Hundeschlittentour durch Grönland: Soweit die Pfoten tragen

Vier Menschen, 21 Hunde, 48 Tage gemeinsam unterwegs - auf Gedeih und Verderb. "National-Geographic"-Autor Arved Fuchs und sein Team erkunden auf einer Hundeschlittentour Grönlands hohen Norden.

Es ist minus 30 Grad, und es weht ein leichter Nordwind. Es ist Ostern. Seit einer Woche leben wir in Zelten auf dem Eis. Die Häuser von Qaanaaq, einem 650-Seelen-Ort im äußersten Nordwesten Grönlands, sind verlockend nah. Aber wir müssen unseren Organismus an die Kälte gewöhnen - und das geht nur, wenn man draußen lebt.

Mit zwei Hundeschlitten wollen wir eine Expedition in eine Weltgegend machen, die so abgelegen ist, dass selbst die Grönländer sie als Avanersuaq bezeichnen - als das Land im entlegensten Norden. Die Region zwischen der Siedlung Qaanaaq und dem Washington Land im Norden ist eine Art Niemandsland. Durch das Inlandeis und das offene Wasser ist sie von jeder Ortschaft abgeschnitten. Der Klimawandel hat die Landschaft grundlegend verändert. So kann man etwa auf dem Meereis entlang der Küste nicht mehr sicher reisen. Bis Ende Mai wollen wir mit traditionellen Hundegespannen bis zum Washington Land und wieder zurück fahren - rund 800 Kilometer.

Erst vor wenigen Tagen haben wir die Hunde von ihren Besitzern übernommen. Wir Menschen bilden dabei gewissermaßen den Familienvorstand, aber noch haben die Tiere uns nicht akzeptiert. Sie müssen sich an unsere Stimmen gewöhnen, unsere Witterung aufnehmen, Vertrauen fassen - aber gleichzeitig auch Respekt entwickeln.

Zum Schlafen in ein etwa ein Meter tiefes Loch mit Zeltplane darüber

Am nächsten Tag geht es los. Es sind etwa 80 Kilometer bis Siorapaluk, der nördlichsten Siedlung Grönlands. Die Etappe ist für uns gewissermaßen die Generalprobe. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft in Grönland erlauben wir uns den Komfort eines geheizten Hauses. Am Abend öffnet sich die Haustür, und ein lachender Mann tritt ein. Er klopft sich den Schnee von den Kamiks - den traditionellen Stiefeln - und setzt sich zu uns an den Tisch. Ikuo Oshima ist Japaner, lebt aber seit knapp 40 Jahren in Siorapaluk. Ich habe ihn im Sommer 2009 kennengelernt. Ein Jahr später rief ich ihn an und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, uns auf einer Teilstrecke mit seinen Hunden und einem oder zwei weiteren Jägern zu begleiten. Ikuo antwortete sofort: "Ja - dazu hätte ich Lust." Ikuo und Qidlugtooq, die beiden Jäger, werden uns bis an die Küste des Smithsunds begleiten, an die Rensselaer-Bucht. Dort gibt es eine Hütte, von der aus sie jagen wollen.

Staunend beobachten wir, wie selbstverständlich sich die beiden Jäger in Schnee, Eis und Kälte bewegen. Als wir am Ende des Tages in unsere sturmerprobten Zelte kriechen, graben sie ein etwa ein Meter tiefes Loch in den Schnee und spannen eine Zeltplane darüber. Schlafsäcke haben sie nicht - sie tragen nur ihre Eisbärfellhosen und Parkas; nachts lassen sie die Primuskocher brennen. Die beiden haben auch nur wenig Lebensmittel, geschweige denn Hundefutter dabei.

An der Hütte angekommen, gehen die beiden jagen. Und erspähen Schneehasen, wo wir nichts sehen als weiße Landschaft. An anderer Stelle entdecken sie eine große Herde Moschusochsen. Sie schießen nur die alten Bullen, um den Bestand zu schützen. Die Hunde - auch unsere - erhalten eine doppelte Ration Frischfleisch. Wir teilen alles: Petroleum zum Kochen und Heizen, Kekse, Schokolade, Tee, Kaffee, frisches Wild, unsere gefriergetrockneten Trekkingmahlzeiten.

Zum Waschen ist das Wasser viel zu kostbar

Es gibt kein Klo, keine Dusche. Um Wasser zu bekommen, müssen wir 500 Meter weit laufen, mit einer Axt Eis aus einem gestrandeten Eisberg hacken, es zur Hütte schleppen und schmelzen. Zum Waschen ist das Wasser viel zu kostbar. In der Hütte stinkt es nach feuchten Tierfellen, gekochtem Fleisch, alten Socken, Petroleum und Hund.

Die Hunde können morgens kaum erwarten, dass es weitergeht. Ein massiver Schneeanker hinter dem Schlitten hindert sie daran, mitsamt der Ausrüstung abzuhauen, bevor der letzte Gegenstand verstaut ist. Wenn schließlich das Kommando kommt - "Hak, Hak", "Lauf, lauf" -, gibt es nichts auf der Welt, das sie bremsen könnte. Erst nach etwa 20 Minuten verfallen sie in eine Art Wolfstrab, den sie stundenlang durchhalten können.

