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Unglück in Portugal: Wenn Monsterwellen auf Strände krachen

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Monsterwellen: Seemannsgarn und Fakten Fotos
SPIEGEL ONLINE

Ein Unglück schockiert Portugal: Eine ungewöhnlich große Welle hat sieben Studenten vom Strand gerissen, sechs sind wohl ertrunken. Forscher rätseln, wie solche Extrembrecher entstehen - doch sie können zeigen, welche Küsten bedroht sind.

Hamburg - An einem Strand in Portugal hat eine große Welle am Wochenende in der Nacht sieben Studenten ins Meer gerissen. Nur einer konnte sich an Land retten, die anderen sind wohl alle ertrunken. Das Unglück am Meco Beach unweit von Lissabon beschäftigt nun auch Wissenschaftler, die das Risiko durch Monsterwellen ergründen. Ihre Daten zeigen, dass Riesenwogen an Küsten häufiger sind als angenommen.

Erzählungen über plötzlich auftauchende Wasserwände galten bis in die neunziger Jahre als Seemannsgarn. Doch Satellitenmessungen zeigten Erstaunliches: Im Nordatlantik erheben sich demnach zwei bis drei Monsterwellen pro Woche. Neun Schiffsunglücke durch Riesenwogen seien allein von 2006 und 2010 dokumentiert, berichten Irina Nikolkina von der Tallinn University of Technology (TUT) und Ira Didenkulova vom TUT und der Russian Academy of Sciences in einer Bestandsaufnahme von 2011.

Schiffsunglücke durch Monsterwellen

Diverse Unfälle der vergangenen Jahre werden auf die Wogen zurückgeführt: Eine 25-Meter-Welle etwa ließ am 22. Februar 2001 die "Bremen" havarieren. Der Tanker "Prestige" sank im Herbst 2002 vermutlich auch wegen einer Riesenwoge. Im April 2005 wurde das Passagierschiff "Norwegian Dawn" von einem 20-Meter-Brecher beschädigt. Im Juni 2008 versenkte eine Monsterwelle ein japanisches Fischerboot; 16 Seeleute ertranken. Im März 2010 starben zwei Passagiere an Bord des Kreuzfahrtschiffs "Louis Majesty", nachdem das Schiff von einer Riesenwelle getroffen worden war.

Weitaus häufiger allerdings komme es im küstennahen Flachwasser, wo mehr Verkehr herrscht, zu Zwischenfällen mit Extremwogen, berichten Nikolkina und Didenkulova: Von 2006 bis 2010 haben sie 69 Monsterwellen in Wassertiefen von bis zu 50 Metern gezählt; 39 davon direkt an der Küste.

Unglücke an der Küste in den letzten Jahren:

  • Von 2006 bis 2010 starben insgesamt 50 Menschen an der Küste durch Monsterwellen, berichten die Forscherinnen.
  • Am Strand von Costa Rica ertranken am 11. Juni 2006 drei Studenten und ihr Lehrer im Meer, nachdem eine Welle sie vom Strand gewischt hatte. Nichts habe auf das Unglück hingedeutet; es sei bis dahin "ein perfekter Tag zum Schwimmen gewesen", berichteten Zeugen.
  • In Südkorea starben am 4. Mai 2008 acht Menschen durch eine fünf Meter hohen Welle, die sich plötzlich auf die Küste geworfen hatte.
  • Am 13. Februar 2010 überschwemmten zwei sechs Meter hohe Monsterwellen ein Surferfestival im kalifornischen Mavericks; 13 Anwesende wurden schwer verletzt.
  • Im ostaustralischen Avoca Beach wurden am 2. Februar 2006 zwei Angler ins Meer gerissen, sie ertranken. Ebenso erging es im selben Jahr zwei Kindern in Sudak in der Ukraine, einer Mutter und ihrem Kind in Arcata in den USA und zwei Touristen, die an der hawaiischen Küste spazierten.

Die Ereignisse überraschten auch Experten: "Monsterwellen im Flachwasser sind ein großes Rätsel", sagt Wellenforscher Norbert Hoffmann von der Technischen Universität Hamburg. Sie seien unvorhersehbar. Die Form von Küste und Meeresboden, Strömungen und Wetter spielten eine Rolle. Doch welche Voraussetzungen müssen genau gegeben sein?

