Mega-Projekt Bundeswaldinventur: Ich glaub, ich zähl im Wald!

Von Christoph Seidler, Eberswalde

Buche, Lärche, Kiefer: Wie viele Bäume wachsen in deutschen Wäldern? Fotos
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Wie viele Bäume hat Deutschland? Um die Antwort auf diese scheinbar simple Frage zu finden, hat die Bundesregierung ein riesiges Forschungsprojekt gestartet. Es geht um nichts weniger als die möglichst vollständige Vermessung der Wald-Welt. Ein Besuch am Messpunkt 38.659 zeigt, wie schwer das ist.

Glückstreffer! Der Metalldetektor piept im Dauerton, kaum dass Jochen Ernst ihn ausgepackt hat. Dann noch mit der Spitze des robusten Wanderschuhs das alte Laub ein wenig zur Seite geschoben - und schon ist es zu sehen: das im Boden versenkte Eisenstück wird für die nächsten ein, zwei Stunden der Mittelpunkt der Welt von Jochen Ernst und Detlef Keil sein.

Die beiden Männer vom Landesbetrieb Forst Brandenburg stehen an einem kalten Oktobermorgen etwas südlich des Städtchens Eberswalde. Ihre Mission: die Bäume auf 52,814423 Grad nördlicher Breite und 13,814361 Grad östlicher Länge zu zählen.

Die Forstexperten haben dafür einen Tablet-PC zum Umhängen, Ultraschall- und Laser-Abstandsmesser, ein Navigationssystem, Maßbänder, einen Kompass und andere nützliche Dinge mitgenommen. Sie arbeiten an einem Mega-Projekt mit, für das derzeit Hunderte eigens geschulte Mitarbeiter durch ganz Deutschland stapfen: Die dritte Bundeswaldinventur soll möglichst präzise Informationen zum Zustand der heimischen Bäume liefern.

Mit GPS durch den Buchenwald

Es geht um fundamentale Fragen: Knapp ein Drittel Deutschlands ist bewaldet - und in den Jahren nach der Wende haben sowohl die Waldfläche als auch der Holzvorrat in Deutschland zugelegt. Doch tun sie das immer noch? Und werden die heimischen Wälder auch in der Zukunft genug Holz liefern, um unseren Bedarf zu decken? Die Zählung soll verlässliche Antworten liefern.

Der Aufwand ist gigantisch: Ein unsichtbares Vier-mal-vier-Kilometer-Raster aus sogenannten Trakten überzieht das Land. An jedem dieser Trakte wird an jeweils vier Messpunkten - A bis D - gezählt, was sich an Bäumen finden lässt: verkrüppelte Kiefern an alpinen Felshängen, Linden am Straßenrand, Apfelbäume in Plantagen. Und eben die Buchen im Naturpark Barnim, unter denen die Forstexperten gerade stehen.

Die Zählung startet immer an Markierungspunkten, wie Jochen Ernst gerade einen aufgespürt hat. Seit den ersten beiden Bundeswaldinventuren schlummern die Eisenstücke unsichtbar im Boden. Eines der Exemplare wurde an der Südostecke des Traktes Nummer 38659 versenkt. Von der Kreuzung zweier Waldwege sind die beiden Männer dazu in einen lichten Buchenwald abgebogen, geleitet von GPS- und Glonass-Navigationssatelliten, elektronisch gespeicherten Luftbildern und Geländekarten - und schließlich dem Metalldetektor. Und hier stehen sie nun, direkt über dem im Boden versenkten T-Profil aus Eisen.

