Hurrikan "Sandy": Die tödliche Kraft des Supersturms

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150-Stundenkilometer-Böen, Zehn-Meter-Wellen im Hafen von New York, der Regen eines halben Jahres in zwei Tagen: Meteorologen analysieren, woher Hurrikan "Sandy" seine Kraft nahm - und welche Rolle dabei der Klimawandel gespielt haben könnte.

Das war "Sandy": Im Inneren des Sturmwirbels Fotos
ISRO/ NASA/ JPL-Caltech

Hamburg - Vor vielen Gefahren hatten Meteorologen gewarnt, als sich Hurrikan "Sandy" den USA näherte: vor gefluteten Städten, vor umgestürzten Bäumen und auch vor Stromausfällen. Sie sollten recht behalten. Doch eine Gefahr hatten die Experten nicht auf dem Plan: Klimaanlagen. Die Metallkästen, die in der betroffenen Region aus vielen Häusern ragten, riss der Sturm einfach ab und schleuderte sie wie Geschosse durch die Straßen.

Hurrikan "Sandy" sorgte für zahlreiche bittere Überraschungen, er geht als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in die Geschichte der USA ein. Schäden von bis zu 50 Milliarden Dollar könnten nach ersten Schätzungen entstanden sein; ganze Siedlungen wurden zerstört. Die New Yorker Polizei berichtet von 10.000 Notrufen pro Stunde; acht Millionen Haushalte waren ohne Strom.

Das Ausmaß der Zerstörung überrascht kaum, wenn man sich die Entstehung und die Wetterdaten des Sturms genauer betrachtet. Die einzelnen Werte offenbaren, warum "Sandy" eine derartige Verwüstung an der US-Ostküste anrichten konnte.

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Wirbelsturm "Sandy": Zerstörung aus der Luft
Der Wirbel

Bereits 1903 hatte ein Hurrikan den ungewöhnlichen Weg nach New Jersey genommen, 1804 traf einer New York. Beide wüteten mit ähnlicher Kraft wie "Sandy". Auch der "Long-Island-Express-Hurrikan" 1938 kam in die Region mit ähnlicher Stärke. Von 1954 bis 1955 trafen sogar gleich drei Hurrikane die US-Ostküste.

Allerdings ragt "Sandy" mit ihrer Ausdehnung heraus: Sie war der größte Hurrikan, der seit Beginn der systematischen Beobachtungen im Nordosten der USA angekommen ist. "Sandys" Wolkenwirbel war 3000 Kilometer breit, er bedeckte eine Fläche fast so groß wie Indien. Diese Ausdehnung erreichen selbst die meisten Hurrikane in den Tropen nicht, wo die Wirbelstürme von warmem Wasser angetrieben ungebremst wachsen können.

"Sandy" wurde so mächtig, weil der Atlantik in diesem Jahr ungewöhnlich warm ist; und der Golfstrom lieferte zusätzliche Energie. Außerdem bewegte sich der Sturm über eine außergewöhnlich lange Strecke über dem erwärmten Meer - vom Atlantik über die Karibik bis an die US-Ostküste. In dieser Zeit konnte "Sandy" viel Kraft tanken, der Riesenwirbel entstand.

20 Kilometer hoch wucherten "Sandys" Wolken schließlich, dort oben gefroren die Wassermassen bei weniger als 50 Grad minus zu Abermillionen Eispartikeln. Radardaten zeigen extrem dichte Gewitterwolken im Umkreis von 800 Kilometern um das Zentrum des Sturms. Bei der Bildung der Wolken wird Wärme frei, die aufsteigt - und Sturm entfacht.

Der Regen

Hurrikane sind gigantische Umwandlungsapparate: Aus warmem Wasser machen sie Wind. Wie ein riesiger Kamin saugt das Auge des Sturms Wasserdampf aus dem Ozean; das schwere Salz bleibt im Meer zurück. In der Höhe kühlt die Luft, Regentropfen formen sich; dabei wird Wärme frei, die den Luftsog verstärkt. Die unvorstellbar großen Wassermassen aus dem Ozean regnen schließlich ab.

Während der Sturm seine größte Kraft in den Bundesstaaten New Jersey und New York entfachte, ging der meiste Niederschlag südlich in Maryland nieder. In der Stadt Easton wurden binnen zwei Tagen 320 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen - so viel fällt in Deutschland in einem halben Jahr. Ähnlich starke Himmelsfluten wurden mancherorts in Delaware gemessen. Auch auf den Ort Wildwood Crest an der Südspitze von New Jersey prasselten mehr als 300 Liter pro Quadratmeter herunter.

