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Knochensplitter

Knochensplitter Schnabeltier mit Hahnenkamm

Von wegen Schuppentier: Das neue Bild vom Dinosaurier Fotos
UC of Bristol/ Stephan Lautenschlager

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Die Zeiten sind hart für Liebhaber "klassischer" Saurier: Das Bild von der schuppigen Riesenechse, an dem wir so hängen, bröckelt immer mehr. Gefiederte Dinos waren nur der Anfang. Zwei neue Studien malen weiter am neuen, bizarren Bild: Manche Saurier hatten wohl Hornschnäbel wie Vögel - andere trugen weiche "Hahnenkämme" auf dem Kopf.

Wir alle haben eine recht konkrete Vorstellung davon, wie Saurier wohl ausgesehen haben. Über 150 Jahre populäre und wissenschaftliche Darstellungen haben Jura und Kreidezeit die Fremdheit genommen: Aus den Puzzleteilen von Erkenntnissen und begründeten Annahmen haben wir uns das Bild einer Welt konstruiert. Doch seit Beginn der neunziger Jahre bröckeln diese vermeintlichen Gewissheiten wieder.

Zwei im Laufe der letzten Woche vorgelegte Studien malen weiter an einem neuen, ganz anderen Bild der Saurier. Die waren wohl noch viel bizarrer und vielfältiger, als wir uns das bisher vorstellten.

Wer denkt da nicht an Muppets?

Stephan Lautenschlager (Uni Bristol) und seine Co-Autoren veröffentlichten im Fachblatt "PNAS" eine Studie über Zahnlosigkeit und die Ausbildung von Hornschnäbeln in einer Gruppe der Theropoda (doi: 10.1073/pnas.1310711110). Ihre Studie widmet sich einem der seltsamsten Vertreter der Gruppe. Der 1980 in der Mongolei entdeckte Erlikosaurus gehört zu den gefiederten Therizinosauroidea, salopp auch "Sensenechsen" genannt.

Die unterschieden sich in vielen Merkmalen vom "normalen" Raubsaurier - selbst ihre Lebens- und Ernährungsweise dürfte reichlich anders gewesen sein. Zu ihren im Wortsinn hervorstechendsten Merkmalen gehörten lange, kräftige Vorderarme mit riesigen Krallen und ein kleiner, im vorderen Oberkiefer zahnloser Schädel. So sieht kein Raubsaurier aus, der beißend Beute jagt: Die Hypothesen über seine Ernährungsweise reichen von Fischfang über das Ausnehmen von Insektenbauten bis hin zu einer vegetarischen Lebensweise.

Das Bild vom bis zu neun Meter langen, gefiederten Therizinosaurus (dem größten Vertreter der Gruppe), der mit Vordergliedmaßen, die an "Edward mit den Scherenhänden" erinnerten, zweibeinig durchs prähistorische Gebüsch Asiens stapfte, ergänzen Lautenschlager und seine Co-Autoren nun um ein Detail, dass diese seltsamen Riesen endgültig zu einer Art Muppet macht: einen Schnabel aus Horn, so wie wir ihn heute von Vögeln kennen.

Wissenschaftlich relevant ist die Entdeckung, weil sie bisherige Annahmen über die Evolution des Hornschnabels in Frage stellt. Lehrmeinung war bisher, dass er als Mittel zur Gewichtsreduktion im Vogelschädel ausgeprägt worden sei. Wer fliegen will, muss abnehmen, so die Denke: Tatsächlich leisten sich Vögel ja wo immer möglich Hohlraum - von ihren Hohlknochen bis zur ausgeprägten Pneumatisierung des Schädels mit luftgefüllten Kammern. All das besaßen allerdings auch viele Saurier, und natürlich auch die Theropoda, aus denen die Vögel ja hervorgingen.

Lautenschlager und Co. wiesen nun mit neuen, eigens entwickelten Methoden nach, dass manche Theropoda auch Hornschnäbel ausprägten - und keineswegs aus Gewichts-, sondern aus Kraft- und Stabilitätsgründen.

