daniel Oro studiert das Verhalten der fernfliegenden Fischer schon seit mehr als anderthalb Jahrzehnten. "Für einen Sturmtaucher sind 300 Kilometer Entfernung nichts", sagt der Wissenschaftler mit einem bewundernden Lächeln. Oro, ein freundlicher, hagerer Mann, ist Biologe am Institut Mediterrani d'Estudis Avancats im mallorquinischen Esporles. Die Wände seines kleinen Büros hängen voll mit Bildern, Karten, Cartoons und einigen Vogelschädeln. Der Experte interessiert sich vor allem für das komplexe Verhältnis zwischen Seevögeln und Menschen, denn Fischerei hat mittlerweile einen enormen Einfluss auf die Lebensweise von Sturmtauchern und anderen Spezies. Ob positiv oder negativ, das ist umstritten.

Die täglichen Pendelflüge der mallorquinischen Sturmtaucher sind eine neuere Entwicklung und eigentlich etwas Unnatürliches, erklärt Oro. Der Hintergrund: Die Tiere ernähren sich normalerweise von kleinen Fischen wie Sardinen und Sardellen. Deren Schwärme aufzuspüren, braucht Zeit. Dementsprechend müssten die Vögel meist mehrere Tage unterwegs sein, bis sie ihren Nachwuchs mit im Kropf verstauten, vorverdautem Fisch sattfüttern können. Doch heutzutage bietet sich den Sturmtauchern eine bequeme Alternative - die Trawlerfischerei.

Neue Strategie bei der Futtersuche

In den Küstengewässern nahe der Ebro-Mündung wird intensiv mit Schleppnetzen gefischt. Und auch hier gibt es das weithin bekannte Problem des Beifangs: unbeliebte Fischsorten und anderes nicht-markttaugliches Meeresgetier. In der Regel geht gut ein Drittel jeder Netzfüllung wieder über Bord.

Die Seevögel freut es. Sie bekommen so große Mengen leicht zugänglichen Futters unweit ihrer Brutplätze. Als hätte ein paar Straßen weiter ein billiges Schnellrestaurant aufgemacht. Mit erheblichen Folgen für das Ernährungsverhalten von Puffinus und Co. Ersten Berechnungen zufolge decken Balearen-Sturmtaucher wohl mehr als 40 Prozent ihres Energiebedarfs durch den Verzehr von Beifang.

Angesichts des menschengemachten Überflusses ist es kaum verwunderlich, dass die Vögel auch ihre Strategie bei der Futtersuche ändern. Um dies zu untersuchen, versahen Oro und seine Kollegen mehrere Balearen- und Gelbschnabelsturmtaucher mit Peilsendern, deren Signale von einem Satelliten empfangen wurden. So konnten sie die Bewegungen der Vögel über offener See verfolgen. Forscher der Princeton University analysierten die gewonnenen Daten anhand eines speziellen mathematischen Modells, um eventuell vorhandenen Mustern auf die Spur zu kommen.

Die Ergebnisse dieser Flugüberwachung, publiziert im Fachblatt "Current Biology" (Bd. 20, S. 1), offenbaren in der Tat eine verblüffende Regelmäßigkeit. An fünf Tagen in der Woche fliegen die Sturmtaucher gezielt bestimmte Gebiete an und verbringen dort die meiste Zeit. Es sind genau die Werktage, an denen die Trawlerflotte operiert. Während des Wochenendes dagegen kreuzen die Vögel auf längeren Strecken über das Meer, vermutlich auf der Suche nach Kleinfischschwärmen.

"Sie reinigen sich selbst"

Die Vorhersagbarkeit der menschlichen Fischereiaktivitäten macht es den Sturmtauchern einfach, außer an bestimmten Kalendertagen wie zum Beispiel dem spanischen Nationalfeiertag. "Dann sind die Vögel völlig verwirrt", berichtet Daniel Oro. Dennoch: Die strikte Arbeitszeitregelung der Fischer ermöglicht es den gefiederten Kollegen, zu Tagespendlern zu werden.

Aus ernährungsphysiologischer Sicht ist Trawlerbeifang für Seevögel allerdings nicht besonders wertvoll - auch hier gibt es wieder eine Parallele zum Imbiss um die Ecke. Sardinen und Sardellen sind fettreicher und nahrhafter als das, was die Schleppnetze vom Meeresboden holen. Abgesehen davon enthält das Fleisch bodenlebender Fische höhere Konzentrationen an Schwermetallen wie Quecksilber. Dadurch nehmen die Vögel diese schädlichen Stoffe verstärkt auf. Zum Glück jedoch können die Tiere Schwermetalle in ihren Federn einlagern und bei der Mauser wieder abstoßen, so Oro. "Sie reinigen sich selbst."

Welchen Einfluss das fischige Fast-Food insgesamt auf die Populationsdynamik mediterraner Seevögel hat, konnte noch nicht abschließend geklärt werden. Viele Experten gehen davon aus, dass gerade bedrohte Arten vom vergrößerten Nahrungsangebot profitieren. Anhänger der sogenannten "Junkfood-Hypothese" wiederum befürchten negative Auswirkungen, vor allem wegen des geringeren Nährwerts von Trawlerabfällen.

Daniel Oro sieht dies eher gelassen. "Sturmtaucher und andere Seevögel können sehr wohl zwischen den beiden Nahrungskategorien unterscheiden", betont der Biologe. "Oft füttern sie ihre Jungen mit Sardinen, während sie selbst Beifang fressen." Wenigstens der Nachwuchs soll sich gesund ernähren - viele Menschen sind diesbezüglich nicht so vernünftig.



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