Meeressäuger Walgesang geht im Lärm unter

Schiffsverkehr und Schallexperimente stören das empfindliche Gehör der Wale mehr als bisher angenommen. Der Gesang der Meeressäuger könnte verstummen, bevor man dessen Bedeutung richtig verstanden hat.

Von , Washington


Die Gespräche der Wale spielen sich vor einer gewaltigen Geräuschkulisse ab. Ebbe und Flut, Stürme und unterirdische Seebeben sorgen für ein beeindruckendes natürliches Rauschen. Immer öfter ist es aber auch der Donner von Erkundungsexplosionen für die Ölförderung, der Schall militärischer Experimente und natürlich der Lärm der Schifffahrt, der sich in den Weiten der Meere ausbreitet. "Bei diesem Ozean-Smog passiert es immer häufiger, dass sich die Wale überhaupt nicht mehr verstehen können", berichtet Christopher Clark nun auf der Jahrestagung der größten US-Wissenschaftsorganisation AAAS in Washington.

Seit rund neun Jahren untersucht der Meeresbiologe von der Cornell University mit seinem Team den Gesang der Wale. Mittels der Unterwassermikrofone des Sound Surveillance System (Sosus) - ein Abhörsystem vor den Küsten Amerikas, gebaut in Zeiten des Kalten Kriegs - sammelte er Klangproben von verschiedenen Arten, lokalisierte deren Position im Atlantik und erstellte daraus eine Art akustische Karte.

Clark konnte beobachten, dass die Routen, die Wale während ihrer Wanderungen durch die Meere nutzen, oft entlang flacher Küstenlinien verlaufen, wo auch viele bevorzugte Futterplätze liegen. "Das sind leider schon längst die lautesten Orte im Meer", sagt Clark.



Ausgerechnet von dort senden männliche Wale zumeist ihren Gesang an die Weibchen aus. Die Weibchen aber können den Gesang wegen der Lärmverschmutzung möglicherweise nicht mehr hören. Informationen über geeignete Brutplätze und Nahrungsvorkommen gehen verloren. "Der Bereich, in dem sich der Gesang der Wale ungestört ausbreiten kann, schrumpft immer weiter zusammen", sagt Clark.

Bisher ist die Verständigung der Wale nur zum Teil erforscht. Das komplizierte Kommunikationssystem dient den Tieren, um sich auch über lange Distanzen zu verständigen. Der Laut eines Blauwals reicht im Wasser mehr als 500 Kilometer weit, auch die Lieder der Finnwale legen weite Strecken zurück. Buckelwale singen während ihrer Wanderung von den Futterplätzen in der Antarktis zu den Gebieten, in denen sie ihre Junge gebären.

Alle Tiere nutzen hierfür einen natürlichen Unterwasser-Verstärker. Die Schallwellen können am besten in einem Kilometer Tiefe übertragen werden, denn hier bilden sinkende Temperaturen und der hohe Druck einen Kanal. In einen solchen Tunnel eingebettet, können die Gesänge Hunderte von Kilometern zurücklegen.

Einwirkungen von außen, wie etwa der Lärm vorbeiziehender Schiffe, kann diese empfindlichen Wege entscheidend stören. Erst vor kurzem haben Wissenschaftler der Columbia University bewiesen, dass Schall, wie ihn die Industrie auf der Suche nach Erdöl einsetzt, den Gesang der Wale behindern kann. In den amerikanischen Gewässern wurden daraufhin die Richtlinien, die dort operierende Schiffe einhalten müssen, verschärft. Der Radius, in dem sich während Schall-Tests kein Wal aufhalten darf, wurde vergrößert.

Auch Clark fordert weitere Schutzmaßnahmen. Schiffe müssten noch viel leiser werden, die erlaubten Routen besser auf die Wege der Meerestiere abgestimmt werden.



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