Der Wind

Noch 800 Kilometer von "Sandys" Zentrum entfernt herrschte eine nahezu höchste Sturmstärke; normalerweise ist der Extrembereich auf die Umgebung des Auges in der Mitte beschränkt. Dabei war "Sandy" eigentlich nur ein Hurrikan der Stufe zwei, die Spitzengeschwindigkeit war für einen Hurrikan nicht hoch. Hurrikan "Katrina", der vor sieben Jahren New Orleans zerstörte, hatte Stufe fünf; er blies ungefähr doppelt so stark.

Gleichwohl kam "Sandy" mit Wucht: Auf dem Meer wurde eine Böe von 175 km/h gemessen, die mehr als eine Minute anhielt. Durch den Eaton's Park in New York fegte der Wind mit 153 km/h; im Central Park hinter den Hochhausfronten wurden noch 100 km/h gemessen. An der Küste vor New Jersey blies er teils mit 145 km/h. Und über dem Berg Mt. Washington beschleunigte der Sturm gar auf mehr als 200 km/h. Zum Vergleich: Von einem Orkan spricht man ab 117 km/h.

Die Wellen

"Sandys" enorme Breite sorgte dafür, dass der Sturm das Wasser auf Tausenden Kilometern vor sich her schob. Mächtiges Hochwasser rollte auf die USA zu, es hält tagelang an. Unglücklicherweise war auch noch Vollmond, der den Tidenhub verstärkte. Eine Boje am Eingang des New Yorker Hafens registrierte eine Welle von zehn Metern über Normal - neuer Rekord. An der Küste vor New York hob sich der Ozean entlang mancher Abschnitte um 4,38 Meter. In Manhattan stieg er auf breiter Front mehr als drei Meter über Normal auf einen neuen Rekord.

An der Nordseeküste bestünde selbst bei solchem Wasserstand wenig Gefahr, die Deiche sind höher. New York aber war weniger geschützt. In der Gefahrenzone lagen, wie "Sandy" nun deutlich gemacht hat, nicht nur viele Wohnhäuser, sondern auch Umspannwerke und U-Bahnen. Sie versanken in den Fluten, in New York gingen die Lichter aus.

Der Schnee

Weil "Sandy" über dem Festland mit arktischen Winden aus dem Norden zusammenprallte, kühlte sich die nasse Luft rapide ab - aus dem Regen wurde in höheren Lagen Schnee. In Redhouse in Maryland fielen während des Durchzugs des Sturms 75 Zentimeter Schnee.

Auch in North Carolina, Tennessee und in Virginia verschwanden Landschaften unter einer dicken weißen Decke. In West Virginia mussten Helfer der Nationalgarde gegen den Schnee ankämpfen, der sich innerhalb weniger Stunden teilweise über einen Meter hoch aufgetürmt hatte.

Der Klimawandel

"Sandy" hat gleich mehrere Wetterextreme in sich vereinigt. Wissenschaftler rätseln nun, ob die Klimaerwärmung verantwortlich für die Sturmstärke sein könnte.

Drei Argumente sprechen dafür:

  • Der Meeresspiegel ist angestiegen. Klimaforscher hatten die Region gewarnt: Die Klimaerwärmung hebt den Meeresspiegel an der Nordostküste der USA schneller als in den meisten anderen Regionen der Welt. Vor New Jersey ist das Wasser seit Anfang des 20. Jahrhunderts um fast 40 Zentimeter angeschwollen; vor New York um 27 Zentimeter. Umso schlimmer wirken sich nun Sturmfluten aus.
  • Das Meer ist wärmer. Hurrikane werden über Ozeanen geboren, die milder als 26,5 Grad sind. Je stärker die Klimaerwärmung das Wasser aufheizt, desto mehr Treibstoff bekommen die Stürme.
  • Blockade-Hoch über dem Atlantik. Ein ausgedehntes Hochdruckgebiet versperrte "Sandy" den Weg nach Osten übers Meer, wohin es sonst abgezogen wäre. Solche Hochdruckgebiete entstehen nach Meinung vieler Meteorologen häufiger, wenn wenig Treibeis im Arktischen Meer liegt. Diesen Sommer war das Eis extrem geschmolzen - möglicherweise aufgrund der Klimaerwärmung.

