Gefährliche Stromschnellen "Als ob tausend Hände einen packen"

In allen Meeren der Welt können Strudel Menschen und Boote in die Tiefe reißen. Die gefährlichsten Stromschnellen im Überblick.

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Der Sommer lockt Urlauber ans Wasser, doch im Wasser droht Gefahr: Jedes Jahr zur Hochsaison reißen Meeresströme Touristen ins Verderben.

Die Bedrohung ist heimtückisch: Anders als Stürme oder Wellen bleiben Stromschnellen eher unsichtbar. Gefahr lauert mancherorts auch in Strandnähe.

Besonders in Meerengen beschleunigt das Wasser, etwa zwischen Inseln oder am Eingang zu Atollen. Zwängen sich Wassermassen durch schmale Passagen, forcieren sie mitunter auf 40 Kilometer pro Stunde.

Schiffe, die langsamer sind, werden wie Treibholz fortgespült. Strudel ziehen gekenterte Boote in den Abgrund.

Fünf gefährliche Stromschnellen und eine globale Bedrohung am Strand im Portrait:

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Mahlstrom:

imago

Das Ohr an den Fußboden ihres Hauses gepresst, lauschen Bewohner der westnorwegischen Lofoteninseln dem gefährlichen Geblubber vor ihrer Küste. Dort rauscht der berüchtigte Mahlstrom vorbei.

Die schnelle Strömung donnert an die felsigen Gestade, das Grollen dringt weit ins Land. Seefahrer fürchten den Mahlstrom nicht nur wegen seiner Rasanz, auch wegen seiner Strudel.

In Edgar Alan Poes Geschichte "Sturz in den Mahlstrom" nehmen die Wirbel so große Dimensionen an, dass sie Schiffe verschlingen. So hilflos sind in Wirklichkeit selbst Segelboote nicht der Strömung ausgeliefert. Doch immer wieder gibt es Unfälle.

Seit Jahrhunderten lockt der Strom Fischer. Denn Nährstoffe werden aufgewirbelt, sodass sich insbesondere Dorsch, Lachs und Scholle in der Meerenge einfinden.

Der Preis für die reichen Fänge lässt sich am Meeresgrund ermessen. Dort liegen die Wracks unzähliger Fischerboote.

Saltstraumen:

imago/ CHROMORANGE

Weniger bekannt als der Mahlstrom, aber noch gefährlicher ist der Saltstraumen, die schnellste Gezeitenströmung der Welt. Eine steile Erhebung des Meeresbodens zwingt Meerwasser vom Boden an die Oberfläche, sodass es beschleunigt.

Mit bis zu 40 Kilometern pro Stunde rauscht er zwischen den nordnorwegischen Inseln Straumen und Straumøy entlang. Boote, die langsamer sind, geraten in Schwierigkeiten - insbesondere, wenn sie in einen jener bis zu zehn Meter breiten Strudel rutschen.

Die Wirbel können Menschen in den Abgrund reißen. Um den Saltstraumen zu erleben, muss man sich nicht ins Wasser begeben. Das Spektakel lässt sich von einer 40 Meter hohen Brücke aus verfolgen.

Pentland Firth / Fall of Warness:

imago/ Bluegreen Pictures

Von großer Angst berichten Segler: "Unser Boot rappelte wie eine Kartoffelsortiermaschine", heißt es im Tagebuch eines deutschen Weltumseglers. Von allen Seiten seien Wellen aufs Deck geklatscht.

Ihre Sorge ist berechtigt: Mehr als 60 Wracks rosten am Grund des Pentland Firth zwischen Schottland und den Orkney-Inseln.

Nun soll sich die Meerenge von einer Bedrohung für Seefahrer in ein Kraftwerk wandeln. Am Grund testen Ingenieure Turbinen: Vom Gezeitenstrom - dem Fall of Warness - angetrieben, sollen sie Energie liefern, um Zehntausende Haushalte mit Strom zu versorgen.

Um das gigantische Bauwerk zu errichten, müssen allerdings Schiffe, Bagger und Kräne eingesetzt werden. Eine große Herausforderung - sie müssen der Strömung von 30 Kilometern pro Stunde standhalten.

Old Sow:

Getty Images

Zwischen der US-amerikanischen Insel Eastport und der kanadischen Deer Island bildet sich bei Flut ein mehr als 70 Meter breiter "Gully" im Meer - es ist "Old Sow" ("Alte Sau").

Die ungewöhnliche Form der Meerenge zwingt das Meer in eine Drehung: Das Wasser muss sich in rechtem Winkel um die Küste schlängeln und trifft danach auf einen Unterseeberg, wobei es wie in einem Schwungrad beschleunigt.

Der Old Sow habe "regelmäßig Schiffe verschluckt", berichten Einheimische. "Falls dich Old Sow fängt", raten sie, "bekämpfe sie nicht. Kontrolliere nur dein Boot, hindere es am Kentern."

Wenn man Glück hat, spuckt einen der Strudel wieder aus.

Rippströme, weltweit:

Dave Clark/Woods Hole Oceanograp

Meistens bemerken Badende zu spät, dass sie in Gefahr sind. Ein Sog packt sie, zieht sie hinaus, wirft ihre Körper hin und her. Oft versuchen die Leute panisch, gegen die Strömung anzuschwimmen - sie haben keine Chance: Rippströme können auf zehn Kilometer pro Stunde beschleunigen, dagegen kommen nicht mal Schwimm-Olympiasieger an.