Wie Monsterwellen entstehen

Prinzipiell entstünden die Brecher auf gleiche Weise wie ihre Verwandten im offenen Meer, sagt Wolfgang Rosenthal vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht, ein Pionier der Monsterwellenforschung. Die auch "Freak Waves" genannten Brecher erheben sich beispielsweise, falls eine hohe Woge eine zweite von ähnlicher Wellenlänge einholt und sich mit ihr vereint. Auch wenn Wellenfelder aus unterschiedlichen Richtungen aufeinandertreffen, schaukeln sich Wellen mitunter zu beträchtlicher Größe auf, erkannten Forscher um Rosenthal bei Wellenexperimenten in Wassertanks. Zudem kann starke Gegenströmung Wellen hochheben.

Auch der Wind kann anscheinend eine Rolle spielen: Gerate eine Böenfront in Resonanz mit Meereswellen, laufen also beide gleich schnell in dieselbe Richtung, können sie sich erheblich aufschaukeln, hatte Rosenthal zusammen mit seiner Kollegin Susanne Lehner vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) unlängst herausgefunden.

Entwarnung für die deutsche Küste

Die simpelste Regel aber bringt Entwarnung für viele Strände: Damit sich eine Welle richtig hoch auftürmen kann, benötigt sie Wasser - das Meer muss also tief genug sein. Am Strand können sich Monsterwellen nur aufbauen, sofern der Meeresgrund nahe der Küste mehrere Meter absinkt. Auflaufende Wellen werden in der Brandungszone dann stark gestaucht. Das Wattenmeer der Nordsee und die Ostseeküste scheiden damit wohl aus für Monsterwellen.

Bei Sturm jedoch kann dort im etwas tieferen Wasser der sogenannte Seebär auftauchen. Am 19. August 1932 soll sich über der 30 Meter seichten Doggerbank - einer Untiefe in der Nordsee - bei Gewitter eine Monsterwelle erhoben haben. In den vergangenen Jahren wurden in schwerer See zwei Nordsee-Bohrinseln von Freak Waves getroffen, eine Woge schoss 26 Meter hoch. Berichte von Riesenwellen an Nordseestränden aber sind nicht bekannt.

Gestade anderer Regionen jedoch scheinen bedroht. Von 2006 bis 2010 zeigt die Statistik von Nikolkina und Didenkulova 14 Monsterwellen an Stränden, 25 an Kliffen oder Küstenmauern. "Für Monsterwellen benötigt man einen Vorgang, um die Wellenenergie zu bündeln", erläutert Ralf Weisse vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Schmale Buchten kämen in Frage oder Untiefen am Meeresboden.

Gefährliche Gezeitenströme

Vor dem Surferort Mavericks etwa ragt flacher Vorsprung ins Meer, der die Brandung von beiden Seiten anzieht. Von dem Fokuseffekt für Wellen profitieren normalerweise die Surfer - es sei denn, besondere Umstände schaukeln die Brecher zu extremer Größe auf, wie am 13. Februar 2010.

Auch Strömungen könnten das Wasser türmen, sagt Weisse. Vor Flussmündungen oder in Meeresengen wurden hohe Wellen gemessen. Am 11. November 2006 etwa krachte eine etwa 20 Meter hohe Woge auf den Tanker "FR8 Venture" vor Nordost-Schottland. Die Gezeitenströme der dortigen Meerespassage Pentland Firth gelten schon ohne Wellengang als seemännische Herausforderung.

Auch die portugiesische Surferbucht von Alfarim, an der am Wochenende die Studenten zu Tode kamen, war für ihre besondere Dynamik bekannt. Der dortige Meco Beach fokussiert Atlantikwellen, weil der Meeresgrund steil aufsteigt. "Das Meer scheint manchmal mehrere Minuten lang völlig ruhig zu sein, aber dann treten plötzlich drei oder vier riesige Wellen auf und überraschen die Leute am Strand", sagt Francisco Luis, der für den Zivilschutz zuständige Stadtrat von Setúbal.

Wissenschaftler hoffen, bedrohte Regionen mit Warnschildern kennzeichnen zu können. "Doch eigentlich wissen wir nicht, was warum wie passiert", räumt Monsterwellen-Experte Paul Liu vom staatlichen US-Meeresforschungsinstitut NOAA ein. Wenngleich viele Regionen mit schwacher Brandung und flachem Meeresgrund ungefährlich seien, könnte an manchen Küsten mit starkem Wellengang etwas Abstand zum Wasser ratsam sein.

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