Marathon-Hai Nicoles rasante Reise durch den Ozean

Haie galten im Vergleich zu anderen Langstreckenschwimmern bisher als eher faul: Niemand glaubte, dass die Raubfische etwa ganze Ozeane durchmessen würden. Nun haben Forscher den Weißen Hai "Nicole" per Satellit verfolgt - und eine Überraschung erlebt.


Der indische Ozean ist weit und gefährlich, auch für Weiße Haie. Vor allem die Fischerei bedroht das Leben. Auch deshalb nahm man bislang an, dass Weiße Haie Ozeane nicht durchqueren. Nun beobachteten Forscher, wie ein Haiweibchen das gigantische indische Becken gleich zwei Mal innerhalb von neun Monaten durchschwamm.

Forscher Bonfil (r.), Kollege: Weißer Hai brachte Überraschung
L. Staverees/MCM

Forscher Bonfil (r.), Kollege: Weißer Hai brachte Überraschung

Der Fisch schaffte den 11.000 Kilometer langen Hinweg in 99 Tagen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 4,7 Kilometer pro Stunde. Der Rückweg wurde nicht direkt beobachtet. Es war die schnellste jemals gemessene Rundwanderung eines schwimmenden Meerestieres.

Die Forscher um Ramón Bonfil von der Wildlife Conservation Society in New York hatten 32 Weiße Haie vor der Westküste Südafrikas mit Sendern ausgestattet, die ihre Position an Satelliten übermitteln. Der Hai "P12", zu Ehren der australischen Schauspielerin und Hai-Liebhaberin Nicole Kidman von den Wissenschaftlern Nicole genannt, wurde am 7. November 2003 nahe dem Ort Gansbaai an der Rückenflosse markiert.

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Weißer Hai: Ozeandurchquerung in knapp zehn Monaten

So konnten die Forscher verfolgen, wie Nicole, abgesehen von einem leichten Bogen zu Beginn ihrer Wanderung, auf direktem Weg nach Australien schwamm. Dabei verbrachte der Weiße Hai 66 Prozent der Zeit nahe der Wasseroberfläche. Die Wissenschaftler spekulieren deshalb, dass sich Nicole bei der Navigation nicht nur am Erdmagnetfeld orientierte, sondern auch an Himmelskörpern. Zwischendurch tauchte sie jedoch bis in eine Tiefe von 980 Metern ab und setzte sich Temperaturen von nur 3,4 Grad Celsius aus. Am 20. August 2004 sichteten die Forscher das Tier wieder am südafrikanischen Ausgangsort.

Zur Paarung nach Australien?

Die Wissenschaftler vermuten, dass das Verhalten des Weibchens kein Einzelfall ist. Es sei denkbar, dass Weiße Haie zur Paarung nach Australien wandern und für die Geburt von Jungen in ihre südafrikanischen Heimatgewässer zurückkehren. Sicher könnten sie dies aber nicht sagen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Science" (Bd. 310, S. 100).

Es sei das erste Mal, dass ein Zusammenhang zwischen den bedeutenden Haipopulationen von Südafrika und Australien nachgewiesen werden konnte, so die Wissenschaftler. Ihre Beobachtungen der anderen markierten Haie hätten gezeigt, dass manche Tiere in Küstengewässern lange Wanderungen von mehr als 2000 Kilometern unternehmen, vermutlich auf der Suche nach Beute. Neue Einblicke in das komplexe Wanderungsverhalten seien wichtig, um den Weißen Hai effektiv zu schützen.



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