Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kampf gegen Treibhausgase: Deutschland mutiert zum Klimaschutz-Blockierer

Kohlekraftwerk in Mehrum (Niedersachsen): Deutschland stößt wieder mehr CO2 aus Zur Großansicht
DPA

Kohlekraftwerk in Mehrum (Niedersachsen): Deutschland stößt wieder mehr CO2 aus

Deutschland gefällt sich in der Rolle des Vorreiters beim Klimaschutz. Doch in Wahrheit hat die Bundesrepublik wenig geleistet - und läuft Gefahr, beim Uno-Klimagipfel in Warschau endgültig ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren, warnt der prominente Klimaforscher Mojib Latif.

Der neue Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC, an dem viele hundert Wissenschaftler mitgearbeitet haben, lässt keinen Zweifel: Der Mensch ist der Hauptverursacher der gemessenen Erderwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Trotz dieser seit langem bekannten Sachlage hat es die Weltpolitik bis heute nicht geschafft, den Ausstoß von Treibhausgasen, allen voran Kohlendioxid (CO2), zu stabilisieren - geschweige denn zu senken. Im Gegenteil, der weltweite CO2-Ausstoß ist seit 2000 um fast 50 Prozent gestiegen. Das kommt einer Bankrotterklärung der internationalen Klimaschutzpolitik gleich.

In Deutschland sind die Emissionen 2012 um zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, ein fatales Signal. Deutschland hat lange eine Führungsrolle gespielt, wenn es darum ging, verbindliche Klimaschutzziele zu formulieren. Da stellt sich die Frage, welche Rolle Deutschland eigentlich noch in Sachen internationaler Klimaschutz spielt.

Erinnern wir uns: Die Regierung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl hatte 1995 einseitig verkündet, den Ausstoß von Treibausgasen bis 2005 um 25 Prozent zu senken, damit die internationalen Verhandlungen vorankommen. Später wurde im Kyoto-Protokoll das weniger anspruchsvolle 21-Prozent-Ziel für Deutschland festgelegt. Der Ausstoß sollte also bis zum Jahr 2012 um 21 Prozent gegenüber 1990 sinken. Diese Verpflichtung hat Deutschland zwar erfüllt. Aber man darf fragen, mit welchen Mitteln. Und man darf fragen, was Deutschland als nächstes tun kann, um mitzuhelfen, die Welt so schnell in eine CO2-freie Wirtschaft zu führen, wie die Wissenschaft es verlangt.

Einige spezielle Umstände haben dazu geführt, dass Deutschland klimafreundlicher scheint, als es tatsächlich ist. Da war zum einen die Wiedervereinigung. Sie war für Deutschland in jeder Hinsicht ein Glücksfall, auch für den Klimaschutz - wegen des Zusammenbruchs der ineffizienten DDR-Wirtschaft. Ein beträchtlicher Teil der Verringerung von Treibhausgasen seit 1990 geht darauf zurück. Und dann sind da noch die sogenannten grauen Emissionen. Alle Industrieländer, auch Deutschland, lassen inzwischen viele Waren für den eigenen Verbrauch in den Entwicklungs- und Schwellenländern produzieren. Da verwundert es nicht, dass die Emissionen in den Industrieländern tendenziell gefallen und in Ländern wie China förmlich explodiert sind.

Kaum ernsthafte Anstrengungen seit der Regierung Kohl

Hinzu kommt, dass ein Land wie China mehr Kohle, den Klimakiller Nummer eins, im Energiemix hat als Deutschland, so dass die dorthin ausgelagerte Produktion die weltweiten CO2-Emissionen steigen lässt. Berücksichtigt man die Wiedervereinigung und die grauen Emissionen, hat Deutschland in Sachen Klimaschutz kaum ernsthafte Anstrengungen unternommen, seit die Kohl-Regierung ihre ambitionierten Ziele verkündet hat.

Das Fazit: Deutschland läuft Gefahr, bei den internationalen Verhandlungen seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Denn der einstige Vorreiter beim Klimaschutz scheint immer mehr zum Blockierer zu mutieren. So verhindert Deutschland schärfere CO2-Obergrenzen für Neuwagen. In diesem Zusammenhang werfen eine Parteispende aus der Autoindustrie und der bevorstehende Wechsel von Kanzleramts-Staatsminister Eckart von Klaeden zu Daimler Fragen auf. Auch beim europäischen Emissionshandel hat die Bundesregierung lange auf Zeit gespielt und eine Reform des CO2-Zertifikatehandels verhindert.

All das ist eine traurige Bilanz für den selbsternannten Klassenprimus in Sachen Klimaschutz. Auch die nach dem Reaktorunfall von Fukushima ausgerufene Energiewende kommt nicht vom Fleck. Und man kann sich des Eindrucks einfach nicht erwehren, dass es einigen Verantwortlichen nicht ungelegen käme, wenn sie gar scheiterte.

Augenwischerei hilft niemandem

Was sollten wir von der nächsten Bundesregierung erwarten, damit Deutschland wieder zum Vorreiter beim internationalen Klimaschutz wird? Dazu gehört zu allererst eine ehrliche Bestandsaufnahme der tatsächlich erreichten Ziele. Niemandem, der Umwelt schon gar nicht, ist mit Augenwischerei gedient. Die neue Regierung sollte außerdem das bisher unter Vorbehalt formulierte Ziel der Verringerung der Treibausgase bis 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 in den Koalitionsvertrag aufnehmen.

