Meteoriteneinschlag: Forscher auf den Spuren der Apokalypse

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Nicht nur in der Bibel, auch in anderen uralten Schriften wie dem Gilgamesch-Epos geht die Welt beinahe unter. Eine Forschergruppe glaubt nun den historischen Kern der Apokalypse-Geschichten gefunden zu haben - einen gigantischen Meteoriteneinschlag.

"Die Anunnaki hoben Fackeln empor, mit ihrem grausen Glanz das Land zu entflammen. Die Himmel überfiel wegen Adad Beklommenheit, jegliches Helle in Düster verwandelnd; das Land, das weite, zerbrach wie ein Topf."

Meteoriteneinschlag (Zeichnung): "Das Land zerbrach wie ein Topf"
NASA/ Don Davis

Meteoriteneinschlag (Zeichnung): "Das Land zerbrach wie ein Topf"

Selten wurde die Apokalypse eindringlicher beschrieben als im Gilgamesch-Epos, einer der ältesten Dichtungen der Menschheit. Da heben die Götter Fackeln empor, die das Land entflammen, und Stürme verwandeln den Tag in Nacht. Jetzt haben Wissenschaftler in der jordanischen Wüste Spuren entdeckt, auf die frühzeitliche Untergangsberichte wie das Gilgamesch-Epos gründen könnten - das wiederum eine mögliche Inspirationsquelle für die biblische Sintflut-Geschichte war. Die Forscher fanden nahe der Grenze zu Saudi-Arabien einen gewaltigen Krater, der bei einem Meteoriteneinschlag in der Mittel-Steinzeit vor weniger als 10.000 Jahren entstanden sein soll.

Es ist die Geschichte einer verspäteten Entdeckung. Bereits in den sechziger Jahren fanden Wissenschaftler der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) den Krater und trugen ihn sorgsam in eine geologische Karte ein. Sie deuteten die ringförmige Struktur im Wüstenboden jedoch fälschlicherweise als erloschenen Vulkan. Der Geologe Werner Schneider von der Technischen Universität Braunschweig, der Jahrzehnte in der Region gearbeitet hat, schaute sich die Karten nun erneut an. Untersuchungen des Untergrundes vor Ort bestätigten seinen Verdacht: Der mehr als fünf Kilometer breite Krater entstand beim Einschlag eines 100 Meter großen Meteoriten.

Spuren einer Bombe aus dem All

Schneider und seine Kollegen Hani Khoury von der BGR und Elias Salameh von der University of Jordan identifizierten eindeutig Spuren einer Bombe aus dem All. Sie entdeckten beispielsweise von Schockwellen gestauchte Quarzminerale - ihr Kristallgitter wurde auf typische Weise verändert. Auch der örtliche Kalkstein zeigt Symptome der Gewalteinwirkung, schreiben die Forscher, in einer Studie, die in Kürze in der "Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften" erscheinen soll. Mehrere konzentrische Ringe umfassen den Krater. Seine Mitte bildet ein Hügel, wie er entsteht, wenn nach dem Einschlag eines Körpers die aufgeworfenen Trümmer auf die Erde fallen.

Als der Meteorit mit etwa 160.000 Kilometern pro Stunde einschlug, explodierte der Boden wie von Tausenden Hiroshima-Atombomben getroffen. Millionen Tonnen Gestein, Staub und Rauch stieben kilometerhoch. "Die Luft entzündete sich, im Umkreis von Hunderten Kilometern verbrannte alles", beschreibt Salameh die Auswirkungen. Weithin bebte die Erde. Das Inferno muss Tausende Kilometer weit zu sehen gewesen sein. Sollten Menschen diese Apokalypse miterlebt haben, sie wären zweifellos nachhaltig schockiert gewesen. Und so sei es tatsächlich gewesen, meinen Schneider und Kollegen. Denn der Einschlag habe sich in der mittleren Steinzeit ereignet. In der Region, sie gilt als "Wiege der Zivilisation", lebten seinerzeit Menschen.

Der Krater ist "schon etwas angenagt"

Doch die Altersbestimmung des Einschlags birgt große Unsicherheiten. Sie beruht lediglich auf der Beobachtung, dass das Kratergestein kaum verwittert ist. "Wäre der Krater älter als 10.000 Jahre, hätten Flüsse und Bäche ihn erodiert", erklärt Schneider gegenüber SPIEGEL ONLINE. Denn bis vor 10.000 Jahren herrschte feuchtes Klima in Jordanien, Wälder bedeckten die Landschaft, Flüsse schlängelten sich hindurch. Dass der Einschlag dennoch schon einige Tausend Jahre her sein muss, schließen die Forscher daraus, dass der Krater schon "etwas angenagt" sei, wie Schneider sagt.

"Es wäre der mit Abstand jüngste Einschlagskrater, der im Nahen Osten bislang gefunden wurde", sagt Salameh. Zwar gab es immer wieder Spekulationen über vermeintliche Krater, etwa im Irak. Doch die Hypothesen konnten nie bestätigt werden. Diesmal allerdings sind die Forscher sicher, dass es sich um den Trichter eines Meteoriteneinschlags handelt. Sie hoffen, ihn mit Hilfe radioaktiver Substanzen bald exakt datieren zu können.

Bestätigte sich das Alter des Einschlags, hätten Schneider und Kollegen die Spuren einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte entdeckt. "Sie hat mit Sicherheit Eingang in die Mythen und Erzählungen der steinzeitlichen Völker gefunden", meint Schneider. "Freilich in anderer Sprache als sie die Nasa benutzt." In der Apokalypse des Johannes im Neuen Testament wurde Schneider bereits fündig. Das beschriebene Unheil ähnele den Ereignissen bei einem Meteoriteneinschlag: "Ein Felsbrocken nähert sich, Menschen verbrennen", beschreibt Schneider die Passage, "es ist ein wahnsinniges Getöse."

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