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Knochensplitter

Eiszeitliches Artensterben Asteroid könnte Ende der Mammuts besiegelt haben

Großfauna: Die Stars des Eiszeit-Zoos Fotos
UC of Wisconsin/ Barry Roal Carlsen

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Was ließ Säbelzahntiger und Mammut aussterben, was machte aus den Jägern und Sammlern sesshafte Bauern? Amerikanische Forscher haben eine neue These: Ein Asteroid soll die Welt auf einen Schlag verändert haben.

In der anarchischen Kult-Zeichentrickserie "South Park" endet die Suche nach dem Schuldigen für all die Katastrophen, die die missratenen "Helden" der Reihe auf dem Kerbholz haben, nördlich der USA: "Blame Canada!" - die Kanadier sind schuld. Folgt man der Studie eines amerikanischen Forscherteams um die Geochemiker Yingzhe Wu und Mukul Sharma, gilt das auch für das Ende der eiszeitlichen Megafauna und den Beginn von Acker- und Städtebau.

Sie stellen im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) die These auf, dass der Einschlag eines Asteroiden auf dem heutigen Gebiet des kanadischen Québec das Klima der Eiszeit und die Lebensbedingungen auf der gesamten Welt abrupt verändert hat.

Und zwar mit zeitweilig rapide sinkenden Temperaturen und erheblich weniger Niederschlägen. Das wäre ein Effekt, der auch die Megafauna in gemäßigteren Breiten betroffen hätte, die sich teils sehr deutlich von den Großtieren unterschied, die wir gemeinhin mit dem Begriff Eiszeit verbinden (siehe Bildergalerie). Wie vor 65 Millionen Jahren die Dinosaurier seien auch die eiszeitlichen Riesen vor 12.900 Jahren durch den Einschlag eines Asteroiden zum Untergang verdammt worden.

Die These ist das Resultat einer geochemischen Studie über die Herkunft von kugelförmigen Einschlüssen in den geologischen Schichtungen an der Grenze zur jüngeren Dryaszeit. Sie liefern deutliche Hinweise auf ein größeres Einschlagereignis. Solche Spuren, die auf den Niedergang eines kleineren Asteroiden hinweisen, fanden die Forscher in Pennsylvania und New Jersey. Sie entsprechen Funden, die zuvor im kanadischen Québec gemacht wurden, wo die Autoren der Studie den bisher nicht gefundenen Einschlagkrater vermuten.

Dass es in der jüngeren Dryas zu einer ungewöhnlich plötzlich, innerhalb nur eines Jahrzehnts einsetzenden, aber etliche Jahrhunderte andauernden Kälteperiode kam, ist bekannt. Bisher vermutete man als Ursache dafür den Bruch eines Eisdamms im vergletscherten Norden Amerikas: Riesige Mengen Süßwasser hätten sich demnach von den Gletschern in den Atlantik ergossen und so die Strömungen zwischen den tropischen und nördlichen Breiten zum Erliegen gebracht.

Stimmt so nicht, behaupten die US-Forscher nun und ziehen noch erheblich weitergehende Schlüsse: Das plötzliche Wegsterben der Großfauna habe auch die Lebensweisen unserer Vorfahren massiv verändert. In Nordamerika hätte sich das Clovis-Volk von einer Kultur der Großwildjagd zu Jägern und Sammlern entwickelt. Im Nahen Osten habe der Klimawandel Menschen näher zusammenrücken lassen, um Nahrung gezielt anzubauen. Die Kultur des Dorf- und Städtebaus, von Ackerbau, Viehzucht und Vorratshaltung wäre demnach von einem Asteroideneinschlag eingeleitet, letztlich sogar regelrecht erzwungen worden.

Völlig normal: Kosmische Katastrophen

Ist das plausibel? Kosmische Katastrophen kleineren oder größeren Ausmaßes gehören fast zu den Routinefällen der Erdgeschichte. Unser Planet steht wie jeder andere im Sonnensystem unter einem Dauer-Bombardement aus dem All: Es ist die dünne Schicht unserer Atmosphäre, die uns vor den meisten Einschlägen von Objekten aus Stein oder Eis bewahrt.

Die oft mit irrwitzigen Geschwindigkeiten niedergehenden Brocken verglühen meist schon in den höheren Luftschichten als so harmlose wie schöne Sternschnuppen. Etwas größere Brocken zerbrechen meist vor einem Einschlag, manche explodieren hoch in der Atmosphäre. Trotzdem schaffen es jeden Tag wahrscheinlich Hunderte von kleineren Fragmenten bis zum Boden.