Stephan Lautenschlager: "Es ist faszinierend, dass sich viele Merkmale, die wir bei heutigen Vögeln finden, schon bei Dinosauriern entwickelt hatten, aber oftmals für einen anderen Zweck. So war ein Keratinschnabel bei Theropoden unseren Ergebnissen zufolge vor allem für die Stabilität des Schädels während des Beißvorgangs von Vorteil und diente erst sekundär der Gewichtseinsparung. Ähnliches finden wir bei Federn, die sich bei Dinosauriern wohl primär zur Isolierung entwickelt hatten und dann für den Flug genutzt wurden."

Keratin-basiertes Horn ist flexibel und zugleich hoch stabil. Es hat gegenüber knöchernen Schnabelkonstruktionen, wie sie bereits bei Synapsiden vor über 250 Millionen Jahren üblich waren, zudem den Vorteil, dass es bei Verschleiß nachgebildet wird. Es ist eine in Grenzen nachwachsende, scharfe, besonders leichte Alternative zu Zähnen. Und es bringt unsere Vorstellung vom Dinosaurier einmal mehr ziemlich durcheinander.

Lautenschlager: "Mit Hilfe detaillierter Computermodelle und -simulationen ist es uns heute möglich, eine Vielzahl neuer Informationen aus Fossilien zu gewinnen. Mit jeder dieser Studien können wir unser Wissen über Dinosaurier und andere ausgestorbene Organismen verfeinern - und manchmal auch klassische Vorstellungen auf den Kopf stellen."

Noch eine optische Runderneuerung: Kuh mit Kamm

Es blieb nicht die einzige optische Runderneuerung eines bekannten Sauriers in dieser Woche. Phil Bell (University of New England, Australien) und Co-Autoren veröffentlichten im Fachblatt "Current Biology" die Entdeckung, dass mancher Entenschnabel-Dinosaurier auf seinem Kopf offenbar einen weichen "Hahnenkamm" trug.

Der wurde bisher nicht entdeckt, weil Weichteile normalerweise nicht fossilisieren. Würden wir Elefanten nur als Fossilien kennen, wüssten wir wohl nicht, das sie Rüssel haben, denn "da steckt kein Knochen drin", erklärt Bell. Was uns ahnen lässt, wie viele Überraschungen wir womöglich noch erleben könnten, was die konkrete Gestalt von Dinosauriern angeht. Und zwar selbst bei solchen, die wir zu kennen glauben, wie dieses aktuelle Beispiel zeigt.

Die wohl in großen Herden umherziehenden Hadrosaurier gehörten zu den häufigsten Sauriern der Kreidezeit. Weil die Form ihres Mauls daran erinnert, nennt man sie auch "Entenschnabelsaurier". Die meisten von ihnen hatten darüber hinaus keine besonderen Merkmale - dachte man zumindest bisher.

Edmontosaurus regalis war ein durch und durch typischer Vertreter der Hadrosaurier: Ein bis zu 13 Meter langer, knapp unter vier Tonnen schwerer Pflanzenfresser mit kräftigen Hinterbeinen und verhältnismäßig kurzen Vorderbeinen, der in großen Herden äsend über die Pampa zog. Bei Gefahr, glaubt man, richteten sich die Tiere auf und rannten zweibeinig, so schnell sie konnten: Über Panzerungen, Hörner oder sonstige Abwehrwaffen verfügten sie nicht. Oft werden Hadrosaurier als "Kühe der Kreidezeit" beschrieben.

Allerdings waren sie wohl Kühe mit Kamm, wie man nun weiß. Für den "Walking with Dinosaurs"-Kinderfilm der BBC, der ab 20. Dezember in den Kinos anläuft, kommt diese Erkenntnis etwas zu spät: Edmontosaurier gehören zu den Stars des spektakulär animierten Films. Noch einmal werden wir deshalb Herden von Edmontosauriern ohne Hahnenkamm über die Ebenen ziehen sehen.

Wie sagte kürzlich der Paläo-Maler Douglas Henderson hier im Interview? "Neue Erkenntnisse verwandeln meine Arbeiten zu fossilen Illustrationen. Dagegen kann man wenig machen."

Wie man auch hier wieder sieht: So schnell geht das.

7 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
taglöhner 13.12.2013
tweet4fun 13.12.2013
nereb 13.12.2013
cyclodextrin 15.12.2013
jesus.ronald 15.12.2013
Red Herring 16.12.2013
maximoseven 16.12.2013

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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