Meeresforschung Kleine Inseln verstärken Tsunamis

Warum verwüstete der Tsunami von 2004 Sumatra so heftig, obwohl zahlreiche Inseln davor liegen? Forscher simulierten 200 Wellenszenarien am Computer und stellten fest: Kleine Inseln können wie ein Verstärker wirken.

Tsunami-Simulation bei vorgelagerten Inseln: "Wie eine Linse"
University College Dublin

Tsunami-Simulation bei vorgelagerten Inseln: "Wie eine Linse"


Vermutet haben Forscher es schon lange - nun zeigen es auch Computersimulationen: Kleine vorgelagerte Inseln schützen die Küste dahinter nicht, sondern können Tsunamis sogar verstärken. Das berichten Forscher im britischen Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society A". Die Wissenschaftler um Themistoklis Stefanakis und Emil Contal vom Französischen Zentrum für angewandte Mathematik in Cachan studierten dafür die Bewegungen von Wellen in 200 verschiedenen Simulationen.

Bereits in früheren Untersuchungen hatten Forscher festgestellt, dass Sumatra 2004 besonders stark vom Tsunami verwüstet wurde, obwohl viele kleine Inseln davor liegen. Das verwunderte die Forscher, die bis dahin glaubten, dass kleine Inseln das Land und die Küstenbewohner eher vor Wind und Wellen schützen.

Die Forscher um Stefanakis wollten daher untersuchen, ob die besonderen Verwüstungen im Jahr 2004 Folge einer ungünstigen Kombination der speziellen Meeresbodentopografie vor Sumatra und den möglichen Eigenheiten des damaligen Tsunamis waren oder ob es sich um ein generelles Phänomen handelt.

Effekt einer Insel: Die zerstörerische Kraft der Welle wird noch fokussiert
University College Dublin

Effekt einer Insel: Die zerstörerische Kraft der Welle wird noch fokussiert

In ihren Computersimulationen variierten sie daher die Höhen von Inseln und Küsten, die Wassertiefe sowie die Distanz zwischen Küste und Insel selbst. Das Ergebnis: In keiner der 200 Computersimulationen schützte eine vorgelagerte Insel die dahinterliegende Küste. Im Gegenteil - die Inseln verstärkten die Energie des Tsunamis noch, teilweise sogar um bis zu 70 Prozent.

Oft habe sich eine Insel eher "wie eine Linse verhalten und die zerstörerische Kraft der Welle noch fokussiert", sagt Ko-Autor Frédéric Dias vom Französischen Zentrum für angewandte Mathematik. Die Wellen schwappen links und rechts an den Inseln vorbei und treffen auf Nachbarwellen oder vereinigen sich hinter der Insel erneut. Ähnlich wie bei Monsterwellen - wenn Wellenfelder aus unterschiedlichen Richtungen aufeinandertreffen - verstärken sich die Wellen dadurch.

Frédéric Dias hofft, dass die Ergebnisse Küstenbewohner und Behörden zum Umdenken bewegen, wenn es darum geht, die Gefahren durch Tsunamis abzuschätzen.

khü/AFP



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r_cochard 12.11.2014
1. Kleine Inseln hatten keinen Effekt im Dezember 2004
Einige Aspekte in diesem Artikel sind irreführend und nicht korrekt wiedergegeben. Die Forschung von Stefanakis et al. nimmt Bezug auf ein Phänomen, welches während dem Tsunami im Jahre 2010 vor den Mentawai Inseln (südlich von Sumatra) beobachtet wurde. Die wiedergegebene Modellkarte illustriert denn auch das Phänomen an jener Küste. Der Satz „Bereits in früheren Untersuchungen hatten Forscher festgestellt, dass Sumatra 2004 besonders stark vom Tsunami verwüstet wurde, obwohl viele kleine Inseln davor liegen“ ist so nicht korrekt. Klickt man auf den Link (auf „früheren Untersuchungen“) gelangt man denn auch zum Original-Artikel (Hill et al. 2012), welcher Bezug nimmt auf den 2010 Mentawai Tsunami. Der Tsunami im Dezember 2004 hatte aber seine Quelle zwischen den vorliegenden grösseren Inseln (Simeulue) und dem Festland. Zwischen der Tsunami-Quelle und dem Festland gab es kaum irgendwelche „kleine Inseln“. Die Ursache für die grosse Zerstörungskraft des Tsunami im Dezember 2004 lag demzufolge keineswegs im Vorhandensein von „kleinen Inseln“, sondern alleine in der Stärke des Seebebens, in der Nähe des Festlandes zum Epizentrum, und in gewissen beeinflussenden Faktoren der Küsten-Unterwasserlandschaft. Auch wenn die gewissenhafte Forschung von Stefanakis et al. zweifellos zum weiteren Verständnis des Tsunami-Risikos in Küstengebieten beiträgt, so würde ich zu Vorsicht mahnen in Bezug auf populärwissenschaftlich vereinfachte Rückschlüsse. Erstens spezifiziert der Artikel im Spiegel nicht, wie „klein“ denn genau eine „kleine Insel“ sein muss, um diesen Effekt zu erzeugen. Zweitens können möglicherweise auch gewisse „kleine Inseln“ noch immer die Küste schützen, je nach ihrer Form, und je nach der benachbarten Küstenmorphologie. Im Allgemeinen kann man sagen, dass Inseln (auch verhältnismässig „kleine“) ab einer gewissen Grösse wohl tendenziell eher die Festland-Küsten schützen statt zu bedrohen. Dies war zum Beispiel im Dezember 2004 an verschiedensten Küstenabschnitten von Südthailand zu beobachten (wo es viele Küsten-nahe Inseln gibt), jedoch kaum in Sumatra (wo es, wie gesagt, kaum Inseln gab im Flussfeld des Tsunamis).
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