Psychopharmaka im Flusswasser: Forsche Barsche

Aus Boston berichtet Philip Bethge

Psychopharmaka im Wasser: Forsche Barsche Fotos
Bent Christensen

Rückstände gängiger Psychopharmaka geraten über Abwässer in Flüsse, Seen und Teiche. Dort verändern sie das Verhalten von Fischen. Sie agieren aktiver und mutiger. Die ökologischen Folgen könnten dramatisch sein.

Beruhigungs- und Schlafmittel werden in Deutschland massenhaft verabreicht. Ärzte verordnen jährlich mindestens 110 Millionen Tagesdosen Benzodiazepine, davon allein 11,4 Millionen Dosen Oxazepam, das beispielsweise unter dem Namen Adumbran verkauft wird.

Neue Forschung zeigt nun, dass die Psychopharmaka nicht nur auf den Menschen wirken. Über die Abwässer gelangen Reste der Chemikalienflut in Flüsse, Teiche und Seen und verändern das Verhalten von Fischen - mit möglicherweise weitreichenden ökologischen Folgen.

Schwedische Forscher um Tomas Brodin von der Umeå-Universität berichten jetzt im Fachblatt "Science", dass Flussbarsche, die Oxazepam ausgesetzt werden, aktiver sind, sich weniger sozial verhalten und ihre Verstecke leichtfertiger verlassen.

"Normalerweise sind Flussbarsche scheu und jagen in Gruppen; dies ist eine bekannte Überlebensstrategie", sagte Brodin auf der diesjährigen Forschungskonferenz der American Association for the Advancement of Science in Boston, Massachusetts. "Wenn sie jedoch in Wasser schwimmen, das Oxazepam enthält, sind sie wesentlich wagemutiger." Die Ergebnisse ließen sich vermutlich verallgemeinern, berichten die Forscher: "Wir glauben, dass diese Substanzen Effekte auf alle Fischarten haben", sagte Brodin.

Medikament lässt Fische schneller fressen

Zusammen mit Kollegen setzte Brodin Flussbarsche ähnlich hohen Oxazapam-Dosen aus, wie sie sich auch in der Umwelt messen lassen. Die Ergebnisse zeigen, dass selbst geringe Konzentrationen der Beruhigungsmittel nicht nur Menschen, sondern auch Fische gelassener machen. Coole Fische jedoch werden weit schneller gefressen.

Die Forscher beobachteten zudem, dass die Flussbarsche im mit dem Medikament versetzten Wasser schneller fraßen. "Sie ernähren sich effizienter - ein positiver Effekt für die Fische", kommentiert Brodin. Gleichzeitig befürchtet der Forscher "gravierende" Folgen für aquatische Ökosysteme. Die Artenzusammensetzung in den Gewässern könne sich verändern.

Flussbarsche ernähren sich vorwiegend von sogenanntem Zooplankton. Die winzigen Tiere sind ein wichtiger Teil des Gewässer-Ökosystems und halten beispielsweise das Algenwachstum in Schach. Außergewöhnlich gefräßige Barsche könnten das Zooplankton jedoch im Rekordtempo vertilgen, befürchten die Forscher. Dadurch könne es vermehrt zu Algenblüten kommen.

Oxazepam ist nicht das einzige Psychopharmaka, dessen Rückstände sich in Gewässern nachweisen lassen. Weltweit schwappt ein umfassender Medikamentencocktail in Seen, Tümpeln und Teichen. Weil die meisten Kläranlagen die Chemikalien bislang nicht aus den Abwässern filtern können, reichern sie sich in den Gewässern an.

Diclofenac im Wasser

In Deutschland allein geraten jeden Tag mehrere Tonnen an Arzneimittelwirkstoffen in die Natur, warnt das Umweltbundesamt. Rückstände von über 150 Medikamenten sind bereits in der Umwelt nachgewiesen worden. Einer dieser Wirkstoffe ist beispielsweise das weitverbreitete Schmerzmittel Diclofenac, das Nierenschäden bei Fischen hervorrufen kann.

"Wenn wir Medikamente einnehmen, verschwinden sie nicht einfach; wir scheiden sie über den Urin wieder aus", erläutert Jerker Fick, einer der Autoren der schwedischen Studie. Tonnenweise werden die Wirkstoffe zudem gar nicht erst eingenommen, sondern direkt über Spüle oder Toilette entsorgt. Selbst das Trinkwasser könne geringe Konzentrationen davon enthalten, berichtet das Umweltbundesamt. Dies stelle jedoch "keine Gesundheitsgefahr" dar.

