Mikroskop-Fotografie Die wunderbare Welt des Winzigen

Der Mikrokosmos fasziniert Menschen, seit es die Lupe gibt. Welch überraschende Formen und Farben in der Welt des Kleinen zu entdecken sind, zeigen die Preisträger eines Fotowettbewerbs für Mikroskop-Aufnahmen. Sie dokumentieren die Schönheit von belebter wie unbelebter Natur. SPIEGEL ONLINE zeigt die 20 Preisträger.

Dr. Heiti Paves / University of TechnologyTallinn

Von Cinthia Briseño


Manche Wissenschaftler verbringen unzählige Stunden am Mikroskop. Schnappschüsse sammeln sie dabei nur selten. Ihre Bilder müssen auch nicht schön sein. Vielmehr müssen die Aufnahmen Untersuchungsergebnisse liefern. Sie zeigen etwa, ob eine Biopsie bösartiges Gewebe enthält, in welchem Kompartiment einer Zelle ein bestimmtes Protein seine Arbeit verrichtet, oder wie Nanoröhren aus Kohlenstoff aufgebaut sind.

Selten können Laien mit den bizarren Motiven etwas anfangen. Aber so mancher Forscher entdeckt beim Blick durch das Mikroskop die Schönheit der Natur, die sich normalerweise vor dem menschlichen Auge versteckt. Mikrofotografen nennen sich die Menschen, die fasziniert sind von dem, was sie in vielfacher Vergrößerung zu sehen bekommen. Die Bilder, die sie produzieren, sind oft grellbunt, zeigen skurrile Formen und Strukturen. Sie erinnern an fraktale Geometrie, an Aliens von unbekannten Planeten oder an seltsame Unterwasserwesen. Nur manchmal lässt sich erahnen, was hinter der Detailaufnahme steckt.

Jedes Jahr wird die faszinierende Welt des Winzigen in einem Fotowettbewerb geehrt. Seit 1974 kürt eine unabhängige Jury aus Fotografen, Wissenschaftsjournalisten und Forschern bei der Nikon Small World Competition die schönsten Mikroskop-Aufnahmen. Einer der diesjährigen Gewinner ist Dominik Paquet vom Adolf Butenandt Institut in München - sein Bild landete auf Platz elf der 20 schönsten Bilder.

Eigentlich untersucht der Forscher zelluläre Prozesse bei der Alzheimerschen Krankheit. Dafür nutzt er ein in der Wissenschaft weitverbreitetes Tiermodell, in dem man bestimmte Vorgänge sehr anschaulich darstellen kann: den Zebrafisch. Sogar am lebenden Tier können die Wissenschaftler beobachten, wie Nervenzellen bei Alzheimer absterben. Die eine Woche alten und durchsichtigen Larven der Zebrafische sind nur ein bis zwei Millimeter groß und passen deshalb gut unter das Mikroskop. Dafür betäuben die Forscher die Tiere und legen sie dann auf den Objektträger. Bis zu vier Tage überleben die Larven diese Prozedur. Für seine Experimente hat Paquet ein Gen in die Zebrafische geschleust, das beim Menschen zu einer erblichen Form von Alzheimer führt. Die Proteine, die durch das sogenannte Tau-Gen in den Nervenzellen produziert werden, färbt er mit Hilfe eines Antikörpers an. So kann er sie mit Hilfe eines speziellen Lasermikroskops sichtbar machen.

Gewöhnliches erscheint plötzlich ganz ungewöhnlich

Eines dieser Bilder von einem Alzheimer-Zebrafisch hatte Dominik Paquet bei dem Fotowettbewerb eingereicht. "Aussagekräftige Bilder sind für die Forschung wichtig. Vor allem, wenn wir mit ihnen grundlegende Vorgänge erklären können", sagt der 29-Jährige. "Und sie helfen uns, auch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden." Deshalb war einer von mehr als 2000 Mikrofotografen, die an dem Wettbewerb teilgenommen haben. Die Objekte der Bewerber sind völlig unterschiedlich. Manche legen chemische Präparate unter ihre Mikroskoplinsen, andere sehen sich lieber biologische Spezies im Detail an. Nicht immer kommen die Mikrofotografen, die bei dem Wettbewerb teilnehmen, aus der Wissenschaft. Mitmachen kann bei der Small World Competition im Prinzip jeder, der ein Mikroskop sein eigen nennen kann oder Zugang zu einem solchen Gerät hat. Es darf jede Art von Mikroskop verwendet werden. Allerdings handelt es sich bei vielen Geräten um hochspezialisierte Mikroskope, die unter Umständen bis zu mehrere hunderttausend Euro kosten können und deshalb nur von Forschungseinrichtungen betrieben werden.

Doch ein Mikroskop muss nicht zwangläufig teuer sein, um ein faszinierendes Bild zu erzeugen. Die Aufnahme des Düsseldorfer Fotografen Gerd Günther etwa gewann dieses Jahr den zweiten Platz. Für seine Aufnahmen verwendete der Düsseldorfer Fotograf ein handelsübliches Lichtmikroskop. Und das preisgekrönte Objekt seiner Begierde war eine ganz gewöhnliche Dorn-Gänsedistel (Sonchus asper). Auf seiner Homepage schreibt Günther, warum ihn und vermutlich viele andere Mikrofotografen diese Bilder so faszinieren: "Durch die Verfahren der Lichtmikroskopie erschließt sich ein Kosmos ästhetischer Formenvielfalt, der mich immer wieder auch durch überraschend vertraute harmonische Proportionen fesselt. Das Instrument Lichtmikroskop ermöglicht uns, diese Vielfalt der Natur überhaupt erst sichtbar zu machen und einem andern Licht erscheinen zu lassen."



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