Fatal wird es erst, wenn die kosmischen Geschosse bestimmte Größen überschreiten. Der bekannteste Einschlag ist der vor etwas über 65 Millionen Jahren, der neben den Dinosauriern rund 70 Prozent des Lebens vernichtete. Diese Katastrophe der Kreidezeit ist nur eines von sechs Massen-Artensterben und mehreren Dutzend kleinerer, bei der weniger als die Hälfte des Lebens vernichtet wurde. In vielen dieser Fälle dürften kosmische Einschläge eine Rolle gespielt haben. Auch die nun vorgelegte These vom durch einen Asteroiden eingeleiteten eiszeitlichen Artensterben ist darum eine denkbare Möglichkeit.

Einen solchen Einschlag dann mit der Erfindung von Acker- und Städtebau in Zusammenhang zu bringen, ist weniger weit hergeholt, als es klingt: Tatsächlich nimmt man an, dass die Entwicklung sesshafter Lebensweisen und des Ackerbaus durch die sogenannte Natufien-Kultur des Nahen Ostens vor circa 11.000 Jahren eine direkte Reaktion auf langanhaltende Dürreperioden in der Levante war. Die Autoren der aktuellen Studie gehen davon aus, dass diese Dürren Folgen des Asteroideneinschlags im heutigen Québec waren.

Wie gesagt: "Blame Canada!"

31 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
BeatDaddy 03.09.2013
kelgurien 03.09.2013
Montanabear 03.09.2013
wirklick 03.09.2013
Layer_8 03.09.2013
Urbayer 03.09.2013
geotie 03.09.2013
buenosdiers 03.09.2013
nsa 03.09.2013
nsa 03.09.2013
sangerman 03.09.2013
aschu0959 03.09.2013
micc 03.09.2013
Layer_8 03.09.2013
rav3n 03.09.2013
gog-magog 03.09.2013
aleger3 03.09.2013
turadot 03.09.2013
Tiananmen 03.09.2013
stani 03.09.2013
reinhard-wien 03.09.2013
AhzekAhriman 03.09.2013
gog-magog 03.09.2013
Layer_8 03.09.2013
Morgul 03.09.2013
Tiananmen 03.09.2013
dimetrodon190 03.09.2013
woswoistndu 03.09.2013
nilaterne 03.09.2013
nilaterne 03.09.2013
hydrocotyle 04.09.2013

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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  • Bei Thalia.
Die fünf Massensterben der Erdgeschichte
Kreidezeit/Tertiär (vor 65 Millionen Jahren)
Möglicherweise verursacht durch einen Asteroideneinschlag auf der mexikanischen Yucatan-Halbinsel vor dem Golf von Mexiko. Todesrate: 16 Prozent aller marinen Familien (eine Familie enthält mehrere Gattungen), 47 Prozent aller Meeres-Gattungen (eine Gattung enthält mehrere Arten) und 18 Prozent aller Landwirbeltiere, einschließlich der Dinosaurier.
Ende des Trias (vor 200 bis 214 Millionen Jahren)
Höchstwahrscheinlich verursacht durch massive Lavafluten im Bereich des heutigen Zentral-Atlantik. Die massiven Vulkanausbrüche führten wahrscheinlich zu globaler Erwärmung. Todesrate: 22 Prozent aller marinen Familien, 52 Prozent aller marinen Gattungen. Die Verluste bei den Wirbeltieren sind unklar.
Ende des Perm (vor rund 251 Millionen Jahren).
Die mögliche Ursache wird unter Wissenschaftlern heißt diskutiert. Es war das schlimmste Massensterben in der Erdgeschichte. Todesrate: 95 Prozent aller Arten, 53 Prozent aller marinen Familien, 84 Prozent aller marinen Gattungen und geschätzte 70 Prozent aller an Land lebenden Arten wie Pflanzen, Insekten und Wirbeltiere.
Spätes Devon (vor rund 364 Millionen Jahren)
Ursache unbekannt. Todesrate: 22 Prozent aller marinen Familien, 57 Prozent aller marinen Gattungen. Über Landlebewesen zu der Zeit ist wenig bekannt.
Ordovizium/Silur (vor rund 439 Millionen Jahren)
Verursacht durch ein Absenken der Meeresspiegel, als sich die Gletscher bildeten. Danach erneutes Schmelzen der Gletscher und Anstieg der Meeresspiegel. Todesrate: 25 Prozent aller marinen Familien und 60 Prozent aller marinen Gattungen.


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