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Mehr Flüchtlinge durch Klimawandel?

Asyl-Studie entsetzt Wissenschaftler

Die Klimaerwärmung treibt Massen von Umweltflüchtlingen nach Europa, warnt eine Studie im bedeutenden Wissenschaftsmagazin "Science". Andere Forscher gehen mit der Untersuchung hart ins Gericht.

Von

REUTERS

Flüchtling in Somalia

Freitag, 22.12.2017   13:14 Uhr

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"Europa ist zerstritten, wie viele Flüchtlinge es aufnehmen soll", sagt Wolfram Schlenker von der Columbia University in den USA. Die Lage werde sich mit dem Klimawandel verschärfen: Weitaus mehr Menschen würden im Zuge der Erwärmung aus Afrika nach Europa fliehen, berichtet der Wirtschaftsforscher in "Science", einem der bedeutendsten Wissenschaftsmagazine.

Schlenker und seine Kollegin Anouch Missirian meinen, einen entscheidenden Zusammenhang entdeckt zu haben: Wetterkatastrophen wie Hitze und Dürre würden vermehrt Menschen nach Europa treiben.

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"Das Ergebnis wird besonders hilfreich sein für Politiker, weil sie erkennen müssen, dass der Klimawandel nicht an Grenzen haltmacht", kommentiert Juan-Carlos Ciscar vom Forschungsverbund JRC der Europäischen Union; der Verbund hat die Studie finanziert.

"Idiotisch"

Hier irre Ciscar, meinen Thomas Bernauer und Vally Koubi von der ETH Zürich: Politiker wären schlecht beraten, sich an der Studie zu orientieren. Auch alle anderen Experten, die SPIEGEL ONLINE zu der Studie befragt hat, fällen ein vernichtendes Urteil.

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Massenmedien jedoch berichten unkritisch: "Katastrophaler Klimawandel könnte eine Million Flüchtlinge nach Europa bringen", titelt der "Guardian"; "Der Klimawandel soll starken Anstieg von Flüchtlingsstrom nach Europa auslösen" die Nachrichtenagentur "Reuters"; "Der Klimawandel wird voraussichtlich mehr Flüchtlinge nach Europa treiben", die Nachrichtenagentur AP.

Wissenschaftler klingen anders: "Die dümmste, idiotischste Anwendung von Statistik, die ich seit Langem gesehen habe", wundert sich der Statistiker William Briggs von der Eliteuniversität Cornell in den USA.

"Sehr überrascht"

"Ich warne davor, den Zusammenhang zwischen wärmeren Temperaturen und Migration derart vereinfacht darzustellen", sagt Tobias Ide, Friedens- und Konfliktforscher am Georg-Eckert-Institut.

"Ich bin sehr überrascht, dass die Studie durch die Begutachtung gekommen ist", staunt Jonas Vestby vom Peace Research Institute in Oslo. "Wir werden uns überlegen, darauf in 'Science' eine Antwort zu geben", sagt Christiane Fröhlich von der Universität Hamburg, ebenfalls Expertin für Fluchtursachen.

Für Frust unter den Forschern sorgt vor allem die Methode der Studie: Schlenker und Missirian verglichen die Zahl der Asylanträge in Europa von 2000 bis 2014 mit Temperaturänderungen in den Heimatländern der Asylantragsteller in jenen 15 Jahren (der große Flüchtlingsansturm aus Syrien 2015 wurde also nicht berücksichtigt).

Fokus auf die Maisernte

Sie fanden einen möglichen Zusammenhang: Je höher und länger die Temperatur im Mais-Anbaugebiet eines Landes über 20 Grad gestiegen war, desto mehr Asylanträge aus solchen Ländern wurden gestellt.

Als Ursache nennen Schlenker und Missirian Dürre: Optimal für Landwirtschaft seien 20 Grad, bei dieser Temperatur habe es die wenigsten Asylanträge gegeben. Wärmeres Wetter hingegen verschlechtere die Maisernte, Menschen würden zur Flucht gezwungen.

Mais ist zwar bei Weitem nicht das häufigste Getreide in Nordafrika. Dennoch folgern Schlenker und Missirian in ihrer "Science"-Studie: "Wettergetriebene Höhepunkte von Asylgesuchen führten zu einer Verdreifachung der Anerkennung von Asyl in Europa".

