Von Axel Bojanowski
Hamburg - Vor vielen Gefahren hatten Meteorologen gewarnt, als sich Hurrikan "Sandy" den USA näherte: vor gefluteten Städten, vor umgestürzten Bäumen und auch vor Stromausfällen. Sie sollten recht behalten. Doch eine Gefahr hatten die Experten nicht auf dem Plan: Klimaanlagen. Die Metallkästen, die in der betroffenen Region aus vielen Häusern ragten, riss der Sturm einfach ab und schleuderte sie wie Geschosse durch die Straßen.
Hurrikan "Sandy" sorgte für zahlreiche bittere Überraschungen, er geht als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in die Geschichte der USA ein. Schäden von bis zu 50 Milliarden Dollar könnten nach ersten Schätzungen entstanden sein; ganze Siedlungen wurden zerstört. Die New Yorker Polizei berichtet von 10.000 Notrufen pro Stunde; acht Millionen Haushalte waren ohne Strom.
Das Ausmaß der Zerstörung überrascht kaum, wenn man sich die Entstehung und die Wetterdaten des Sturms genauer betrachtet. Die einzelnen Werte offenbaren, warum "Sandy" eine derartige Verwüstung an der US-Ostküste anrichten konnte.
Bereits 1903 hatte ein Hurrikan den ungewöhnlichen Weg nach New Jersey genommen, 1804 traf einer New York. Beide wüteten mit ähnlicher Kraft wie "Sandy". Auch der "Long-Island-Express-Hurrikan" 1938 kam in die Region mit ähnlicher Stärke. Von 1954 bis 1955 trafen sogar gleich drei Hurrikane die US-Ostküste.
Allerdings ragt "Sandy" mit ihrer Ausdehnung heraus: Sie war der größte Hurrikan, der seit Beginn der systematischen Beobachtungen im Nordosten der USA angekommen ist. "Sandys" Wolkenwirbel war 3000 Kilometer breit, er bedeckte eine Fläche fast so groß wie Indien. Diese Ausdehnung erreichen selbst die meisten Hurrikane in den Tropen nicht, wo die Wirbelstürme von warmem Wasser angetrieben ungebremst wachsen können.
"Sandy" wurde so mächtig, weil der Atlantik in diesem Jahr ungewöhnlich warm ist; und der Golfstrom lieferte zusätzliche Energie. Außerdem bewegte sich der Sturm über eine außergewöhnlich lange Strecke über dem erwärmten Meer - vom Atlantik über die Karibik bis an die US-Ostküste. In dieser Zeit konnte "Sandy" viel Kraft tanken, der Riesenwirbel entstand.
20 Kilometer hoch wucherten "Sandys" Wolken schließlich, dort oben gefroren die Wassermassen bei weniger als 50 Grad minus zu Abermillionen Eispartikeln. Radardaten zeigen extrem dichte Gewitterwolken im Umkreis von 800 Kilometern um das Zentrum des Sturms. Bei der Bildung der Wolken wird Wärme frei, die aufsteigt - und Sturm entfacht.
Der Regen
Hurrikane sind gigantische Umwandlungsapparate: Aus warmem Wasser machen sie Wind. Wie ein riesiger Kamin saugt das Auge des Sturms Wasserdampf aus dem Ozean; das schwere Salz bleibt im Meer zurück. In der Höhe kühlt die Luft, Regentropfen formen sich; dabei wird Wärme frei, die den Luftsog verstärkt. Die unvorstellbar großen Wassermassen aus dem Ozean regnen schließlich ab.
Während der Sturm seine größte Kraft in den Bundesstaaten New Jersey und New York entfachte, ging der meiste Niederschlag südlich in Maryland nieder. In der Stadt Easton wurden binnen zwei Tagen 320 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen - so viel fällt in Deutschland in einem halben Jahr. Ähnlich starke Himmelsfluten wurden mancherorts in Delaware gemessen. Auch auf den Ort Wildwood Crest an der Südspitze von New Jersey prasselten mehr als 300 Liter pro Quadratmeter herunter.
Der Wind
Noch 800 Kilometer von "Sandys" Zentrum entfernt herrschte eine nahezu höchste Sturmstärke; normalerweise ist der Extrembereich auf die Umgebung des Auges in der Mitte beschränkt. Dabei war "Sandy" eigentlich nur ein Hurrikan der Stufe zwei, die Spitzengeschwindigkeit war für einen Hurrikan nicht hoch. Hurrikan "Katrina", der vor sieben Jahren New Orleans zerstörte, hatte Stufe fünf; er blies ungefähr doppelt so stark.
Gleichwohl kam "Sandy" mit Wucht: Auf dem Meer wurde eine Böe von 175 km/h gemessen, die mehr als eine Minute anhielt. Durch den Eaton's Park in New York fegte der Wind mit 153 km/h; im Central Park hinter den Hochhausfronten wurden noch 100 km/h gemessen. An der Küste vor New Jersey blies er teils mit 145 km/h. Und über dem Berg Mt. Washington beschleunigte der Sturm gar auf mehr als 200 km/h. Zum Vergleich: Von einem Orkan spricht man ab 117 km/h.
Die Wellen
"Sandys" enorme Breite sorgte dafür, dass der Sturm das Wasser auf Tausenden Kilometern vor sich her schob. Mächtiges Hochwasser rollte auf die USA zu, es hält tagelang an. Unglücklicherweise war auch noch Vollmond, der den Tidenhub verstärkte. Eine Boje am Eingang des New Yorker Hafens registrierte eine Welle von zehn Metern über Normal - neuer Rekord. An der Küste vor New York hob sich der Ozean entlang mancher Abschnitte um 4,38 Meter. In Manhattan stieg er auf breiter Front mehr als drei Meter über Normal auf einen neuen Rekord.
An der Nordseeküste bestünde selbst bei solchem Wasserstand wenig Gefahr, die Deiche sind höher. New York aber war weniger geschützt. In der Gefahrenzone lagen, wie "Sandy" nun deutlich gemacht hat, nicht nur viele Wohnhäuser, sondern auch Umspannwerke und U-Bahnen. Sie versanken in den Fluten, in New York gingen die Lichter aus.
Der Schnee
Weil "Sandy" über dem Festland mit arktischen Winden aus dem Norden zusammenprallte, kühlte sich die nasse Luft rapide ab - aus dem Regen wurde in höheren Lagen Schnee. In Redhouse in Maryland fielen während des Durchzugs des Sturms 75 Zentimeter Schnee.
Auch in North Carolina, Tennessee und in Virginia verschwanden Landschaften unter einer dicken weißen Decke. In West Virginia mussten Helfer der Nationalgarde gegen den Schnee ankämpfen, der sich innerhalb weniger Stunden teilweise über einen Meter hoch aufgetürmt hatte.
Der Klimawandel
"Sandy" hat gleich mehrere Wetterextreme in sich vereinigt. Wissenschaftler rätseln nun, ob die Klimaerwärmung verantwortlich für die Sturmstärke sein könnte.
Drei Argumente sprechen dafür:
Drei Argumente sprechen dagegen:
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