Selektion durch Jagd Mutige Hirsche sterben aus

Hirsche, die sich bei Dämmerung auf eine Lichtung stellen, sind leichte Beute für Jäger. Doch mit jedem erlegten Hirsch verändert sich die Zusammensetzung der Art: Vor allem die mutigen Tiere verschwinden. Langfristig könnte das die Spezies gefährden, fürchten Forscher.

Wapiti: Kühne Exemplare werden bei der Jagd erschossen
Heather Banfield

Wapiti: Kühne Exemplare werden bei der Jagd erschossen


Auf der Lichtung grasen oder versteckt im Gestrüpp - das ist eine Charakterfrage. Vor Jägern schützen sich Wapitis, unter anderem in Nordamerika lebende Hirsche, am besten, indem sie im Gebüsch bleiben. Doch nicht jedem Tier liegt diese Verhaltenweise. So kommt es, dass Jäger vor allem mutige Hirsche erschießen, berichten Forscher in den "Proceedings of the Royal Society B". Verschwinden draufgängerische Wapitis langfristig aus den Wäldern, könnte das die Überlebenschancen der Art verschlechtern.

Im Winter 2007 bestückten Wissenschaftler um Simone Ciuti von der University of Alberta 122 Hirsche in den kanadischen Rocky Mountains mit Peilsendern und verfolgen ihre Spuren per GPS über vier Jahre hinweg bis zum Winter 2011. Von den 45 etwa zweijährigen männlichen Hirschen erschossen Jäger fünfzehn Tiere, also gut 33 Prozent. Von den 77 Hirschkühen wurden nur zehn getötet - knapp 13 Prozent.

Was also unterscheidet die getöteten Tiere von den Überlebenden und die Männchen von den Weibchen? "Wir konnten bei den Hirschen zwei Persönlichkeitstypen identifizieren", schreibt Ciuti. Einen Typus bezeichnen die Forscher als "bold runners" - mutige Läufer, den charakterlichen Gegenpart als "shy hiders" und meinen damit schüchterne Tiere, die eher dazu neigen sich zu verstecken.

Wer viel läuft wird abgeschossen

Sowohl unter den weiblichen als auch den männlichen Tieren wurden vor allem bold runners erschossen. Die männlichen Tiere liefen in zwei Stunden etwa 329 Meter, die zurückhaltenden Männchen legten in der gleichen Zeit knapp 293 Meter zurück und überlebten meistens. Auch hielten sich die mutigeren Hirsche häufiger auf freien Flächen auf und erhöhten ihr Tempo in der Nähe von Straßen oder in flachem Gelände, wo Jäger häufig lauern. Schüchterne Tiere dagegen vermieden freie Flächen und bewegten sich langsam und unauffällig.

Interessantes Detail: Wapitis merken sich offenbar an welchen Wochentagen gejagt wird: Samstags und sonntags legten "bold runners" in zwei Stunden etwa 40 Meter mehr zurück, als unter der Woche. Bei schüchternen Hirschen war kein Unterschied zu erkennen. "Jäger kreieren Zonen der Angst. Offenbar reagiert aber jedes Tier anders auf diese Umgebung und das wiederum beeinflusst seine Überlebenschance", schreiben Ciuti und Kollegen.

Hirschkühe lernen mit der Zeit, wie sie sich verhalten müssen

Unter den 77 Hirschkühen im Alter zwischen zwei und 19 Jahren, war die Aufteilung zwischen Draufgängern und Mauerblümchen weniger eindeutig. "Die Persönlichkeiten der weiblichen Tiere lassen sich nicht so klar abgrenzen", heißt es in der Studie. "Wahrscheinlich werden die persönlichen Neigungen der Tiere mit Lernerfahrungen vermischt."

Je älter die durch GPS verfolgten Hirschkühe waren, desto ruhiger bewegten sie sich durchs Gelände. Dagegen wurden alle Tiere abgeschossen, die im Laufe ihres Lebens nicht dazu lernten und weiterhin versuchten der Gefahr durch die Jäger davon zu laufen. "Diese Tiere waren offenbar wenig flexibel und konnten sich nicht an örtliche Gegebenheit anpassen."

Im zehnten Lebensjahr gab es praktisch nur noch Weibchen, die begriffen hatten, dass es sich lohnt, langsam zu gehen und offene Flächen zu vermeiden. Diese Tiere überlebten die Jagdsaison, ohne einem Jäger vor die Flinte zu laufen. Die draufgängerischen Weibchen hingegen waren längst tot.

Die Anpassung der Tiere an die menschlichen Jäger birgt aber auch Gefahren - für jeden einzelnen Hirsch und für die Art: So seien schüchterne Tiere, die sich im Wald verstecken und nicht davon laufen, leichte Beute für Wölfe. Die Jagd führe langfristig dazu, dass die Anzahl genau dieser schüchternen Tiere zunehme, schreiben die Forscher. Diese Charaktereigenschaften würden dann an Nachkommen weitergegeben.

"Die künstliche Selektion aufgrund von Charaktereigenschaften ist eine häufig ignorierte Folge menschlichen Eingreifens in die Wildnis", so Ciuti und Kollegen. Der Mensch verändere mit seinen modernen Waffen in kürzester Zeit die natürliche Selektion und vermindere dadurch die charakterliche Vielfalt, welche zur langfristigen Erhaltung der Art beitrage.

Hinweis der Redaktion: An dieser Stelle haben wir zuvor angemerkt fälschlicherweise ein Bild von einem Wapiti statt einem Rothirsch verwendet zu haben. Nach Rückmeldung von Royal Society Publishing stellte sich nun heraus, dass das Wapitibild doch die richtige Wahl war: In der zitierten Veröffentlichung geht es nicht, wie zunächst berichtet, um Rothirsche, sondern um ihre nordamerikanischen Verwandten, die Wapitis. Der wissenschaftliche Name Cervus elaphus, der in der Publikation genannt wird, ist in sofern verwirrend, als dass er in der Forschergemeinde offenbar inzwischen für Wapitis und Rothirsche gleichermaßen verwendet wird, obwohl sie sich äußerlich und im Erbgut unterscheiden. Öffentlich zugängliche Quellen bezeichnen mit Cervus elaphus jedoch ausschließlich Rothirsche und nennen Wapitis Cervus canadensis. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen.

jme

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