Meereis Minusrekorde am Nord- und Südpol

Im Winter ist es in der Arktis kalt und dunkel - dann wächst auch das Meereis. Doch die Werte aus diesem Jahr sind so schlecht wie noch nie. Und auch in der Antarktis gibt es einen Minusrekord.

Boot vor Grönlands Küste (Juni 2016)
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Boot vor Grönlands Küste (Juni 2016)


Seit Beginn der Satellitenmessungen vor 38 Jahren war die zugefrorene Fläche in der Arktis im Frühjahr noch nie so klein wie 2017. Auch in der Antarktis wurde demnach ein neuer Negativrekord aufgestellt. Dieses Fazit ziehen amerikanische und deutsche Forscher nach Auswertung aktueller Daten.

Das Eis in der Arktis geht jeden Sommer zurück und baut sich im Winter wieder auf. Im März erreicht es normalerweise seine größte Ausdehnung. Dieses Jahr sei am 7. März aber die geringste Maximalausdehnung seit Beginn der Messungen erfasst worden, erklärten die Forscher vom Nationalen Schnee- und Eisdatenzentrum der USA (NSIDC). Die Eisdecke habe nur 14,42 Millionen Quadratkilometer erreicht. 2016 waren 14,52 Millionen Quadratkilometer gemessen worden.

"Ich beobachte das Wetter in der Arktis seit mehr als 35 Jahren und so etwas wie das, was wir in den vergangenen zwei Jahren erlebt haben, habe ich noch nie auch nur ansatzweise gesehen", sagt NSIDC-Direktor Mark Serreze.

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Arktis: Eisiger Norden

Auch in der Antarktis habe das Meereis am 3. März "die geringste je von Satelliten gemessene Ausdehnung am Ende des Sommers in der südlichen Hemisphäre" erreicht, so die Forscher - die Entwicklung hatte sich zuvor schon abgezeichnet.

"Klimawandel macht auch vor Antarktis nicht halt"

Die Ursache für den Negativrekord in der Arktis war den Angaben zufolge der warme Herbst und Winter. Am Dienstag hatte bereits die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) vermeldet, dass die Arktis in diesem Winter drei Mal von einer Wärmewelle erfasst wurde, bei der starke Atlantikstürme warme, feuchte Luft brachten. Sogar auf dem Höhepunkt des arktischen Winters war die Temperatur an einigen Tagen bis zum Gefrierpunkt und teils darüber hinaus gestiegen.

In einer Studie im Fachmagazin "Nature Climate Change" hatten Forscher kürzlich für das sommerliche Meereis der Arktis gezeigt, dass neben den Treibhausgasemissionen der Menschheit auch natürliche Schwankungen teilweise für den Rückgang verantwortlich sind.

Und auf der anderen Seite der Erde? "Es ist schwierig zu beurteilen, was die Ursachen für diese momentan niedrige Meereisausdehnung in der Antarktis sind", so Christian Haas, Leiter der Abteilung Meereisphysik am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Das Meereis der Antarktis werfe nach wie vor Fragen auf, die wissenschaftlich häufig erst ansatzweise geklärt seien. Generelle Aussagen abzuleiten sei schwierig.

"Es wird spannend zu sehen, wie sich die Meereissituation in der Antarktis in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird", so Haas. Es gebe noch zu viele unbekannte Größen und Wechselwirkungen, die noch untersucht werden müssten. "Eins ist jedoch klar, der Klimawandel macht auch vor der Antarktis nicht halt", sagt Haas.

Riesiger Eisberg bricht ab

Die antarktische Forschungsstation "Halley VI" hatte im Januar wegen Rissen im Eis der Umgebung schließen müssen. Die aus acht blauen und roten Modulen bestehende Einrichtung wurde zu einem 23 Kilometer weiter östlich liegenden Platz auf dem Brunt-Schelfeis gebracht.

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"Halley VI": Wohnen auf Kufen

In der Antarktis bildet sich zudem gerade einer der größten Eisberge, die Forscher bisher registriert haben. Mit rund 5000 Quadratkilometern wird er doppelt so groß sein wie das Saarland. Der Koloss löst sich vom Larsen-C-Schelfeis.

Schelfeise sind auf dem Meer schwimmende Eisplatten, die von Gletschern gespeist werden und mit ihnen noch verbunden sind. Zwar ist das Abbrechen riesiger Eisblöcke, das sogenannte Kalben, ein natürlicher Prozess - Wissenschaftler sind aber dennoch alarmiert: In den letzten zwei Jahrzehnten sind sieben Schelfeise von insgesamt zwölf an der Antarktischen Halbinsel zerfallen oder sehr stark zurückgegangen. Experten sehen einen Zusammenhang mit der Erderwärmung. Sie vermuten, dass Schmelzwasser an der Oberfläche die Schelfeise instabil werden lässt.

Im Fachmagazin "Science Advances" hatten Wissenschaftler vor einigen Tagen berichtet, dass sich die Ozeane deutlich schneller als befürchtet erwärmen. Lange sprachen Forscher von der "fehlenden Wärme", der "missing heat", weil sich die Meere weltweit scheinbar weniger aufheizten als nach Modellen anzunehmen. Ursache war aber offenbar vor allem der Mangel an zuverlässigen Daten über die Wassertemperaturen.

Der aktuellen, unter anderem auf Satellitendaten beruhenden Analyse zufolge erwärmen sich die Meere rund 13 Prozent schneller als bislang gedacht - und der Prozess beschleunigt sich zunehmend. 1992 heizten sich die Ozeane demnach schon fast doppelt so schnell auf wie 1960. Die Meere weltweit sind mit Blick auf den Klimawandel ein immens bedeutsames Speichermedium: Nach Schätzungen gehen mehr als 90 Prozent der Extrawärme in die Ozeane, nur ein kleiner Teil wärmt die Luft.

chs/AFP/dpa

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