Dazu ist es unerlässlich, die Energiewende couragiert voranzutreiben. Die finanziellen Lasten müssen alle tragen, denn es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die einseitige Belastung der Bürgerinnen und Bürger lässt die gesellschaftliche Akzeptanz für die Energiewende zusehends schwinden und muss aufhören.

Es bedarf eines fraktionsübergreifenden Konsenses darüber, dass langfristige Ziele gemeinsam formuliert und umgesetzt werden. Beim Klimaschutz und bei der Energiewende handelt es sich um langfristige nationale Aufgaben, die nicht dem Parteiengezänk zum Opfer fallen dürfen. Wir sollten nicht nur diskutieren, was uns die angedachten Maßnahmen jetzt kosten, sondern welche volkswirtschaftlichen Kosten in den kommenden Jahrzehnten auf uns zukommen werden, wenn wir jetzt nicht handeln.

Ein ungebremster Klimawandel würde die Welt zum Nachteil aller Menschen verändern, und das in vielerlei Hinsicht: ökologisch, ökonomisch und sicherheitspolitisch. Die Welt braucht Vorbilder, Deutschland sollte eines von ihnen sein. Die geschäftsführende Bundesregierung sollte ihren Führungsanspruch beim Klimaschutz auf der Uno-Klimakonferenz in Warschau bekräftigen. Die nächste Regierung sollte im Koalitionsvertrag ein klares und vor allem nachprüfbares Bekenntnis zum Klimaschutz abgeben und die Welt hin zu einem ambitionierten Abkommen im Jahr 2015 in Paris anführen. Es sind noch zwei Jahre bis dahin - genug Zeit, damit Deutschland wieder eine Führungsrolle einnehmen kann.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 262 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Deutschland mutiert
wurzelbär 19.11.2013
wer ist denn der Mutierte? Deutschland sicher nicht ! Der Mensch, Bürger, das Volk ist >keine< Sache und vor allem kein politisches Eigentum ! Die Medien sollten hier einmal differenzieren, wen sie mit ihrer Aussage meinen !
2. Kurzfristiges Denken der Politik / Menschen
lukio 19.11.2013
Was in 100 oder 200 Jahren geschieht und die sehr langsame Erwärmung mit minimalen Veränderungen wie auch das Misstrauen in die Wissenschaft sind die Gründe warum mehrere Länder (nicht nur Deutschland) vorranging kurzfristig und im eigenen wirtschaftlichen Interesse handeln, nicht im Interesse der Erde.
3. Deutschland sollte lieber
orthos 19.11.2013
Deutschland sollte lieber die Führungsrolle in der eigenen Nationalpolitik übernehmen!
4.
klfm01 19.11.2013
Gerade Herr Latif sollte nicht ausgerechnet über Glaubwürdigkeitsverlust dozieren, nach seinen lächerlichen Falschprognosen, die er bisher zum Besten gab.
5. ...
jujo 19.11.2013
Zitat von sysopDPADeutschland gefällt sich in der Rolle des Vorreiters beim Klimaschutz. Doch in Wahrheit hat die Bundesrepublik wenig geleistet - und läuft Gefahr, beim Uno-Klimagipfel in Warschau endgültig ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren, warnt der prominente Klimaforscher Mojib Latif. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/mojib-latif-deutschland-verliert-beim-klimaschutz-glaubwuerdigkeit-a-927906.html
Wer bitte schön ist denn da noch glaubwürdig? Alles Alibiveranstaltungen bei denen sich Spesenritter ein paar schöne Tage machen!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person
  • GEOMAR
    Prof. Dr. Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel ist einer der profiliertesten deutschen Klimaforscher. Der Hamburger warnt seit langem vor den Risiken eines menschengemachten Klimawandels. Er erforscht die Einflüsse auf das Klimasystem.
Interaktive Grafik

  • Ein ungebremster Ausstoß von Treibhausgasen würde das Klima bis zum Ende des Jahrhunderts vermutlich um rund 3,7 Grad erwärmen.
  • Es drohen mehr Hitzewellen.
  • Der Anstieg der Meere könnte Jahrhunderte weitergehen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts drohe ein Anschwellen um 26 bis 81 Zentimeter, je nachdem, um wie viel Treibhausgase die Welt erwärmen.
  • Viele Gletscher, die auch als Trinkwasserressourcen dienen, könnten komplett verschwinden.
  • Die Ozeane drohen saurer zu werden, Organismen würde es schwerer fallen, ihre Schalen zu bilden.
  • Klimazonen könnten sich verschieben. In den Subtropen und angrenzenden Regionen wie am Mittelmeer dürfte es deshalb häufiger Dürren geben.
  • In den Tropen und in mittleren Breiten wie Deutschland würde es mehr Starkregen geben.

Top 10 Wärmste Jahre (1880-2014)
Rang Jahr
Abweichung vom langjährigen Mittel °C
1 2014 0.69
2 2010 0.66
3 2005 0.65
4 1998 0.63
5 2013 0.62
6 2003 0.62
7 2002 0.61
8 2006 0.59
9 2009 0.59
10 2007 0.59
Quelle: NOAA


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: