Mikroben aus Sibirien: Permafrost-Bakterien bestehen Marstest

Wer es im Dauerfrostboden Sibiriens aushält, der käme vielleicht sogar mit dem Mars klar: Forscher haben mehrere Bakterienarten gefunden, die selbst bei widrigsten Bedingungen wachsen. Könnten sie auch auf dem Roten Planeten überleben?

Thermokarst-Seen in Sibirien (2007): Lebensraum für widerstandsfähige Bakterien Zur Großansicht
REUTERS

Thermokarst-Seen in Sibirien (2007): Lebensraum für widerstandsfähige Bakterien

Gibt es Leben auf dem Mars? Diese Frage wird womöglich noch eine ganze Weile unbeantwortet bleiben. Kurzzeitig sah es so aus, als würde das Marsmobil "Curiosity" aufsehenerregende Ergebnisse liefern. Doch eine vermeintliche Sensation blieb aus.

Gäbe es Lebensformen auf dem Roten Planeten, dann müssten sie mit widrigsten Umweltbedingungen klarkommen: kaum flüssiges Wasser, eine dünne Atmosphäre, niedrige Temperaturen, wenig Nährstoffe, dazu ein ständiges Strahlungsbombardement. Doch Wissenschaftler staunen immer wieder darüber, an welch ungemütlichen Orten Mikroorganismen überleben können. Im Labor werden einige besonders widerstandsfähige Exemplare Umweltbedingungen ausgesetzt, die denen des Mars ähneln sollen.

Forscher um Wayne Nicholson von der University of Florida in Merritt Island berichten nun im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" über Versuche, die sie mit Bakterien aus dem Permafrostboden Sibiriens unternommen haben. Das Team, zu dem auch Forscher der Russischen Akademie der Wissenschaften gehörten, hatte die Mikroben an den abgeschiedenen Ufern des Flusses Kolyma gesammelt. Dort hat der Boden eine jährliche Durchschnittstemperatur von minus sieben Grad.

Seit 6000 bis 8000 Jahren in eisiger Kälte

Die Proben wurden aus der Tiefe des Permafrosts gebohrt - und zwar ohne Flüssigkeit, die normalerweise zur Schmierung des Bohrlochs eingesetzt wird, denn sie hätte das Material kontaminieren können. In den mühevoll geborgenen Extrakten aus dem Dauerfrostboden fanden sich Bakterien, die dort seit 6000 bis 8000 Jahren in eisiger Kälte ausgeharrt hatten.

Einige von ihnen kamen auch gut mit den marsähnlichen Bedingungen klar, die Nicholson und Kollegen anschließend im Labor herstellten: Temperaturen am Gefrierpunkt, ein verschwindend kleiner Luftdruck von sieben Millibar und eine CO2-geschwängerte Atmosphäre. 30 Tage wurden die Proben so behandelt - und einigen Bakterien machte das nur wenig aus, berichten die Forscher.

Von diesen robusten Winzlingen ermittelten die Wissenschaftler Teile des Erbguts, genauer gesagt die ribosomale DNA. Der Abgleich dieses Genmaterial mit den Einträgen des "Ribosomal Database Project" zeigte schließlich, dass die Mikroben allesamt zur Gattung Carnobacterium gehören. Deren Vertreter, bisher ist ein knappes Dutzend Arten bekannt, sind schon auf Lebensmitteln nachgewiesen worden - und in Kältezonen rund um die Welt. Nicht nur in Sibirien und Alaska, sondern auch in den sauerstoffarmen Gewässern des Ace-Lake in der Antarktis.

Das Genmaterial der sibirischen Mikroben unterscheidet sich sogar nur minimal von dem der antarktischen Verwandtschaft, berichten die Wissenschaftler. Ob das Carnobacterium auch auf dem Mars überleben könnte, wissen sie aber auch nach ihren Experimenten nicht mit Sicherheit. Schließlich gebe es auf dem Roten Planeten noch zahlreiche andere biotoxische und physikalische Störfaktoren. Dazu gehören auch womöglich giftige Substanzen im Boden, wie sie die Nasa-Sonde "Phoenix" gefunden hatte.

chs

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