Wie sich die Substanzen auf die Umwelt auswirken, wird derzeit nicht systematisch untersucht. Umweltbundesamt-Präsident Jochen Flasbarth empfiehlt daher, "ein Umweltmonitoring für Arzneimittel" einzuführen. Eine entsprechende Umweltverträglichkeitsprüfung solle "im Zulassungsprozess für Medikamente verankert werden".

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Hört auf Jerker Fick...?
PeerVanDijck 14.02.2013
Klingt doch super, was Herr Fick da vorschlägt...ein Umweltmonitoring für Arzneimittel...Aber was hat man sich darunter vorzustellen? Und wie kann Monitoring Einfluss auf die amenge an Arzneimitteln im Grundwasser haben? Die Natur wird's schon richten... hoffentlich
2. Iregndwie mal wieder Politik
spiegelleser987 14.02.2013
Zitat von sysopBent ChristensenRückstände gängiger Psychopharmaka geraten über Abwässer in Flüsse, Seen und Teiche. Dort verändern sie das Verhalten von Fischen. Sie agieren aktiver und mutiger. Die ökologischen Folgen könnten dramatisch sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/medikamente-in-gewaessern-veraendern-das-verhalten-von-fischen-a-883433.html
Zitat: "Umweltbundesamt-Präsident Jochen Flasbarth empfiehlt daher, "ein Umweltmonitoring für Arzneimittel" einzuführen. Eine entsprechende Umweltverträglichkeitsprüfung solle "im Zulassungsprozess für Medikamente verankert werden"." Was soll das? Kein Medikament ist umweltverträglich. Jährlich gelangen massenhaft Tonnen Medikamente und dabei viele Antibiotika in die Umwelt. Sie werden verschrieben und dann weggeworfen, meist direkt ins Abwasser. Das sind Medikamente für 4 Mrd. Euro. Nur spricht darüber niemand, ist ja keine Industriemassentierhaltung. Das hat sogar Verdi festgestellt: ver.di: Die große Verschwendung (http://publik.verdi.de/2007/ausgabe_03/gesellschaft/zukunft/seite_16/A0) Was bitte, Herr Flasbarth, soll eine "Umweltverträglichkeitsprüfung" machen? Sollen dann die giftigen Krebsmedikamente verboten werden? Sollen Antibiotika für den Menschen verboten werden? Möchten Sie lieber homöopathische Mittel? Die sind sicher unheimlich umweltverträglich. Ein Molekül in einem See verursacht sicher keine Umweltprobleme. Medikamente verursachen auch beim Menschen Schäden, aber ohne geht es auch nicht. Dann bleibt die Krankheit bestehen, die betroffenen Menschen wohl kaum ...
3. ...wer sich einmal in der Onkologie umgesehen hat...
quengelbengel 14.02.2013
...der fragt sich eh, warum Krankenhausabwässer in den normalen Abwasserzufluss gelangen dürfen. Man möchte gar nicht wissen, wie unsere Umwelt schon belastet ist... gruselig.
4. Bullsh*it
albimonte 14.02.2013
Die Versuchsanordnung moechte ich gerne mal sehen. Millionenfach verdünnte Benzos sollen Barsche, mit selbstverständlich wahrscheinlich moeglicherweise schwerwiegenden und fatalen oekologischen Folgen, zu ungeheurem Verhalten führen. Derselbe Kokolores wie das Kokain im Flusswasser in Italien vor ein paar Jahren, das Schnecken zu entartetem Tun verleitet haben soll.
5. Olala, das muss ich gleich einmal melden
lackehe 14.02.2013
Zitat von sysopBent ChristensenRückstände gängiger Psychopharmaka geraten über Abwässer in Flüsse, Seen und Teiche. Dort verändern sie das Verhalten von Fischen. Sie agieren aktiver und mutiger. Die ökologischen Folgen könnten dramatisch sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/medikamente-in-gewaessern-veraendern-das-verhalten-von-fischen-a-883433.html
[QUOTE=sysop;12021355]Rückstände gängiger Psychopharmaka geraten über Abwässer in Flüsse, Seen und Teiche. Dort verändern sie das Verhalten von Fischen. Sie agieren aktiver und mutiger. Die ökologischen Folgen könnten dramatisch sein. Medikamente in Gewässern verändern das Verhalten von Fischen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/medikamente-in-gewaessern-veraendern-das-verhalten-von-fischen-a-883433.html)[/QUOTE Der Vorsitzende unseres Angelvereins hatte sich schon auf der letzten Mitgliederversammlung verwundert darüber gezeigt, dass die Fische jetzt viel mehr laichen und die Seen und Flüsse voller Jungfische sind. Sollte dass am Medikamenten - Einfluss liegen, muss herausfinden können, welches Medikament hierfür verantwortlich ist.
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