Meeres-Spezies entdeckt Heiße Shrimps, glibbrige Schönheiten

Shrimps aus der Urzeit, pelzige Krabben, ein Heringsschwarm von der Größe Manhattans: Forscher haben bei einem Projekt zur Erfassung aller Meerestiere bizarre Lebewesen entdeckt. SPIEGEL ONLINE zeigt ihre spektakulären Bilder.


"Jurassic Shrimps" werden die Garnelen genannt - weil sie nach Ansicht von Experten bereits vor 50 Millionen Jahren ausgestorben waren, wie die Dinosaurier im verfilmten Roman "Jurassic Parc" von Michael Crichton. Allerdings: Die "Jurassic Shrimps" gibt es wirklich - und sie leben wider Erwarten immer noch. Wissenschaftler fanden sie bei der "Volkszählung im Meer", wie das Projekt Census of Marine Life auch genannt wird. Und sie sind nur eine von zahlreichen neu entdeckten Kuriositäten und Rekordhaltern dieses Jahres.

Wissenschaftler der seit sechs Jahren laufenden Artenzählung haben jetzt in New York ihre neuesten Funde vorgestellt:

  • Drei Kilometer tief im Atlantik haben Forscher die bisher höchste Temperatur im Meer gemessen: eine Thermalquelle mit 407 Grad Celsius heißem Wasser. Bei dieser Temperatur schmilzt sogar Blei.
  • Einige Krabben und Muscheln schaffen es, in sonst nur zwei Grad kühlem Wasser Hitzewellen von 80 Grad zu überstehen. Normalerweise werden die Tiere bei solchen Temperaturen im Kochtopf zubereitet.
  • In der Sargasso-See haben Biologen aus 5000 Metern Tiefe mit einem Spezialnetz 500 Arten von Zooplankton gefischt - und fanden gleich zwölf neue Arten. Die winzigen, gallertartigen Tiere erscheinen unter dem Mikroskop als glibberige Schönheiten - und fressen sich gern auch gegenseitig auf.
  • Vor der Küste Portugals tauchte ein Einzeller mit einem für biologische Verhältnisse gigantischen Durchmesser von einem Zentimeter auf - ebenfalls eine neue Art.
  • Unter 700 Meter dickem Eis und 200 Kilometer vom offenen Wasser entfernt wurden mehrere Arten entdeckt, darunter auch eine Qualle, die mit erhobenen Tentakeln schwimmt.
  • Einen halben Meter lang war die 1,8 Kilogramm schwere Languste, die Wissenschaftler vor Madagaskar fanden. Der Krebs gehört zur Art Palinurus barbarae.
  • Acht Millionen Heringe schwammen in einem einzigen Schwarm vor der Küste von New Jersey. Der Schwarm soll in etwa die Größe Manhattans besessen haben - die Insel ist mehr als 21 Kilometer lang und knapp vier Kilometer breit.
  • In der Nähe der Osterinseln entdeckten die Forscher eine Krabbe, die eine Art Pelz trägt. Für den haarigen Fund wurde eigens eine neue Familie in der Taxonomie erstellt, die Kiwaidae.

"Wir können nirgends einen Ort finden, an dem wir nichts Neues entdecken", sagte Chefwissenschaftler Ron O'Dor. Er warb angesichts der neuen exotischen Arten einmal mehr dafür, die vielfältige Lebenswelt in den Meeren zu erhalten. Das könnte den Menschen auch direkt zugute kommen: Wissenschaftler vermuten in den hoch spezialisierten Tieren der Tiefsee zahlreiche neue Wirkstoffe, etwa für Medikamente.

Am Census of Marine Life sind 2000 Forscher aus 80 Ländern beteiligt. Unterstützt wird das Projekt von Regierungen, der Uno und privaten Naturschutzorganisationen. Allein in diesem Jahr fanden 19 Ozeanexpeditionen statt, die 20. wird derzeit durch die Antarktis unternommen. Zudem nahmen und nehmen die Wissenschaftler Wasserproben an 128 Stellen in Küstennähe; mit Satelliten verfolgen sie markierte Haie, Tintenfische, Seelöwen und Albatrosse. Rund 500 Arten haben sie dieses Jahr schon entdeckt, seit Beginn der Meeresvolkszählung insgesamt ein paar tausend neue Spezies.

Bis jetzt seien etwa 16.000 in den Ozeanen vorkommende Fischarten bekannt, sagte Jesse Ausubel von der Sloan Foundation. Insgesamt über 78.000 Arten mariner Lebewesen hätten die Forscher seit Beginn des Projekts gezählt. Bis zum Jahr 2010 will der Census of Marine Life die bislang umfangreichste Bestandsaufnahme des Lebens im Meer aufstellen. Die Forscher wollen nach eigenen Angaben "erfassen, was in den Weltmeeren gelebt hat, lebt und leben wird".

fba/AP/dpa



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