Die Prognose

Einspruch, sagt Christiane Fröhlich: Asyl würde nach den Genfer Konventionen nur für Flüchtende aus nicht sicheren Herkunftsstaaten gewährt, mithin für politisch Verfolgte - und nicht für Umweltflüchtlinge.

Womöglich würde das Wetter politische Konflikte entfachen, kontert Schlenker die Bedenken - obgleich derartige Zusammenhänge stark umstritten sind, insbesondere im Fall des Syrienkriegs.

Aus ihrem Befund leiten Schlenker und Missirian gleichwohl Prognosen ab: Eine globale Erwärmung von 1,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts würde die Zahl der Asylanträge in Europa um 28 Prozent erhöhen, eine Erwärmung um 4,8 Grad gar um 188 Prozent, schreiben Schlenker und Missirian.

"Hochspekulativ"

Andere Forscher bezweifeln, dass die beiden "Science"-Autoren einen Zusammenhang zwischen Wetter und Flucht entdeckt haben: Zwischen 2000 und 2014 habe es zwar mehrere sehr warme Jahre gegeben, bestätigt Tobias Ide - jedoch gleichzeitig zur Hitze "hohe politische Instabilität" in den untersuchten Ländern.

"Die steigenden Asylbewerberzahlen können also auch von politischen Krisen verursacht worden sein, die nur zufällig mit ungewöhnlich warmen Jahren zusammen fielen", erläutert der Forscher.

Die Zahl der Asylgesuche würden vor allem von Kriegen, Wirtschaftskrisen, dem Netzwerk von Migranten verändert, betonen auch Bernauer und Koubi. Die "schwache Korrelation" der neuen Studie zwischen Wetter und Asylgesuchen sei "hochspekulativ".

Effekte isolieren

"Viele Faktoren beeinflussen Flüchtlingsströme", räumt Studienautor Schlenker auf Nachfrage ein. "Aber unsere Methodik erlaubt es uns, den Effekt auf die Ströme zu isolieren" - das Wetter.

Vor allem zwei Länder würden das statistische Ergebnis überhaupt möglich machen, widerspricht Vestby: Ohne Kuwait und den Irak bliebe von dem Zusammenhang Wetter-Asyl kaum etwas übrig. Vor allem aus diesen Ländern seien nach warmen Jahren mehr Asylsuchende gekommen - eine arg dünne Datengrundlage, meint Vestby.

Andere Gründe als das Wetter lasse die Studie außen vor, wundert sich auch Christiane Fröhlich: Die Arbeit ignoriere zahlreiche Arbeiten, die sich kritisch mit einem hypothetischen Zusammenhang zwischen den Folgen der Erwärmung und Migration auseinandergesetzt hätten.

Was ist anderswo?

Studien hätten beispielsweise gezeigt, dass Menschen, die vor Wetterkatastrophen flüchten, im Gegensatz zu vielen Kriegsflüchtlingen nicht weit weg gingen, sagt Bernauer. Sie blieben gar meist im eigenen Land, bestätigt Ide.

"Die 'Science'-Autoren nehmen die Literatur zum Thema überhaupt nicht zur Kenntnis", ärgert sich Fröhlich. Sie ignorierten gar 6000 Jahre Menschheitsgeschichte, bezögen sich stattdessen auf 15 Jahre in nur einer Weltregion, sagt Briggs.

"Warum", fragt Christiane Fröhlich, "berufen sich die Autoren auf Zahlen aus der EU, wo doch ein Großteil der internationalen Migration woanders stattfindet?"

Wie wichtig Daten anderer Regionen wären, macht Briggs anhand einer provokanten Frage deutlich: "Warum nehmen denn nicht im kühlen Chile die Asylanträge rasant zu nach Hitzewellen in den warmen Nachbarländern?"

Es mag einen Zusammenhang zwischen Klima und Migration geben, räumen alle befragten Forscher ein. Die neue Studie aber könne ihn nicht herstellen. "Die Studie", resümiert Tobias Ide, "erklärt nicht überzeugend, wie hohe Temperaturen zu steigenden Asylanträgen führen könnten."


Nachtrag: Die ausführlichen Stellungnahmen der befragten Experten lesen Sie hier.

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