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12. Februar 2018, 21:05 Uhr

Satellitenmessungen

Meeresspiegel steigt immer schneller

Die Erhöhung des Meeresspiegels beschleunigt sich, berichten Klimaforscher unter Berufung auf Satellitendaten. Diese zeigen, dass die Pegel in den vergangenen Jahren schneller angestiegen sind als bisher angenommen.

Der Meeresspiegel steigt jedes Jahr etwas schneller - und der Zuwachs könnte deshalb bis zum Jahr 2100 mehr als das doppelt so groß sein, als wenn man von einem linearen Anstieg ausgeht. Das haben Wissenschaftler anhand von Satellitenmessungen errechnet.

Seit 1993 stieg der Meeresspiegel im weltweiten Durchschnitt jährlich um etwa drei Millimeter. Die nun gemessene Beschleunigung könnte dazu führen, dass der Anstieg im Jahr 2100 zehn Millimeter pro Jahr beträgt. Das berichtet die Forschergruppe um Steve Nerem von der University of Colorado in Boulder in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte demnach der Durchschnittspegel an den Küsten um 65 Zentimeter höher liegen als im Jahr 2005. "Und das ist mit ziemlicher Sicherheit eine vorsichtige Schätzung", wird Nerem in einer Mitteilung seiner Universität zitiert.

Der Weltklimarat IPCC war in seinem fünften Sachstandsbericht (2014) bereits von einem beschleunigten Anstieg der Pegel ausgegangen. Er prognostizierte eine Zunahme zwischen 28 und 98 Zentimetern bis zum Jahr 2100. Hinter den beiden Werten stehen Szenarien mit niedrigem beziehungsweise hohem Treibhausgasausstoß, die eine unterschiedlich starke Erderwärmung zur Folge haben.

Messdaten von Satelliten

Bei ihrer neuen Kalkulation gingen die Forscher um Steve Nerem nun davon aus, dass sich die Veränderungsrate der vergangenen 25 Jahre in Zukunft fortsetzt. "Angesichts der großen Veränderungen, die wir heute in den Eisschilden sehen, ist das unwahrscheinlich", betont Nerem. Der Anstieg werde wahrscheinlich noch höher ausfallen.

Nerem und Kollegen verwendeten die längste bisher vorhandene Satellitenmessreihe zur globalen Meereshöhe. Sie begann mit dem Start des Erdbeobachtungssatelliten "Topex/Poseidon" im August 1992 und wurde mit den drei "Jason"-Satelliten fortgesetzt.

Die Wissenschaftler berücksichtigten verschiedene Faktoren, die den globalen Meeresspiegel beeinflussen, etwa das Klimaphänomen El Niño im Pazifik. Auch die Schwankungen in den Wassermengen, die an Land gespeichert werden, gingen in die statistische Analyse ein.

Schmelzendes Eis und sich ausdehnendes Wasser

Bedeutsam war zudem der Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo 1991: Dessen Auswirkungen auf den Meeresspiegel zeigten sich zu Beginn der Satellitenmessreihe: Seine Aschewolke kühlte das Klima, der Anstieg des Meeresspiegels sollte sich demgemäß verlangsamt haben, berichten die Forscher.

Ebenso glichen die Forscher die Satellitenmessungen, die sich auf das offene Meer beziehen, mit gemessenen Gezeitenpegelständen an den Küsten ab.

Ergebnis: Die ersten Jahre der Satellitenmessungen hatten zu hohe Werte ergeben, das Messgerät war anscheinend falsch eingestellt; die Werte haben die Forscher nun nach unten korrigiert. Entsprechend größer fiel der Meeresspiegelanstieg in den folgenden Jahren aus.

Das Team um Nerem errechnete eine Beschleunigung des globalen Meeresspiegelanstiegs um 0,08 Millimeter pro Jahr zum Quadrat. Der jährliche Anstieg, der derzeit bei etwa 3 Millimetern liegt, erhöht sich demnach jedes Jahr um einen immer größeren Wert. Daraus ergibt sich eine immer steiler ansteigende Kurve. Verantwortlich dafür ist zum einen das Abschmelzen der Eisschilde, zum anderen der Umstand, dass Wasser sich bei Erwärmung ausdehnt.

"Die Studie stellt sehr glaubhaft dar, dass es eine Beschleunigung des Anstiegs gibt", urteilt Ingo Sasgen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Die Forscher hätten nicht nur neue Messdaten verwendet, sondern diese auch sehr gründlich ausgewertet.

So seien zahlreiche Effekte, die nichts mit dem Klimawandel zu tun haben, herausgerechnet worden. Dass beim deutschen Küstenschutz zum Teil mit einem Meeresspiegelanstieg um bis zu 1,70 Meter bis 2100 gerechnet werde, erklärt Sasgen mit Extremwerten, die dabei angenommen worden seien.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Artikels hieß es fälschlicherweise, dass die neue Studie einen doppelt so großen Anstieg im Vergleich zu bisherigen Prognosen voraussagt. Der Anstieg bis 2100 aber wäre vielmehr doppelt so groß, wenn man annähme, dass die Pegel künftig von Jahr zu Jahr nur linear steigen würden. Wir haben den Fehler korrigiert. Ergänzt wurde zudem die Einheit der Beschleunigung des Pegelanstiegs - sie beträgt 0,08 Millimeter pro Jahr zum Quadrat.

hda/dpa

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