Von Nina Weber
Es hat nicht nur die Dinosaurier erwischt, den Dodo oder den Neandertaler: 99 Prozent aller Arten, die sich in den vergangenen dreieinhalb Milliarden Jahren auf der Erde entwickelt haben, sind wieder ausgestorben. Dass immer wieder Spezies verschwinden und neue entstehen, ist ein natürlicher Begleitumstand der Evolution.
Doch manchmal fegen große Massenaussterben mehr als drei Viertel der existierenden Arten in weniger als zwei Millionen Jahren vom Planeten. Wissenschaftler zählen fünf solcher Ereignisse in den vergangenen 540 Millionen Jahren.
Jetzt stellt sich die Frage: Schlittert die Erde gerade in eine sechste Arten-Apokalypse hinein?
Die Befürchtung, dass die Katastrophe bereits begonnen hat, haben Forscher bereits mehrfach geäußert. Die Überfischung drängt viele Meerestiere an den Rand des Aussterbens. Überall auf der Welt, wo Urwälder abgeholzt werden, verlieren Arten ihre Heimat - die Orang-Utans auf Borneo sind da nur ein prominentes Beispiel. Jede vierte Säugetierart gilt als bedroht, bei den Amphibien sind es sogar 40 Prozent. Von den knapp 48.000 Tier- und Pflanzenarten, die in der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) erfasst sind, gelten 3325 als vom Aussterben bedroht und insgesamt rund 17.300 als gefährdet.
Eine Gruppe von US-Wissenschaftlern präsentiert im Fachmagazin "Nature" jetzt eine umfangreiche Berechnung darüber, ob die Geschwindigkeit des aktuellen Artensterbens und dessen Größenordnung mit früheren Katastrophen dieser Art vergleichbar sind. Das Team um Anthony Barnosky von der University of California in Berkeley stellte paläontologische Daten aktuellen Werten aus der Roten Liste gegenüber. Unter anderem haben sie Aussterberaten für 500-Jahre-Intervalle berechnet.
Das Ergebnis: Die Rate, mit der momentan die Arten schwinden, liegt dramatisch über dem Durchschnitt. Sie ist sogar größer als jene, die zu den fünf großen Massenaussterben führten. Daher könnte sich das Desaster bereits innerhalb weniger Jahrhunderte mit voller Wucht entfalten - wenn die Menschheit nicht gezielt gegensteuert.
Gigantischer Artenschwund in den nächsten Jahrhunderten
Die Forscher stellen mehrere Szenarien auf, um die Geschwindigkeit des drohenden Massenaussterbens abzuschätzen.
Das klingt nach großen Zeiträumen, ist im Vergleich zu den bekannten Massenaussterben aber erschreckend kurz. Denn sie vollzogen sich nicht schlagartig, sondern verliefen über Tausende bis Millionen von Jahren. Die Ursachen waren vielfältig und nicht für alle Ereignisse gleich. Zu den wichtigen Faktoren zählen:
Heute bringt vor allem der Mensch viele Arten an den Rand des Aussterbens - und zwar durch:
Die Forscher weisen allerdings auf einige Unsicherheiten in ihren Berechnungen hin. Auf der einen Seite stehen aktuelle Daten, die nur eine kurze Zeitspanne umfassen. Auf der anderen Fossilienfunde aus Jahrmillionen, die nur wenige Arten abdecken. Auch beruhen ihre Berechnungen vor allem auf Beobachtungen von Säugetieren. Die Forscher hoffen jedoch, dass andere Wissenschaftler sich gezielt andere Tiergruppen vornehmen werden. Doch obwohl sie bei den Vergleichen immer vorsichtige Schätzungen vorgenommen haben: Die Zahlen deuten darauf hin, dass die Erde an der Schwelle eines Massensterbens steht.
Allerdings sei es möglich, diesen dramatischen Artenschwund noch abzuwenden, betonen Barnosky und Kollegen. "Bisher sind nur ein bis zwei Prozent der Arten ausgestorben, die wir betrachtet haben. Wir können also noch einen großen Teil der Fauna und Flora retten", sagt der Wissenschaftler. Es müssten Mittel für den Artenschutz bereitgestellt und die Gesetzgebung entsprechend geändert werden, wenn die Menschheit nicht die Art sein will, die für ein großes Massenaussterben verantwortlich ist, so der Forscher. Bisher ist die Bilanz hier gemischt - zwar gibt es einzelne Erfolge, doch das Ziel der EU etwa, den Artenschwund bis 2010 zu stoppen, wurde klar verfehlt.
Was auf jeden Fall klar ist: Wenn sich das Massenaussterben vollzieht, wird es sehr, sehr lange dauern, bis die Artenvielfalt danach wieder erstarkt. Die Phase der Erholung zieht sich über Millionen von Jahren.
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