Meeresboden Forscher untersuchen riesiges Loch in der Erdkruste

Auf dem Grund des Atlantiks haben Forscher ein gewaltiges Loch in der Erdkruste gefunden. Wo sich Gestein der Kruste kilometerdick auftürmen müsste, liegt der Erdmantel frei. Die Geologen schwärmen vom "Fenster ins Innere der Erde".

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Santa Cruz de Tenerife - Britische Wissenschaftler haben eine Expedition gestartet, um riesige Lücken auf dem Boden des Atlantiks zu erkunden. Die rätselhaften Bereiche befinden sich am Mittelatlantischen Rücken, wo die Afrikanische auf die Südamerikanische Erdplatte stößt.

Mittelatlantischer Rücken: Zwischen Afrika und Südamerika haben Forscher eine Lücke in der Erdkruste entdeckt
NASA / GoogleEarth

Mittelatlantischer Rücken: Zwischen Afrika und Südamerika haben Forscher eine Lücke in der Erdkruste entdeckt

"Durch die Öffnung können wir direkt in den Erdmantel schauen", sagte Projektleiter Roger Searle, Geophysiker an der Durham University. Neben einer großen Lücke glauben die Forscher noch ein zweites und möglicherweise gar ein drittes Loch ausgemacht zu haben.

Das größte befindet sich auf halber Strecke zwischen Teneriffa und Barbados. Es liegt den Angaben zufolge fünf Kilometer unter der Wasseroberfläche und hat einen Durchmesser von drei bis vier Kilometern. Am Mittelatlantischen Rücken, wo zwei tektonische Platten auseianderdriften und sich eine Reihe von Untersee-Vulkanen erstreckt, sind solche Löcher in der Erdkruste keine Seltenheit. Allerdings füllen sie sich normalerweise von unten wieder mit Lava auf.

"Man kann nur darüber spekulieren, warum das in diesem Fall nicht geschehen ist", sagte Ulrich Hansen, Professor am Institut für Geophysik der Universität Münster, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Auch die britischen Forscher hatten erwartet, dass sich an der Stelle des von ihnen entdeckten Lochs sieben Kilometer Erdkruste auftürmen. Stattdessen könne man direkt auf den Fels des Erdmantels blicken - der grün schimmert, weil er aus dem Mineral Olivin besteht.

"Spektakuläre Entdeckung"

Die Entdeckung ist laut Hansen "spektakulär", weil sich hier die einmalige Gelegenheit biete, mit relativ geringem Aufwand an große Mengen Erdmantel-Material zu gelangen. "Das ist sonst extrem schwierig, weil man kilometertief bohren muss." Auf dem Trockenen reichten die tiefsten Bohrlöcher der Welt nur etwa zehn Kilometer tief. "Eine solche Bohrung kostet rund eine Milliarde Euro, und man steckt immer noch in der Erdkruste."

In den Ozeanen sei die Kruste zwar wesentlich dünner als auf den Kontinenten. "Aber es wäre enorm schwierig, vom offenen Meer aus kilometertief in die Erde zu bohren", sagte Hansen. "Deshalb ist es äußerst wertvoll, wenn man große Mengen von Mantelmaterial praktisch auf dem Tablett serviert bekommt."

Entsprechend enthusiastisch gibt sich das zwölfköpfige Team des britischen National Oceanography Centre, das gestern unter der Leitung von Searle mit dem Forschungsschiff "RRS James Cook" zur Erdkrusten-Lücke aufgebrochen ist. Denn bisher hätten Wissenschaftler bestenfalls kleine Stücke aus dem Erdmantel gefunden, die zusammen mit Lava an die Erdoberfläche gelangt seien - aber noch nie ein großes, nacktes Stück Meeresboden.

"Ein Fenster ins Innere der Erde"

Die Forscher versprechen sich von ihren sechswöchigen Untersuchungen weit reichende Erkenntnisse über die Chemie der Ozeane und das Verhalten der Erde unter dem Meereswasser. Ein Hightech-Tauchroboter namens "Toby" soll Gesteinsproben ans Tageslicht befördern und den Meeresboden filmen. Die Episode zeigt einmal mehr, wie wenig erforscht der Grund der Tiefsee ist. Erst im vergangenen Dezember hatten Wissenschaftler mitten im Pazifik eine blanke Steinplatte von der Größe des Mittelmeers entdeckt - obwohl man bisher davon ausgegangen war, dass eine dicke Schlammschicht überall auf der Welt den Meeresboden bedeckt.

Das Loch in der Kruste am Mittelatlantischen Rücken wurde bereits vor fünf Jahren bei Sonar-Untersuchungen entdeckt, sagte Bramley Murton, einer der an der Expedition beteiligten Geophysiker. Es gebe derzeit zwei Theorien über die Entstehung der Lücke: Eine Verwerfung habe ein großes Stück der Erdkruste weggerissen, oder aber das Gebiet sei von den Vulkanen, die zur Entstehung der Kruste beitragen, aus rätselhaften Gründen ausgelassen worden. Das Loch, schwärmte Murton, "ist wie ein Fenster ins Innere der Erde".

Mit Material von AP



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