Deutschland könnte still und leise auf eine Holzkrise zusteuern

"Der Waldbesitzer weiß nicht, wo die Messpunkte liegen. Die Leute könnten sonst die Datenaufnahme verfälschen", sagt Detlef Keil. Denn die ganze Sache ist eine hochpräzise Angelegenheit und man muss einen gewissen Hang zur Pedanterie haben, um das alles nachzuvollziehen. So muss der Durchmesser der Bäume in exakt 1,30 Meter Höhe bestimmt werden, müssen Bissspuren an Jungbäumen nach dem Schweregrad klassifiziert werden - und die Zähltrupps unter anderem über die Frage befinden, in welche Richtung ein toter Baum gefallen ist: Ist er aus einem imaginären Zählkreis nach außen gefallen, taucht er in der Statistik unter dem Punkt "Totholz" auf. Fiel er dagegen anders herum, dann wird er nicht aufgeführt.

Ungefähr acht Milliarden Bäume gibt es in Deutschland. Natürlich kann niemand alle zählen. Deswegen behelfen sich die Inventurtrupps mit statistischen Verfahren. Doch leicht machen sie es sich deswegen nicht: Bei der letzten Waldinventur vor zehn Jahren wurden rund 400.000 Bäume einzeln vermessen. Diesmal werden es wohl ähnlich viele sein, doch genaue Ergebnisse der Zählung gibt es voraussichtlich erst 2015.

Vieles deutet darauf hin, dass sich der Trend der vergangenen Jahre fortsetzen wird: Deutschlands Wälder wachsen, auch der verminderte Einschlag infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise dürfte dabei geholfen haben. Und doch könnte das Land heimlich, still und leise auf eine veritable Holzkrise zusteuern. Das glauben jedenfalls Matthias Dieter vom Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut in Hamburg und seine Kollegen. Die Forstexperten haben ausgerechnet, dass der Holzbedarf von Sägewerken, Spanplattenproduzenten und Zellstofffabriken in den kommenden Jahren stärker steigen dürfte als das Angebot. Vor allem aber treibt der Wunsch nach stärkerer Bioenergienutzung den Hunger nach Holz.

Das bedeutet, dass Deutschland mehr Holz importieren wird, zum Beispiel aus Kanada und den USA, aber auch aus Russland und anderen Staaten. Mit ziemlicher Sicherheit wird auch Holz aus dubiosen Quellen darunter sein. "Wir haben für das Jahr 2020 eine Versorgungslücke von 30 bis 35 Millionen Kubikmetern ausgemacht", sagt Institutschef Dieter. "Für ganz Europa könnte diese Versorgungslücke nach einer Prognose der Universität Hamburg sogar bei bis zu 400 Millionen Kubikmetern liegen." Und viel mehr Holzrecycling als bisher geht zumindest hierzulande kaum - die Papierindustrie hat eine Recyclingquote von 70 Prozent.

Sieger und Verlierer in einem stillen Kampf

Die Buchen von Eberswalde sind brav gewachsen. Jochen Ernst vermisst die Bäume rund um den Zählpunkt mit Maßband und Laser-Höhenmesser. Ein Baum - Ernst hat eine in Plastik eingeschlagene Eins daran festgepinnt - hat seit der Landeswaldinventur von 2008 beim Durchmesser um sechs Millimeter zugelegt. Sein Nachbar zur linken, die Nummer acht, hat sich um einen ganzen Zentimeter verbessert. Der Sieger in einem stillen Kampf: "Die Acht nimmt der Eins das Licht weg", sagt Keil. "Der Kleine wird immer kleiner bleiben, es sei denn, der Große fällt irgendwann."

Neben Durchmesser und Dicke der Bäume muss eine lange Liste weiterer Details erfasst werden. Was wächst am Boden? Adlerfarn? Brennesseln? Heidelbeeren? Welche Tiere streifen durch den Wald? Rehe? Wildschweine? Hasen? Wie sehen die Baumkronen aus? Wie würde sich der Forst an dieser Stelle ohne menschliche Eingriffe entwickeln? Anderthalb Stunden dauert es, bis sich Ernst und Keil durch alle Eingabemasken auf ihrem Tablet-PC gekämpft haben.

