Erderwärmung Deutscher Klimaforscher fordert, Braunkohlekraftwerke sofort abzuschalten

Lässt sich die Erderwärmung noch begrenzen? Nur, wenn wirklich etwas passiert, warnt der bekannte Klimaforscher Mojib Latif. Er setzt auf technologischen Wandel - und wirft der Politik Versagen vor.

Mojib Latif, Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums
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Mojib Latif, Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums


Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif sieht beim Kampf gegen die Erderwärmung ein großes Versagen der Politik. Deutschland müsste sofort Braunkohlekraftwerke abschalten, um das erklärte Ziel einer Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen um 40 Prozent bis 2020 im Vergleich zu 1990 noch erreichen zu können.

"Aber es fehlt schlichtweg am politischen Willen. Dabei geht es um die Glaubwürdigkeit Deutschlands." International hätten die bisher 23 Weltklimakonferenzen - zuletzt in Bonn - vielleicht die politische Atmosphäre verbessert, "real ist aber der Gehalt von Kohlendioxid immer schneller gestiegen".

Und daran trage auch der vermeintliche Klima-Vorreiter Deutschland eine Mitschuld: "In Deutschland sind im Strommix immer noch 40 Prozent Kohle", so Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. "Und das ist in den vergangenen Jahren auch nicht weniger geworden - die Politik ist schlichtweg nicht bereit, aus der Kohle auszusteigen."

Oft sei der Einfluss der Lobby größer als die Vernunft. Latif: "Da gibt es Akteure wie Nordrhein-Westfalen als größtes Braunkohleförderland in Deutschland, die blockieren. Die Braunkohle verhindert das Erreichen ambitionierter Klimaziele." Auch die Verkehrswende komme nicht voran, weil die Automobilwirtschaft in Deutschland wegen ihrer Bedeutung praktisch machen könne, was sie wolle: "Der Dieselskandal spricht für sich."

Die Weltwirtschaft produziere auf Kosten der Umwelt und zulasten vieler Menschen, ohne das man ihr nennenswerte Grenzen setze - "das ist das eigentliche Problem". Die Politik müsse versuchen, "das Heft des Handels wieder zurückzubekommen".

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Der Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Geomar Kiel hat Ideen, wie Deutschland doch noch seine Klimaziele erreichen könnte:

  • Über eine "ökosoziale Steuerreform" müssten CO2-Emissionen besteuert werden. Mit den Einnahmen sollten zum einen neue Energien gefördert werden, zum anderen der Sozialbereich. Zahlungen zugunsten von Kindergärten, Schulen oder höheren Hartz IV-Sätzen würden "die Akzeptanz für die Steuer erhöhen";
  • An den Schulen brauche es ein Unterrichtsfach Umwelt;
  • Das Land brauche eine Wertedebatte, was Glück ausmache, um zu einem nachhaltigeren Verhalten zu kommen.

Und die Welt brauche eine Global Governance, um international beispielsweise eine gemeinsame Steuerpolitik durchzusetzen, sodass auch Weltkonzerne "angemessen Steuern zahlen müssten".

Auch Latif weiß aber, dass der Trend zu Populismus, der nationale Interessen präferiere, dem entgegensteht. Um das Pariser Klimaziel trotzdem noch zu schaffen und die Klimaerwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, hofft Latif daher vor allem auf den technologischen Fortschritt. Immerhin werde global inzwischen mehr in die erneuerbaren Energien investiert als in die fossilen Energieträger wie Kohle oder Öl.

Technologischer Fortschritt könne sehr schnell gehen, sagt Latif. Er verweist darauf, dass ein Foto der Osterparade in der 5th Avenue in New York im Jahr 1900 nur Pferdekutschen zeigt und eine andere Aufnahme 13 Jahre später nur noch Autos. "Das war eine schnelle Mobilitätswende, die müssen wir heute auch schaffen", sagte Latif.

dpa/pat



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