Drei Argumente sprechen dagegen:

  • Ein natürliches Wetterphänomen macht Hurrikane wahrscheinlicher. Vor wenigen Wochen kippte eine natürliche Wetterschaukel: Die sogenannte Nordatlantische Oszillation wurde negativ, Hoch- und Tiefdruckgebiete verlagerten sich - Hurrikane entlang der US-Ostküste könnten damit wahrscheinlicher geworden sein.
  • Hurrikan-Schwächephase hält an. Seit 2005 hat kein Hurrikan der Stufe drei die USA getroffen. Solch ein langes Ausbleiben der stärksten Hurrikane hat es seit mehr als einem Jahrhundert nicht gegeben - hat die Klimaerwärmung womöglich eine abschwächende Wirkung auf die Stürme?
  • Mehr Hurrikane während Kältephasen. Die Analyse von Korallen und Meeressedimenten hat gezeigt, dass in kühlen Zeiten der Geschichte Hurrikane mitunter häufiger wurden. Nicht nur die Wassertemperatur bestimmt das Auftreten der Stürme, sondern beispielsweise auch entgegenkommende Winde und Staubwolken.

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insgesamt 105 Beiträge
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1. Warum
SchlandGottes 01.11.2012
berichtet eigentlich keiner von der verheerenden Zerstörung in der Karibik? Die Menschen dort hat es deutlich schlimmer getroffen....
2. Oh je der Klimawandel ...
Paul-Merlin 01.11.2012
Zitat von sysop150-Stundenkilometer-Böen, Zehn-Meter-Wellen im Hafen von New York, der Regen eines halben Jahres in zwei Tagen: Meteorologen analysieren, woher Hurrikan "Sandy" seine Kraft nahm - und welche Rolle dabei der Klimawandel gespielt haben könnte. Meteorologische Bilanz: Wie Hurrikan Sandy zum Rekord-Sturm wurde - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/meteorologische-bilanz-wie-hurrikan-sandy-zum-rekord-sturm-wurde-a-864551.html)
inzwischen wird doch immer klarer, dass die "menschgemachte Klimawandelstory" in die gleiche Rubrik einzusortieren ist wie das "Waldsterben" Mitte der 80er Jahre. Es geht um interessengesteuerte Panikmache und darum Fördergelder abzugreifen und öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen. Letzteres auch aus ganz eigennützigen Motiven heraus. Klimawandel gab es in der Geschichte der Erde immer wieder, er findet permanent statt, der Anteil des Menschen daran wird grotesk überzeichnet. Dies gilt auch für den Hurrikan "Sandy". Wirbelstürme gab und wird es immer wieder geben. Statt über den Klimawandel zu jammern, sollten stattdessen die Bauvorschriften angepasst und bestehende eingehalten werden.
3.
hasenmann123 01.11.2012
Der Klimawandel ist reine Fiktion von Ökoapokalyptikern die hinter jedem Tropenstürmchen schon den Weltuntergang vermuten... Der Klimawandel ist genauso wenig belegt wie die 4 Reiter der Apokalypse! Alles nur um die Menschen mit Ökosteuer und Enregiesparerei zu belasten...
4. “Klimaskeptiker”
spon-facebook-10000009156 01.11.2012
Das Meer ist wärmer. Hurrikane werden über Ozeanen geboren, die milder als 26,5 Grad sind. Je stärker die Klimaerwärmung das Wasser aufheizt, desto mehr Treibstoff bekommen die Stürme. Blockade-Hoch über dem Atlantik. Ein ausgedehntes Hochdruckgebiet versperrte "Sandy" den Weg nach Osten übers Meer, wohin es sonst abgezogen wäre. Solche Hochdruckgebiete entstehen nach Meinung vieler Meteorologen häufiger, wenn wenig Treibeis im Arktischen Meer liegt. Diesen Sommer war das Eis extrem geschmolzen - möglicherweise aufgrund der Klimaerwärmung. Manche “Klimaskeptiker” (Menschen, die an einen vom Menschen verursachten Klimawandel nicht glauben oder seine Folgen für nicht so schlimm halten) halten dagegen: Ein natürliches Wetterphänomen macht Hurrikane wahrscheinlicher. Wie sollen die Nationen der Welt sich einig werden um zu handeln, geschweige der einzelne Mensch der verunsichert ist, wenn selbst die Wissenschaftler keine einheitliche Meinung dazu haben? Das ist doch alles verrückt, also warten wir ab, mal sehen wer recht hat. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/sendung-verpasst/#/beitrag/video/1643870/%C3%9Cbrigens-..-zur-Sendung-vom-22.05.2012
5.
expat_ja 01.11.2012
Zitat von SchlandGottesberichtet eigentlich keiner von der verheerenden Zerstörung in der Karibik? Die Menschen dort hat es deutlich schlimmer getroffen....
Hat es nicht. Wir in der Karibik sind für einen Hurricane relativ glimpflich davongekommen.
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Das Rezept des Supersturms

Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.