Manipulative Schmarotzer Parasiten steuern Verhalten ihrer Wirte

Kein Zufall: Parasiten benötigen für ihren Lebenszyklus oft nicht nur mehrere Wirte, sie steuern offenbar auch deren Verhalten. Max-Planck-Forscher aus Plön haben gezeigt, dass ein spezieller Bandwurm seinen Zwischenwirt sogar dazu bringen kann, sich auffressen zu lassen.


Plön - Schockstarre oder Ruderbewegungen? Gerät ein kleiner Ruderfußkrebs (Copepode) ins Visier eines Stichlings, entscheidet sein Verhalten, ob der Räuber auf ihn aufmerksam wird. Allerdings bestimmen die Copepoden nicht allein, wie sie sich im Angesicht des Todes verhalten. Offenbar kann auch ein Parasit steuern, wie sich das Tier bewegt und damit sein eigenes Überleben sichern. Das berichtet ein Forscherteam vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön.

Der Parasit und sein Wirt: Aus dem Leib des Dreistachligen Stichlings ragt der Bandwurm Schistocephalus solidus heraus
MPI Evolutionsbiologie

Der Parasit und sein Wirt: Aus dem Leib des Dreistachligen Stichlings ragt der Bandwurm Schistocephalus solidus heraus

Schon lange beschäftigt Wissenschaftler die Frage, warum Parasiten für die erfolgreiche Vermehrung mitunter mehrere Wirte benötigen, und wie sie ihren Lebenszyklus optimieren. Die Plöner Forscher um Katrin Hammerschmidt haben nun in Zusammenarbeit mit Evolutionstheoretikern von der University of Liverpool den Bandwurm Schistocephalus solidus genauer unter die Lupe genommen und berichten über sein erstaunliches Manipulationsvermögen in der Fachzeitschrift "Evolution".

Das Leben des Bandwurms scheint recht kompliziert: Seine im Wasser schwimmende Larve muss zunächst von einem kleinen Ruderfußkrebs aufgenommen werden und dort einige Wochen wachsen. Dann muss ein sogenannter Dreistachliger Stichling das Tier fressen, damit sich der Bandwurm zu voller Größe entfalten kann. Greift ein anderer Fisch zu, verendet der Parasit. Zur Paarung muss der Bandwurm im Körper des Dreistachligen Stichlings in den Magen eines Vogels gelangen. Die Eier werden dann mit dem Kot des Vogels ins Wasser ausgeschieden und der Lebenszyklus des Schistocephalus solidus beginnt von neuem.

Um diesen komplizierten Wirtswechsel steuern zu können, haben die Parasiten offenbar einen Mechanismus entwickelt, der ihre Aufenthaltsdauer in dem jeweiligen Wirt optimiert. Mit einem mathematischen Modell hatte das Team aus Liverpool errechnet, dass es für den Bandwurm zwischen Tag 13 und Tag 15 ein optimales Zeitfenster gibt, um mit dem kleinen Ruderfußkrebs in den Dreistachligen Stichling zu gelangen.

Diese Annahme konnten Hammerschmidt und ihre Kollegen an Copepoden, die sie mit den Parasiten infiziert hatten, experimentell nachweisen: Sie entdeckten, dass sich die Tiere vor und während des errechneten optimalen Zeitfensters dem Dreistachligen Stichling gegenüber unterschiedlich verhielten. Bis zum 12. Tag sorgten die Parasiten offenbar dafür, dass die Copepoden nach einem Schreckreiz mehr als zwei Minuten unbeweglich verharrten. Diese Schockstarre machte sie für den Stichling unauffälliger. Zwischen Tag 13 und 15 setzten nach dem Schreckreiz jedoch wieder die Schwimmbewegungen ein - damit wurden die Copepoden zur leichten Beute. Aus ihren Entdeckungen hoffen die Wissenschaftler, in Zukunft möglicherweise sogar neue Ansätze für Therapien finden zu können.

hei



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