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Methusalem-Geschöpfe: So geht ewiges Leben

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Sie waren schon während des Römischen Reiches da, manche sogar schon zur letzten Eiszeit - und sind quicklebendig. Eine US-Fotografin hat uralte Lebewesen aufgespürt. Vom Wüstenbusch, der seit 3000 Jahren gedeiht, bis zu 400.000-jährigen Bakterien: faszinierende Schauspiele der Natur.

Uralte Lebensformen: Mehr als 2000 Jahre auf dieser Welt Fotos
Rachel Sussman

Vor sechs Jahren reiste die US-Fotografin Rachel Sussman auf die Insel Yakushima in Japan. Dort stieß sie auf einen 2200 Jahre alten Baum. Das brachte sie auf eine Idee. Zurück in ihrem Atelier in Brooklyn fasste sie den Plan, die ältesten Lebensformen der Welt zu fotografieren. Was spross bereits, als unsere Zeitrechnung noch nicht begonnen hatte? Welches Leben konnte Naturkatastrophen trotzen, Klimaveränderungen überstehen und Raubzügen des Menschen entgehen?

Die Kreaturen, denen Sussman hinterherjagt, müssen nur eine Bedingung erfüllen: Sie müssen seit mindestens 2000 Jahren leben und ununterbrochen Stoffwechsel betreiben. Manche der Kandidaten waren bereits zuvor berühmt für ihr Alter - etwa ein Baum auf der Insel Yakushima, der dort seit der Vorzeit Japans, der sogenannten Jomon-Zeit steht. Die Japaner gaben ihm deshalb den Spitznamen "Jomon Sugi". Andere waren bis zu Sussmans Aufnahmen nur wenigen Wissenschaftlern bekannt. So lernte Sussman auf einer Silvesterfeier in Brooklyn einen Bakterienforscher kennen, der sie auf die Spur der wohl ältesten Organismen auf der Erde brachte: Actinobakterien, die seit 400.000 Jahren im Permafrostboden der sibirischen Arktis leben - 250.000 Jahre bevor der moderne Mensch erschien.

Die Fotos von 25 Methusalem-Wesen hat Sussman mittlerweile in ihrer Galerie ausgestellt. Skurrile Eigenschaften sicherten den Organismen ihr Überleben: Ein Wald etwa wächst unter der Erde, um sich vor Bränden zu schützen, nur die Baumkronen ragen aus dem Boden. Die 2000 Jahre alte Wüstenpflanze Welwitschia mirabilis verdankt ihr Alter ihrer unendlichen Adoleszenz - sie wird nie erwachsen. Ein 80.000 Jahre alter Wald in Utah, USA, entstammt einer einzigen Wurzel, die ihn am Leben hält. Alle Bäume sind Klone.

Geheimer Standort

Manchen Wesen sieht man ihr Alter an. Völlig zerfranst wabert eine 2000 Jahre alte Hirnkoralle im Meer vor Tobago - Fische haben sie zerfleddert. Andere beeindrucken mit überraschender Konsistenz. Ein drei Meter breiter Wüstenbusch, verwandt mit der Petersilie, erwies sich nach 3000 Jahren Wachstum als so robust, dass ein Mensch drauf stehen kann.

Sussmans Reisen führten sie quer über den Globus, in die entlegenden Gegenden Grönlands, das chilenische Hochland und die nordamerikanischen Wüsten. Nicht jeder Weg war leicht: Für das Korallen-Foto musste sie ihre Angst vor dem Meer überwinden, einen Tauchschein machen und lernen, ihre Ausrüstung auch unter Wasser zu benutzen. Bei der Suche nach einer 9500 Jahre alten Fichte benötigte sie ihre ganze Überredungskunst. Der Biologe, der den Baum ein Jahr zuvor entdeckt hatte, wollte den Standort geheim halten - aus Angst um die Pflanze.

Für die Fotografin ist ihre Arbeit Kunst, Wissenschaft und Philosophie zugleich. Eine Frage treibt sie um: Werden die uralten Wesen den Klimawandel überleben? "Wer weiß, wie es der Natur in Zukunft ergehen wird", sorgt sie sich in ihrem Blog "The Oldest living Things in the World".

Noch hat die Fotografin nicht alle Methusalem-Wesen aufgespürt. Sie plant etwa, auf der antarktischen Halbinsel nach einem 5000 Jahre alten Moos zu suchen. An einem heiligen Ort in Sri Lanka möchte sie einen 2300 Jahre alten Bengalischen Feigenbaum fotografieren. Und nicht zuletzt zieht es Sussman ein zweites Mal unter die Meeresoberfläche: Forscher haben ihr erzählt, dass vor der Küste Spaniens Seegras wachsen soll - seit 100.000 Jahren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1.
mcmercy, 16.08.2010
Ich finde die Bakterien zählen hier eigentlich nicht, da es ja nicht das einzelne Bakterium ist, dass diese Alter erreicht sondern lediglich die Art, und da gibt es sich noch mehrere, so sind doch auch Haie und der Quastenflosser als Art schon extrem alt.
2. Bakterien
Meckermann 16.08.2010
Bei den Bakterien geht es nicht um die Art (die wäre mit 400.000 Jahren dann recht jung) sondern um den Organismus. Bakterien sind potentiell unsterblich, d.h. solange die Bedingungen gut sind, teilen sie sich stets aufs neue, ohne zu altern und zu sterben. Trotzdem ist hier die Bestimmung des Alters einer individuellen Zelle schwierig, denn theoretisch müsste man ja dann jede Zelle als genauso alt werten wie die Kolonie als solche, was aber wiederum Blödsinn ist, da ja offensichtlich nicht alle Zellen von Anfang an da gewesen sind. Vertrakt - ich würde Bakterien außen vor lassen.
3. da fehlen Schwämme...
RogerT 16.08.2010
Was fehlt ist die älteste lebende Art: Schwämme. Die leben meist in Korallenriffen und sind lt. neuesten Forschungen fast unsterblich.
4. Bakterien
jhartmann, 16.08.2010
Bakterien im Permafrostboden existieren *als Individuen* eben gerade deshalb so lange, weil sie sich (des Frosts wegen) eben *nicht* teilen und auch sonst nur sehr langsam stoffwechseln. Ähnlich wie Spermien im frostigen Repro-Archiv ...
5. 20.000 Jahre alte Geografenflechte
kridelrew 16.08.2010
Zur Datierung von Jahrhunderte und Jahrtausende alter Gletschervorfeldern wurden traditionel Vorkommen und Ausmass der sogenannten 'Geografenflechte' herbeigezogen. Deren Wuchs und Durchmesser geben gute Auskunft ueber Alterverhaeltnisse. Ich erinnere mich, dass mein Geografie-Professor, Dr. Schroeder-Lanz, im einst vergletscherten Estrella Gebirge von Portugal eine der besagten und uralten Flechten gemessen hat. Das Alter wurde aufgrund des immensen Durchmessers und Wachstums mit ueber 20.000 (zwanzigtausend) Jahren angesetzt. Demnach waere diese Flechte in der Hochlage des klimatisch gunstreichen SW des Kontinents zu den aeltesten Lebewesen Europas zu zaehlen. Es mutet schon eine wenig ironisch an, dass die niederen Flechten den stolzen Wuchs der Baeume altersmaessig glatt in den Schatten stellen koennen!
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