Meisterleistung Krähen können mit zwei Werkzeugen hantieren

Stöckchen, Fresschen, fertig: Nach diesem Prinzip lösen viele Tiere kleine Aufgaben. Bei Krähen konnten Forscher jetzt aber auch beobachten, wie sie mit zwei unterschiedlichen Werkzeugen ein kompliziertes Problem lösten. Bislang war das nur von einigen Affen bekannt - und vom Menschen.


Auckland - Manchmal muss es etwas kniffliger sein: Dass Neukaledonische Krähen (Corvus moneduloides) ein Werkzeug benutzen können, um an Futter zu gelangen, war bereits länger bekannt. Neuseeländische Forscher stellten den Tieren deshalb eine weitaus schwierigere Aufgabe: Sie zeigten sieben Krähen ein Stück Fleisch in einer Glasröhre. Etwa zwei Meter entfernt davon lag ein Stöckchen - vermeintlich ein Werkzeug, um an die Leckerei heranzukommen. Doch das Hilfsmittel war zu kurz.

Raffinierte Technik: Die Krähe benutzt einen kleinen Stab, um einen größeren Stab hinter dem Gitter hervor zu holen. Nur damit - und nicht mit dem kurzen - gelangt das Tier an eine Leckerei
DDP / Alex Taylor

Raffinierte Technik: Die Krähe benutzt einen kleinen Stab, um einen größeren Stab hinter dem Gitter hervor zu holen. Nur damit - und nicht mit dem kurzen - gelangt das Tier an eine Leckerei

Ein zweiter, ausreichend langer Stock befand sich hinter einem Gitter - die Vögel konnten es nicht einfach mit den Schnäbeln greifen. Doch sie erwiesen sich als außergewöhnlich clever: Beim ersten Anlauf versuchte nur eine von sieben Krähen, sich das Fleisch mit dem zu kurzen Stock zu angeln, berichten Alex Taylor und seine Kollegen von der Univrsity of Auckland in der Fachzeitschrift "Current Biology". Alle anderen Versuchstiere seien mit dem kurzen Stab direkt zu dem Gitter gelaufen, hinter dem der längere lag.

Vier Krähen gelang es sogar auf Anhieb, auf diese Weise das lange Stöckchen aus dem Käfig zu holen und damit dann das Fleisch zu erreichen. Der langsamste der sieben Vögel brauchte 23 Versuche, bis auch er die Belohnung bekam. Die Forscher schließen aus, dass die Krähen durch bloßes Ausprobieren zufällig auf die Lösung des Problems gestoßen sein könnten. Denn ein zweites Gitter, hinter dem ein unbrauchbarer Stein lag, ignorierten alle Tiere geflissentlich. Die Krähen hätten vielmehr Erfahrungen aus anderen Situationen auf dieses neue Problem übertragen, glauben die Wissenschaftler.

Forscherhumor: Im zweiten Durchgang die Stäbe vertauscht

Denn um an das Fleisch zu gelangen, mussten die Krähen zunächst erkennen, dass sie mit einem Werkzeug nicht nur Futter, sondern auch andere Gegenstände zu sich heranziehen können. Im Fachjargon heißt das Analogieschluss.

Lustig war eine Variation des Experiments, in dem die Forscher die beiden Stöckchen vertauschten. Statt sich gleich über das Fleischstück herzumachen, versuchten die Krähen zunächst, mit dem langen Hilfsmittel an das kürzere zu gelangen - bevor sie ihren Irrtum erkannten.

Analogieschlüsse, so die Autoren, gelten von den ersten Steinwerkzeugen an als zentral für die Entwicklung der menschlichen Intelligenz. Auch bei anderen Primaten haben Verhaltensforscher sie schon beobachten können - allerdings nicht bei allen. Nur Menschenaffen schienen bislang diese Fähigkeit zu besitzen. Das jetzige Experiment, so scheint es, festigt einmal mehr den Ruf von Krähen als extrem intelligente Tiere.

stx/ddp



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