In den USA sterben in Rippströmen etwa 50 Menschen pro Jahr, mahnt die Nationale Behörde für Ozean- und Atmosphärenforschung (NOAA). Die einzige Rettung: Ruhig zur Seite schwimmen - Rippströme sind zwar stark, aber meist nicht breit.

Rippströme kommen an Küsten mit kräftigen - aber nicht unbedingt hohen - Wellen vor. Die Energie der Brandung wird am Strand reflektiert, Wasser strömt zurück.

In Vertiefungen im Meeresboden oder in Lücken in einer Sandbank kanalisiert sich der Rückstrom: Je mehr Wasser sich im Rippstrom sammelt, desto schneller fließt er.

Strände an Ostsee und Nordsee sind weniger gefährdet, in flacheren Nebenmeeren bewegt sich weniger Wasser, mithin weniger Energie - die Rückströme bleiben klein.

Gefährlich kann es allerdings in den Prielen im Wattenmeer der Nordsee werden (siehe Fotostrecke oben): In kurvigen schmalen Sandgräben strömt auf- und ablaufendes Nordseewasser mit so starker Strömung, dass Schwimmer nicht gegenhalten können.

Corryvreckan Whirlpool:

Jurgen Rendtel

"Als ob tausend unsichtbare Hände einen packen", beschrieb ein Sporttaucher den Corryvreckan Whirlpool, eine Meerenge im Westen Schottlands zwischen den Inseln Scarba und Jura. Er hatte sich für ein Experiment an einer Sicherheitsleine in die Strömung gewagt.

Vor "sehr starken und gefährlichen Turbulenzen" warnt ein Seefahrer-Leitfaden, "kein Schiff ohne Ortskenntnis sollte die Passage befahren".

Manche Abschnitte der Meerenge gelten als vollkommen unschiffbar. Wer die gewaltigen Strudel umkurvt, hat es mit ungewöhnlichem Wellengang zu tun - die Strömung wirft bis zu neun Meter hohe Wogen auf. Manche verharren stets an einer Stelle, es sind stehende Wellen - Wände aus Wasser.

Kurz vor Neumond, wenn die Gezeitenströme besonders stark sind, war Jürgen Rendtel mit seinem Boot am Corryvreckan; er hat die hier gezeigte Aufnahme fotografiert. "Es war praktisch windstill", erzählt er, "so zeigte sich im Wasser der reine Effekt der Wirbel".

Motorbootfahrer beeindruckt auch der Moment, in dem sie den Corryvreckan Whirlpool verlassen: "Ganz plötzlich", schreibt etwa der Wissenschaftsautor Simon Winchester, "ist es vorbei". "Sofort herrscht Stille, dankenswerterweise."

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 28.07.2016
1. Um Himmels Willen
Bitte verharmlost die Gefahr von Rippströmen auch an der Nordsee nicht. Jährlich ertrinken einige Menschen z.B. an der belgischen Küste darin. Schräg auftreffende Brandung kann sie überall auslösen. In aller Ruhe ein Stück parallell zum Strand schwimmen, nie hektisch dagegen an, bringt einen nach ca. 20-30m in stehendes Wasser.
stefan.hemmer 28.07.2016
2. Bild #9: Fehmarn?
Der kleine Belt ist eine Meerenge in Dänemark zwischen Jütland und der Insel Fünen. Oder meint der Autor den Fehmarnbelt? Dann zeigt das Bild die falsche Brücke.
nickmason 28.07.2016
3. Der gefährlichste Strudel
Die genannten Beispiele machen Angst und mahnen zur Vorsicht. Doch der gefährlichste Strudel von allen ist der Malmstrom im Zamonischen Ozean. Fans von Käpt'n Blaubar kennen ihn nur zu gut! http://de.zamonien.wikia.com/wiki/Malmstrom_(Lexikoneintrag)
willibaldus 28.07.2016
4. Auf den Philippinen war ich mit einem
hochseetüchtigen Auslegerboot ca 4Std zu einer anderen Insel gefahren worden. Der Schiffer sprach von gefährlichen Wirbeln und hielt einen ziemlich gewundenen Kurs meist an der Küste entlang. Ich habe tatsächlich einen ca 100m durchmessenden Wirbel gesehen, allerdings ohne Trichter. Auf der Rückfahrt, Tage später haben wir ein Schnellboot genommen. Für einige Dutzend Passagiere. Ich hatte einen Sitzplatz im Inneren gefunden, konnte aber durch die Tür nach draussen sehen und bekam mit wie das Boot direkt durch so einen Wirbel fuhr, diesmal mit einem Trichter. Der war nicht so gross und der Trichter war auch nicht sehr tief, das Schnellboot machte aber doch einen deutlichen Ruck zur Seite. Schon beängstigend, wenn man als nicht-Seemann die Situation so gar nicht einschätzen kann.
martine-primus 28.07.2016
5. Atlantikküste bei Bordeaux
da bin ich in eine Rippströmung geraten. Hatte davon noch nie gehört. Das war in den 80ern. Der Schock sitzt so tief.... wir mussten gerettet werden (und konnten gerettet werden!). Und das ging ganz unbemerkt. Man plaudert in Strandnähe, hat die Sandbank noch unter den Füssen, plätschert ein wenig und.... hat sie nicht mehr unter den Füssen. Zurückschwimmen zum Strand ging nicht, keine Chance. Nach der Rettung mussten wir gut 15 Minuten am Strand zurück laufen... Wir waren da 15/16 Jahre alt.
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