Mistelbefall: Klimawandel lässt Kiefernwälder verschwinden

Von Volker Mrasek

Reihenweise sterben im Schweizer Kanton Wallis die Kiefernwälder ab - der Grund sind Misteln, die den Bäumen in den immer heißeren, trockeneren Sommern das Wasser rauben. Der Klimawandel zerstört eine angestammte Pflanzengesellschaft, konstatieren Forscher.

Einmal, ein einziges Mal, verliert Miraculix, der Druide des berühmten Dorfes unbesiegbarer Gallier, die Beherrschung. "Bei Belenus, Teutates und Belisima! Meine Goldsichel ist zerbrochen", überschlägt er sich laut fluchend in Asterix-Band Nummer fünf. Mit dem illustren Handwerkszeug pflegt der Magier Misteln, aus Baumkronen zu explantieren. Doch die "haben nur Zauberkraft, wenn ich sie mit einer goldenen Sichel schneide", grummelt der Verzweifelte und sieht sich schon seiner Fähigkeit beraubt, wundersame Tränke zuzubereiten.

Was man über die Mistel im wahren Leben sagen kann, ist weniger zauberhaft. Der Kleinstrauch mit dem botanischen Namen Viscum album schmarotzt auf Bäumen; er bohrt seine Saugwurzeln in Kiefern, Tannen und Laubhölzer wie Pappeln und Robinien, zapft die Leitungsbahnen seiner Wirte an und entzieht ihnen Nährstoffe - vor allem aber große Mengen Wasser. Jetzt, bei stetig steigenden Außentemperaturen, wird der wärmeliebende Parasit offenbar zum Totengräber von Wäldern auf Trockenstandorten, die durch den Klimawandel schon heute in akute Wasser- und Existenznöte geraten.

Im niederschlagsarmen Rhone-Tal im Schweizer Kanton Wallis glauben Wissenschaftler bereits Zeugen eines ersten Biom-Wechsels zu sein - dem allmählichen Verschwinden einer angestammten Pflanzengesellschaft. Die dortigen, weitgehend unberührten Kiefernwälder könnten demnach die ersten Opfer der Klimaerwärmung im Kanon der verschiedenen Vegetationstypen werden. Im Rhone-Tal unterhält die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) eine Dauerbeobachtungsfläche. "Dort sind in den vergangenen zehn Jahren 60 Prozent aller Kiefern abgestorben", berichtete WSL-Experte Matthias Dobbertin jetzt in Bielefeld, auf einem Fach-Workshop am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZIF).

Zwei- bis dreimal häufiger abgestorben

Besonders nach extremen Trockenjahren wie zuletzt 2003 seien "ganze Waldhänge mit rot-braunen Kronen durchzogen", berichtet der deutsche Forstwissenschaftler. Die standorttypischen reinen Kiefernwälder wandelten sich zu Mischbeständen, in die vermehrt hitzetolerantere Flaumeichen einwanderten. "Wenn die klimatische Entwicklung so weitergeht, werden wir als nächstes wirklich Eichen-Laubwaldbestände haben", ist Dobbertin überzeugt.

Im italienischen Aosta-Tal sei die Waldkiefer aus tieferen Lagen praktisch schon verschwunden; auch im Inntal in Österreich gingen die Nadelbäume nach besonders trockenen Jahren zugrunde. Ähnliche Beobachtungen gebe es in Südfrankreich: "Das Phänomen ist überall das gleiche."

Bemerkenswert dabei der Befund aus dem Wallis. Nach der WSL-Zählung schmarotzen Misteln inzwischen an 37 Prozent der Kiefern, in manchen Waldabschnitten sind es sogar 90 Prozent. Dobbertin war nach eigener Aussage "sehr überrascht, dass die Bäume mit sehr starkem Mistelbefall zwei- bis dreimal häufiger abstarben als solche, die keine Misteln hatten".

Jüngst untersuchte die WSL, was geschieht, wenn man die Kiefern in Asterix-Manier von den typischen kreisrunden Blattbüscheln befreit. Das Ergebnis laut Dobbertin: "Die haben sich tatsächlich erholt, während der Zustand der Bäume mit Misteln sich verschlechtert." Daraus ergibt sich für den Forstexperten, "dass die Mistel mindestens dazu beiträgt, dass Bäume eher absterben". In den Walliser Wäldern treten zwar auch vermehrt Schadinsekten auf sowie Fadenwürmer, die sich ins Holz der Bäume bohren und die Wasserleitungsbahnen verstopfen können. Doch das hält der WSL-Forscher für einen Sekundäreffekt: "Die meisten von denen befallen bereits geschwächte Bäume." Die Mistel dagegen besiedle auch gesunde Kiefern.

Für den Biologen Michael Pfiz sind die Ergebnisse aus den Freilandstudien im Wallis "auf jeden Fall eindrucksvoll". Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Botanik der Universität Hohenheim würde sich solche Untersuchungen auch hierzulande wünschen. Denn die Mistel sei "im ganzen süddeutschen Raum teilweise sehr stark vertreten und kann Schaden in Wäldern anrichten".

Mistel selbst ist das nächste Opfer

In großer Dichte kommt der Schmarotzer zum Beispiel in den Kiefernforsten des Rheintales zwischen Karlsruhe und Mainz vor. Präsent ist er aber auch im Raum Berlin, wo er es unter anderem auf Pappeln abgesehen hat. Dort planen Biologen der Freien Universität Berlin jetzt eine umfassende Mistel-Inventur in betroffenen Forsten. Kritisch könnte es überdies im Schwarzwald werden. "Dort breitet sich die Tannenmistel aus und geht auch in die Höhe", sagt Matthias Dobbertin: "Unter Trockenstress kann auch sie in einigen Regionen zu einem Problem für den Wald werden." Eine weitere große Frage sei schließlich, ob die Trittbrettsträucher nicht auch stärker in die weitläufigen norddeutschen Kiefernwälder einrücken, "wo es ebenfalls sehr trocken ist".

Die WSL empfiehlt Förstern im Wallis mittlerweile, frischbefallene Kiefern in Beständen, die die Mistel neu erobert, zu fällen. "So kann man ihre rasche Ausbreitung verhindern, und das vermindert in Zukunft den Trockenstress für die Bäume", erklärt Dobbertin. Sinnvoll sei dies vor allem in höheren Lagen, in die die Mistel im Zuge der Klimaerwärmung immer stärker vordringe. Die Kiefernbestände der Walliser Täler werden zwar nicht bewirtschaftet; sie haben aber eine wichtige Funktion als Schutzwald, der darunterliegende Siedlungen vor Bergstürzen und Lawinen bewahrt.

Ein skrupelloser Killer ist die Mistel übrigens nicht. "Ihr liegt nichts daran, ihren Wirtsbaum zu töten", betont Matthias Dobbertin. Am Ende ist es sogar so, dass aus dem Profiteur des Klimawandels das nächste Opfer wird. Nach einem extremen Trockenjahr, in dem der Baum unter Wasserknappheit plus Parasitenbefall gelitten habe, gehe es auch seinem Begleiter nicht mehr gut. Dobbertin: "Wenn der Baum abstirbt, stirbt die Mistel mit ihm."

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