Jeder der Hunde braucht täglich ein Kilogramm hochwertiges Futter - etwa 5000 Kalorien. Wir benötigen etwa 4500 Kalorien pro Person und Tag. Morgens gibt es eine Müslimischung mit einem Nahrungsergänzungsmittel. Tagsüber einige Energieriegel. Abends wird dann gekocht: Zunächst eine heiße Instantbrühe, angereichert mit Pemmikan, einer sehr nahrhaften Fleischpaste. Dazu gibt es in Fett gebackene Biskuits. Danach das Hauptgericht: Chili con Carne, im Wechsel mit Beef Stroganoff, Ungarischem Reistopf oder Huhn in Curry - alles gefriergetrocknet.

22 Tage sind wir seit dem Aufbruch von Qaanaaq unterwegs. Unsere Gesichter sind von Frost und Sonne verbrannt. Alles ist anstrengend und großartig zugleich.

Gekürzte Fassung aus "National Geographic Deutschland", Ausgabe April 2013, www.nationalgeographic.de


Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/arved-fuchs

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Ein Expeditionsbericht von Arved Fuchs?
ralfhettich 30.03.2013
Klasse! Arved Fuchs erzählt von seinen Expeditionen wortreich und wortgewandt. Schon früh als Jugendlicher war er mit Kajak in den nördlichen Breiten unterwegs. Seit langen Jahren befährt er mit der Dagma Aeen die Polarregionen. Das ist nicht etwa seine Frau, nein, so heißt sein Fischkutter!
2. Frostiger Unfug
spon-4bq-bici 30.03.2013
Eine ganze Industrie von Sinnsuchern und Funktions-Ausrüstern ist damit beschäftigt, uns alle Jahre wieder Beispiele unnötiger Herausforderungen in Verbindung mit Tierquälereien zu präsentieren. Wers gerne kalt hat, kann sich ja ein halbes Jahr im Kühlraum seiner nächsten Metzgerei einschließen lassen oder als potenter Himalaya-Kletterer zusätzlich an einer Querstange den Weltrekord an Klimmzügen unter Minus 50 Grad Celsius zu brechen. Ich erinnere mich an die letzte unsinnige Arktis-Expedition von Arved Fuchs, der mit doppelt überladenen Hundeschlitten nicht nur die armen Hunde überforderte, sondern auch noch erfolglos ein Rettungsflugzeug bemühen mußte. Die Kosten für diesen Quatsch tragen die Käufer von Tiertatzen-Produkten und auch wir Fernseh-Zuschauer mit unserem GEZ, denen der redundante Unfug präsentiert werden muß.
3. Seltsame Anleinung
nocreditoexperto 30.03.2013
Was mich wundert: normalerweise sieht man bei Hundeschlittengespannen eine Anleinung wie bei einem Pferdegespann: 2 nebeneinander und viele hintereinander. Dadurch zieht jeder Hund exakt in Fahrtrichtung des Schlittens. Hier aber ziehen die äußeren Hunde bis zu 45 Grad nach links oder rechts. Folge: Ineffizienz und vielleicht auch etwas Tierquälerei.
4. Das kann nicht sein - bitte nochmal messen!
KlausErmecke 30.03.2013
Zitat von sysopEs ist minus 30 Grad, und es weht ein leichter Nordwind. Mit Hundeschlitten auf Expedition durch Grönland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/mit-hundeschlitten-auf-expedition-durch-groenland-a-891329.html)
Das kann nicht sein. Wer den SPIEGEL regelmäßig und aufmerksam ließt (und keine Zeit mit den oft häretischen Leserkommentaren verschwendet), WEISS ja, daß dort gerade "die Polkappe schmilzt", und daß das viele Süßwasser schon in der nächsten Legislaturperiode den Golfstrom kappt. "minus 30 Grad" ist also wohl ein Irrtum. Oder Sabotage? Vielleicht haben ja böse "Skeptiker" einen Schriftsetzer bestochen (gibt es eigentlich noch Schriftsetzer?), das Wörtchen "minus" in den Text hineinzumogeln. Das sollte die Redaktion schnell überprüfen! "Frostige Ostern" wünscht allen Lesern Klaus Ermecke KE Research Oberhaching
5.
mikesch0815 30.03.2013
Zitat von nocreditoexpertoWas mich wundert: normalerweise sieht man bei Hundeschlittengespannen eine Anleinung wie bei einem Pferdegespann: 2 nebeneinander und viele hintereinander. Dadurch zieht jeder Hund exakt in Fahrtrichtung des Schlittens. Hier aber ziehen die äußeren Hunde bis zu 45 Grad nach links oder rechts. Folge: Ineffizienz und vielleicht auch etwas Tierquälerei.
Diese Anspannungsmethode als Fächer ist in Grönland üblich, da keine Bäume ein schmales Gespann notwendig machen und der Fächer desweiteren bei eventuellem Eiseinbruch auf Meer und See nicht so fatal ist. Der Aspekt der Tierquälerei ist hingegen so oder so nicht ganz von der Hand zu weisen und nur mit einer gehörigen Portion rosaroter Jack London Romantik zu übersehen. Und nein, diese Hunde sind nicht "dafür gemacht", sondern erstmal einfach nur ganz normale Hunde. Ich hab selbst seit fast 20 Jahren Nordische Hunde bei mir im Haus leben.
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