Die erste Ecke am Trakt 38659 ist vermessen, drei bis vier Ecken schafft ein Trupp am Tag. Doch allein in Brandenburg und Berlin gibt es 826 Trakte - mit je vier Ecken. Schnell schreiten die beiden Forstexperten zum nächsten Zählpunkt. Genau 150 Meter nördlich von hier muss ein Eisen im Boden versteckt sein.

Doch es gibt auch Tage, da sind die Zählmarken partout nicht zu finden. Das passiert zum Beispiel, wenn Munitionsbergungstrupps das Gelände abgesucht haben. Dann sind alle Eisenteile akribisch aus dem Boden entfernt. Und die Inventurpunkte sind auch für Tiere interessant, sagt Ernst: "Gelegentlich buddeln die Sauen die Dinger aus."

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Arbeitsbeschaffungsmaßnahme
dionysos74 31.10.2011
Zitat von sysopWie viele Bäume hat Deutschland? Um die Antwort auf diese scheinbar simple Frage zu finden, hat die Bundesregierung ein riesiges Forschungsprojekt gestartet. Es geht um nicht weniger als die möglichst vollständige Vermessung der Wald-Welt. Ein Besuch am Messpunkt 38.659 zeigt, wie schwer das ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,794128,00.html
So schafft man auch Arbeitsplätze, oder besser gesagt Zahlenkosmetik für die Arbeitslosenstatistik. Und es wird wieder das Geld des Bürgers für unnötige, völlig sinnlose Dinge verprasst.
2. Bildunterschrift falsch
gemüsepeter 31.10.2011
Unter einem Foto steht, dass in Deutschland rund 400.000 Bäume stehen würden. Da dürften wohl ein paar Nullen fehlen :-)
3. es gibt doch keinen Wald mehr
herbert 31.10.2011
laut den Grünen vor ca. 25 Jahren ist der Wald doch abgestorben. Was will man denn da noch zählen. Im Klartext: So blöde wie die Grünen seinerzeit, sind jetzt die Waldzähler unterwegs. Deutschland ist fast Pleite und jetzt wirft man das restliche Geld noch raus. Fehlt jetzt nur noch, dass jedes Bundesland die Sandkörner auf dem jeweiligen Gebiet zählen muss.
4. Ab in den Wald
foramus 31.10.2011
Zitat von sysopWie viele Bäume hat Deutschland? Um die Antwort auf diese scheinbar simple Frage zu finden, hat die Bundesregierung ein riesiges Forschungsprojekt gestartet. Es geht um nicht weniger als die möglichst vollständige Vermessung der Wald-Welt. Ein Besuch am Messpunkt 38.659 zeigt, wie schwer das ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,794128,00.html
Nachdem wir wissen, dass diese unsägliche Bananerepublik Deutschland seit Ende letzter Woche um sechsundfünfzigtausendmillionen Euro weniger arm ist, als noch zu deren Anfang, müssen wir jetzt unbedingt erfahren, wie "reich" wir an Bäumen sind. Böse Zungen mögen ja behaupten, es ginge nur darum, einige „nadelgestreifte Finanzgenies“ in den Wald schicken. Nur, wäre es nicht viel sinnvoller, das Ressort der geschätzten Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anette Schavan, würde die exakte Zahl der sanierungsbedürftigen deutschen Schulgebäude ermitteln UND sie sogar instand setzten lassen, also „GELD in die Hand zu nehmen“? NEIN, lassen wir’s dabei: sonst käme unseren politischen Jahrmarktschreiern ein dankbares Thema abhanden.
5. eine Bundeswaldinventur ist sehr sinnvoll -
ulli7 31.10.2011
ebenso die übrigen Kataster in Deutschland wie z.B. das Liegenschaftskataster über die bebauten und unbebauten Grundstücke oder das Leitungskataster mit den Ver - und Entsorgungsleitungen. Hier unterscheidet sich Deutschland wohltuend von Ländern wie Thailand oder Griechenland. Letztere haben am falschen Ende gespart und sinnvolle Planungs-und Vermessungsarbeiten vernachlässigt.
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