Mikroorganismen: Etwas atmet unterm Meeresgrund
Auch an den unwirtlichsten Orten existiert Leben - tief unter dem Meeresboden etwa. Wissenschaftler haben nun nachgewiesen, dass die Mikroorganismen in der ozeanischen Erdkruste Sauerstoff aus dem Wasser ziehen.
Tief im Meeresboden existiert Leben: Mikroorganismen gedeihen in der ozeanischen Kruste - das hat ein internationales Wissenschaftlerteam nachgewiesen, das Gestein aus der Tiefe entnommen und untersucht hat.
Die Forscher haben untersucht, inwieweit die Bakterien Sauerstoff aus dem Wasser in den Poren des Gesteins der ozeanischen Kruste ziehen. Mit dem Forschungsschiff "Joides Resolution" holten sie dafür Gesteinsproben aus der Tiefe an die Oberfläche. Das Schiff bohrte am Mittelatlantischen Rücken, wo das Meer etwa 4500 Meter tief ist. Die Forscher entnahmen Proben aus den Sedimentschichten, die direkt auf der Ozeankruste liegen, und bohrten auch in die Kruste selbst hinein.
Beth Orcutt vom Bigelow Laboratory for Ocean Sciences in East Boothbay (US-Staat Maine) und ihre Kollegen ermittelten dann die Sauerstoffkonzentration in diesen Proben, worüber sie im Fachmagazin "Nature Communications" berichten.
Erste Blicke ins größte Ökosystem der Erde
"Bisher wissen wir nicht sicher, wie verbreitet Leben im Vulkangestein unter dem Meeresboden ist", sagt Wolfgang Bach vom Zentrum für Marine Umweltwissenschaften Marum an der Universität Bremen, der an der Studie beteiligt war. "Die Tatsache, dass in der Ozeankruste Sauerstoff verzehrt wird, ist ein sehr deutlicher Hinweis auf das Vorhandensein von Mikroorganismen." Chemische Abbauprozesse sind nach Angaben der Wissenschaftler höchstwahrscheinlich nicht für den Sauerstoffverbrauch verantwortlich.
Es sei eines der größten Ziele der wissenschaftlichen Tiefsee-Bohrprogramme, das Leben unterm Meeresgrund besser zu verstehen, sagt Beth Orcutt. "Wir weisen nun erstmals nach, dass in der Kruste Sauerstoff entnommen wird." Das habe man zwar erwartet, aber bisher nicht beobachten können.
Wolfgang Bach erklärt mit Hilfe eines Vergleichs die Schwierigkeit dieser Untersuchungen: "Stellen Sie sich vor, dass eine außerirdische Lebensform, die auf der Erde landen will, nur durch Sauerstoffmessungen Leben nachweisen kann. Messen sie in einem guten gelüfteten Konferenzraum voller Menschen, würden sie anhand der Daten davon ausgehen, dass die Atmung minimal ist und nur wenig oder gar kein Leben vorhanden ist."
Die kilometerdicke Erdkruste unter den Ozeanen ist im Prinzip das größte Ökosystem der Welt - in das Forscher erst jetzt erste Blicke werfen.
wbr/dpa
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