Gletscherschmelze Pflanze lebt nach 400 Jahren unterm Eis

Klein, unauffällig - und unverwüstlich: Moose können jahrhundertelang eingefroren sein, nach dem Auftauen erwachen sie wieder zum Leben.

Catherine La Farge

Moose können einen jahrhundertelangen Schlaf unter Gletschereis überleben. Kanadische Forscher haben festgestellt, dass die Pflanzen wieder zu wachsen beginnen, wenn sie durch den Rückzug des Gletschers ans Tageslicht kommen. Die Wissenschaftler von der University of Alberta in Edmonton zogen die Pflanzen auch im Labor heran. Die Moose verfügten über sehr widerstands- und wandlungsfähige Zellen, aus denen neue Pflanzen hervorgehen können, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Catherine La Farge und ihre Kollegen hatten die Flora am Sverdrup-Pass auf der Ellesmere-Insel des kanadisch-arktischen Archipels untersucht. Der dortige Teardrop-Gletscher hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts erheblich zurückgezogen. Seit 2004 ist die Rückzugsgeschwindigkeit noch einmal stark angestiegen - zwischen 2004 und 2007 wich der Gletscher pro Jahr um gut vier Meter zurück.

Den Forschern fiel zunächst auf, dass Moose, die unter der weichenden Eisschicht zum Vorschein kamen, erstaunlich unversehrt aussahen. Sie schienen sogar neue grüne Äste zu bilden, also wieder zu wachsen. Bisher hatten Forscher angenommen, die unter einem Gletscher hervorkommenden Pflanzen seien tot.

In der kleinen Eiszeit unterm Gletscher verschwunden

Um das genauer zu prüfen, nahmen die Forscher kleine Pflanzenstücke und versuchten, diese im Labor zum Wachsen zu bringen. Das klappte erstaunlich gut, Moose verschiedener Arten erwachten wieder zum Leben. Am häufigsten schafften es Exemplare des Streifensternmooses Aulacomnium turgidum wieder zu wachsen.

Per Radiokarbonmessung ermittelten die Wissenschaftler, dass die Pflanzen vor gut 400 Jahren im Eis eingeschlossen worden waren. Damals herrschte auf der Erde eine kleine Eiszeit, die im 15. Jahrhundert begann und bis ins 19. hinein andauerte.

Moose besäßen eine bemerkenswerte biologische Widerstandfähigkeit, schreiben die Forscher. Dies liege unter anderem daran, dass ihre Zellen sich in undifferenzierte Zellen verwandeln können. Aus diesen können dann ähnlich wie aus den Stammzellen bei Menschen und Tieren die verschiedenen Gewebearten hervorgehen. Zusätzlich kontrollieren Moospflanzen ihren Wassergehalt nicht. Fehlt das Wasser, trocknen sie einfach aus. Sind die Bedingungen dann wieder günstig, können sie erneut wachsen.

Kürzlich war es Biologen gelungen, eine vor gut 30.000 Jahren eingefrorene Pflanze wieder zum Leben zu erwecken. Allerdings war es ein aufwendiger Prozess, aus unreifen Früchten von Silene stenophylla ein blühendes Gewächs zu ziehen. Bei den Moosen war die Wiederbelebung vergleichsweise einfach: Die Forscher hatten einfach die vertrockneten Stämmchen oder Blättchen zermahlen und im Labor auf etwas Erdreich oder Nährmedium ausgesät.

Nach Angaben der Wissenschaftler zeigt das Experiment, dass diese Eigenschaften der Moose auch über Jahrhunderte und unter extremen Bedingungen erhalten bleiben.

wbr/dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
felisconcolor 28.05.2013
1. des einen Leid
---Zitat--- Per Radiokarbonmessung ermittelten die Wissenschaftler, dass die Pflanzen vor gut 400 Jahren im Eis eingeschlossen worden waren. Damals herrschte auf der Erde eine kleine Eiszeit, die im 15. Jahrhundert begann und bis ins 19. hinein andauerte. ---Zitatende--- ist des anderen (der Pflanze) Freud. Schön das es mal so explizit erwähnt wurde. Das mit der kleinen Eiszeit. Also war es davor wärmer auf diesem Planeten und ergo muss es jetzt auch wieder wärmer werden. Weil nämlich die Durchschnittstemperaturen dieses Planeten schon immer wärmer waren. Ja es mag sein das durch den vermehrten CO2 Ausstoss dieses beschleunigt wird. Aber das Endergebnis, ein wärmerer Planet wäre so oder so gekommen. Meine Vermutung entbehrt sicher jeglicher wissenschaftlicher Basis. Aber wenn ich eins und eins zusammenzähle und dabei zwei erhalte, kann es wohl doch nicht so ganz falsch sein. Und jeder halbwegs befähigte Wissenschaftler sollte anhand der mittlerweile erbohrten Eis- und Sedimentkerne ein Klimaprofil der letzten Jahrhunderttausende erstellen können. Evtl. sogar etwas darüber hinaus. Diese Kurve wäre sicher sehr aufschlussreich.
thomasb1312 28.05.2013
2.
Das interessante an der Meldung ist ja, dass vor 400 Jahren - also ohne menschliches Zutun - der Gletscher an der Stelle auch schon mal verschwunden war, so dass sich an dieser Stelle das Moos entwickeln konnte. Also sind die jetzt schmelzenden Gletscher da keineswegs so einmalig.
michaelkaloff 28.05.2013
3. Nur mal zur Info...
Gletscher ziehen sich nicht zurück, sie bewegen sich immer hangabwärts, auch wenn sie abschmelzen.
megamekerer 28.05.2013
4. Was für ein Wunder :-D
Pflanzen leben anderes, bei einige reich winzige Sporenelemente die so leicht und klein sind dass sie sogar ins Weltall gelangen können, diese Sporenelemente können nach viele Jahren als selbständige Pflanze wieder wachsen, nimmt aus einem tief gefrorene Blattspinat ein kleines bisschen und legt es auf speziellen Labor-Kultur, ihr werdet sehen, nach zwei Wochen wächst darauf wieder Spinat :-) Guten Appetit. Übrigen in Australien gibt es Nüsse die erst nach einem Buschfeuer keimen können, und in Afrika gibt es Fische die in Trockenzeit sich in die Erde zu Ruhe legen :-) Also wenn Spon wissenschaftlichen Artikel schreiben will dann bitte etwas anspruchsvolleres :-) Hier ein Beweis dass die Sporen auch in Weltall existieren. ISS: Auf der Spur von Pilzen, Keimen und Sporen (http://www.astronews.com/news/artikel/2013/03/1303-009.shtml)
8ruc3 28.05.2013
5. Den gleichen Effekt
konnte ich nach dem eisigen Frühjahr auch im Garten beobachten. Unter der Eisdecke hat das Moos gut überlebt ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.