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08. August 2007, 12:00 Uhr

Maul- und Klauenseuche

Labor-Abwassersystem unter Verdacht

Britische Experten wollen das Abwassersystem des Forschungsgeländes untersuchen, auf dem Impfstoff gegen Maul- und Klauenseuche hergestellt wurde. Labormitarbeiter könnten den Erreger über Schuhe oder Kleidung verbreitet haben. Farmer prüfen Klagen gegen die Labor-Betreiber.

London - Noch ist die Frage nicht geklärt, wie der gefährliche Erreger der Maul- und Klauenseuche (MKS) auf zwei Höfe in Südengland gelangt ist. Seit gestern Abend wissen die Veterinäre zumindest, dass die Viren mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Forschungslabor in Pirbright stammen, das nur wenige Kilometer von den betroffenen Bauernhöfen entfernt ist.

Farm nahe des Forschungsgeländes Pirbright: Gelangte der Erreger über Abwasser aus den Labors?
REUTERS

Farm nahe des Forschungsgeländes Pirbright: Gelangte der Erreger über Abwasser aus den Labors?

Britische Farmer stellen sich angesichts von Schäden durch die Maul- und Klauenseuche bereits auf mögliche Klagen in Millionenhöhe gegen die Labor-Betreiber ein.

Als möglichen Verbreitungsweg wollen die Experten nun das Abwassersystem auf dem Laborgelände genauer untersuchen. Die BBC berichtet auf ihrer Website, dass Labormitarbeiter das Virus auf dem Gelände aufgenommen haben könnten, weil es Probleme mit dem Abwasser gegeben habe. Die Zeitung "Daily Mail" schreibt, ein Arbeiter könne den Erreger mit seiner Kleidung oder seinen Schuhen heraustransportiert haben.

Die BBC zitiert den Mikrobiologen Hugh Pennington, der es für möglich hält, dass es ein Leck auf dem Forschungsgelände Pirbright gegeben hat. Auf diese Art sei kontaminiertes Wasser möglicherweise an die Oberfläche getreten. "Dann könnte der Erreger über Schuhe, Autoreifen oder Ähnliches weiter nach Süden transportiert worden sein", sagte Pennington.

Der Erreger der Maul- und Klauenseuche ist ein sehr leicht übertragbares Virus. Weil es vergleichsweise klein ist, könnte es theoretisch auch vom Wind zu den benachbarten Höfen getragen worden sein. Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riem kann das Virus in der Luft bis zu 60 Kilometer weit reisen, über Wasserflächen möglicherweise sogar bis zu 200 Kilometer.

Mensch als Hauptverdächtiger

Eine Infektion über die Luft soll allerdings durch aufwendige Filteranlagen im Labor verhindert werden. Auch die Experten des britischen Agrarministeriums halten eine Verbreitung durch den Wind oder über das Wasser für eine "vernachlässigbare These". Anfangs war auch vermutet worden, dass die schweren Überschwemmungen in England in den vergangenen Wochen die Ausbreitung des Erregers ermöglicht haben könnten. Als hauptverdächtig gelten nun Labormitarbeiter, selbst eine absichtliche Verbreitung wird derzeit nicht ausgeschlossen.

Die beiden betroffenen Farmen liegen in der Nähe von Pirbright. Auf dem rund 50 Kilometer südwestlich von London gelegenen Forschungsgelände befinden sich das staatliche Institut für Tiergesundheit sowie das Privatlabor Merial, das dem US-Pharmakonzern Merck und dem französischen Unternehmen Sanofi-Aventis gehört. Beide forschen an Impfstoffen für Tiere und experimentieren entsprechend mit Seuchenerregern - auch mit dem MKS-Virus.

Merial hat zwischen dem 14. und 25. Juli etwa 10.000 Liter des MKS-Impfstoffs produziert. Am staatlichen Institut für Tiergesundheit wurde nach Angaben des Agrarministeriums nur mit weniger als zehn Millilitern des Erregers gearbeitet.

Laut BBC konzentrieren sich die weiteren Ermittlungen auf die Laboreinrichtungen der US-Firma Merial Animal Health. Weitere Zwischenerkenntnisse sollten im Laufe des Mittwochs bekanntgegeben werden, hieß es im Umweltministerium. Das staatliche Institut für Tiergesundheit (IAH) in Pirbright durfte inzwischen seine Arbeit wieder aufnehmen, während bei der Firma Merial die Herstellung von MKS-Impfstoffen weiterhin ruht.

Merial erklärte, es gebe bislang keine Hinweise dafür, dass Erreger aus dem Labor nach außen transportiert sein könnten. Zudem würde das Labor keinerlei Wasser in Pirbright freisetzen. "Wir stellen sicher, dass sämtliches Wasser aus der Virenproduktion behandelt wird", erklärte das Unternehmen laut einem Bericht der BBC. Das Wasser werde dann an das staatliche Institut für Tiergesundheit auf demselben Forschungsgelände geleitet, das die weitere Behandlung und Weiterleitung ins Abwassernetz übernehme.

hda/AP/AFP/dpa

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