Mikroben im Sahara-Staub: Gefährliche Fracht über dem Atlantik

Von Stefan Schmitt

Im Sand gewaltiger Sahara-Stürme reisen Pilze und Bakterien westwärts. Hoch über dem Atlantik konnten Wissenschaftler jetzt messen: Die UV-Strahlung der Sonne tötet längst nicht alle Erreger ab. Die Überlebenden lassen in der Karibik regelmäßig Korallen sterben.

In weiter Schleppe zieht der Wind einen ockerfarben-schmutzigen Schleier hinaus auf den Atlantik. Die Kanarischen und die Kapverdischen Inseln liegen unter der dunstigen Decke, deren westlichste Zipfel sich bis zu den Inseln der Karibik recken.

Der Staub legt sich in solchen Mengen, dass er alles an Bord verdreckt und die Augen der Leute schmerzt. Wegen der Verdunklung der Atmosphäre sind gar Boote auf Grund gelaufen. Er ist oft auf Schiffe gefallen, die Hunderte und sogar mehr als tausend Meilen von der afrikanischen Küste entfernt waren. (Charles Darwin)

Der berühmte Naturforscher beschrieb Mitte des 19. Jahrhunderts das Phänomen aus der Perspektive der Seefahrer, die den Staub als lokales Ärgernis empfanden. Seit die Menschheit über Satelliten zur Erdbeobachtung verfügt, kann man aus komfortabler Perspektive beobachten, wie weit Winde aus dem Osten den Sand der Sahara tragen.

Und seit Wissenschaftler festgestellt haben, dass in den warmen Gewässern der Karibik eine Krankheit die Korallen bleichen lässt, deren Erreger man auch in Westafrika findet, steht der verwehte Saharastaub im Verdacht, ein transatlantischer Mikroben-Express zu sein. In den vergangenen fünf Jahren haben Wissenschaftler eine Reihe von Belegen dafür gesammelt:

  • Massensterben von Seeigeln und Korallen in der Karibik fanden in Jahren mit besonders starken Sandstürmen statt.
  • DNA-Vergleiche zwischen gleichartigen Mikroben aus Westafrika und der Karibik zeigten eine hohe Übereinstimmung.
  • Im Spätsommer lassen sich in der Luft über der Karibik Bakterien und Pilze aufspüren, wie sie auch in Afrika existieren.

"Der Gegenstand unseres Forschungsprojekts war es festzustellen, ob wir im Frühsommer Mikroben über der Mitte des Atlantischen Ozeans finden können", sagte Dale Griffin vom US Geological Survey (USGS) zu SPIEGEL ONLINE. Griffin uns seine Kollegen stellten fest: Es gibt eine ganze Menge Mikroben in der Luft, und sie werden nach Westen getragen. Das berichtete Griffin beim Jahrestreffen der American Society for Microbiology in Orlando im US-Bundesstaat Florida.

24 von 40 Luftproben, die über dem Mittelatlantik genommen wurden, enthielten demnach lebende Mikroorganismen. Insgesamt wiesen die Forscher 26 Bakterien und 83 Pilzsorten nach. Darunter waren Gordonia terra, die beim Menschen Hautkrankheiten auslösen kann, Massaria rosatii, ein Pilz, der Platanen befällt, und Alternaria dauci, ein Verursacher von Mehltau bei Karotten.

"Interessanterweise fanden wir da eine Anzahl von Mikroben, die vorher in Studien in Afrika identifiziert worden waren - und auch einige, die wir aus der Karibik kannten", sagte Mikrobiologe Griffin. Mit den neuen Messungen aus der Luft über dem Atlantik scheint die Indizienkette nun geschlossen zu sein.

Sandstürme als Taxi für Erreger

Saharastaub als Taxi für allerlei Krankheitserreger, das hat natürlich in erster Linie Bedeutung für Afrika selbst. "Wenn eine Getreidekrankheit an der afrikanischen Westküste ausbricht oder gar eine Krankheit beim Menschen, und etwas später bricht diese Krankheit auch weiter entfernt in der vorherrschenden Windrichtung aus, dann müssen wir fragen, ob das der Staub war", sagt Griffin.

Selbst wenn durch ultraviolettes Licht 90 Prozent der Mikroorganismen abgetötet würden, könne im Schatten der unteren Staubwolkenschichten immer noch eine "phänomenale Anzahl" von Mikroben überleben.

Die Sorge der Forscher gilt nicht nur dem Ökosystem. Auch dem Menschen könnte vom Staubexpress über den Atlantik Unheil drohen: Es soll geklärt werden, ob auch Spuren von Chemikalien aus der Landwirtschaft oder Medikamentenrückstände aus dem Abwasser als blinde Passagiere mit dem Saharasand reisen können.

Gänzlich ohne Zutun afrikanischer Mikroben düngen Sandstürme aus der Sahara auch das Algenwachstum im Golf von Mexiko und vor der Ostküste der USA. Bereits 2001 hatten Nasa-Wissenschaftler im Fachmagazin "Limnology and Oceanography" von Beobachtungen im Sommer 1999 berichtet: Große Mengen Staub aus Afrika hätten damals westlich von Florida den Eisengehalt im Wasser verdreifacht - ein willkommener Dünger für die explosionsartige Vermehrung eines dort heimischen Mikroorganismus.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Sahara-Sand: Mikroben über dem Ozean