Moral Sind Tiere von Natur aus gut?

Lange Zeit war Evolution nur ein anderes Wort für den Kampf ums Dasein. Der Sieg gehörte denen mit den schärfsten Zähnen. Jetzt stellen immer mehr Forscher fest, dass Tiere durch Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Freundlichkeit viel weiter kommen.


Tierischer Zusammenhalt: Japanische Makaken beim Bad in einer heißen Quelle
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Tierischer Zusammenhalt: Japanische Makaken beim Bad in einer heißen Quelle

Sie meinen, wir Menschen seien die einzigen Bewohner der Erde mit einem Sinn für Moral? Viele Philosophen und Biologen denken so. Nur dem Menschen trauen sie zu, Recht von Unrecht zu unterscheiden und seine Handlungen nach ethischen Regeln auszurichten. Mit dem Begriff "Menschlichkeit" beansprucht Homo sapiens die Alleinvertretung für alles Gute auf der Welt. Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Gerechtigkeit, Freundschaft, Fairness, Versöhnung wollen wir allein uns selbst verdanken und nicht etwa der Natur.

Umso heftiger sind die Irritationen, seit Forscher zunehmend dort auf "humane" Umgangsformen stoßen, wo sie der Definition nach am wenigsten erwartet werden: bei denen, die sich angeblich animalisch, viehisch, bestialisch, tierisch, brutal aufführen; bei denen, die bestenfalls als "Überlebensmaschinen" ihrer Gene zum Daseinskampf antreten. Bei einer Kolonie von Vampir-Fledermäusen, zum Beispiel.

Sich als Vampir durchzuschlagen, ist keineswegs einfach. Schon der einseitigen Kost wegen. Tiere der Art Desmodus rotundus ernähren sich zu 100 Prozent von Blut. Eine Gewohnheit, die ihnen Aberglaube und Verfolgung eingebracht hat. Was die Lage der Fledertiere noch erschwert, ist ihr rasanter Stoffwechsel. Ohne regelmäßige "Blutspenden" müssen Vampire verhungern. Spätestens alle drei Tage brauchen sie eine warme Mahlzeit.

Die zu beschaffen, verlangt Glück wie Geschick: beim Beschleichen eines schlafenden Rinds und erst recht beim Biss, der die Warmblüterquelle zum Sprudeln bringt - ohne den Gastgeber zu wecken. Selbst erwachsenen Vampiren gelingt das nicht immer. Unerfahrene Jungvampire gehen jede dritte Nacht leer aus. Eigentlich erstaunlich, dass die Spezies unter derart widrigen Bedingungen überlebt hat.

Wie sie es dennoch schafft, ist die Frage, die den amerikanischen Biologen Gerald Wilkinson dazu veranlasst, Untermieter einer Vampirkolonie zu werden. In einem hohlen Baumstamm, auf dem Rücken liegend, schaut der Forscher stundenlang hinauf zu dem dichten Gedränge kleiner Leiber.

Was Wilkinson dabei beobachtet, erstaunt ihn zutiefst: Vampire, die mit vollen Mägen zur Kolonie zurückkehren, geben denen, die Pech gehabt haben, etwas ab. Es scheint, als merkten die Fledermäuse, wer es nötig hat. Trotzdem füttern sie keineswegs jeden darbenden Genossen.

Sie bedenken vor allem den Nachwuchs. Solche Fürsorge, auch "Verwandtenselektion" genannt, gehört zur üblichen Praxis vieler Arten und gilt in der Evolutionslehre als egoistisches Verhalten. Die scheinbar Generösen begünstigen in Wahrheit nur jene Teile des eigenen Erbguts, die sie mit ihren Angehörigen gemein haben.

Vampirfledermaus: Die Blutsauger füttern auch Nicht-Verwandte durch - wenn die sich umgekehrt ebenso verhalten
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Vampirfledermaus: Die Blutsauger füttern auch Nicht-Verwandte durch - wenn die sich umgekehrt ebenso verhalten

Als wissenschaftliche Sensation dagegen wertet Wilkinson, dass Vampire auch solche Artgenossen füttern, mit denen sie nicht verwandt, aber häufig zusammen sind. Blut aus dem Magen eines Tieres wird dabei ins Maul eines anderen gewürgt - ungewöhnlich, aber auch ein Zeichen für Altruismus?

Verhalten, lautet die biologische Faustregel, muss nützlich sein, ansonsten wird es von der Natur aussortiert. Was hat ein Spender-Vampir also davon, dass er eine nicht verwandte Fledermaus vor dem Hungertod rettet? Kann es sich für ihn lohnen, einem Artgenossen zu helfen? Wilkinson ist klar, dass die Antwort auf diese Frage unanfechtbar sein muss, will er seine Reputation nicht verspielen. Also richtet er in seinem Labor an der Maryland University eine eigene Vampirkolonie ein. Unter kontrollierten Bedingungen verfolgt er dort, wer wem hilft. Und tatsächlich: Dem Blutaustausch zwischen nicht verwandten Tieren liegt ein Muster zugrunde - das der Gegenseitigkeit.

Die Vampire teilen ihre Kost nur mit solchen Artgenossen, die ihnen in ähnlicher Not etwas abgegeben haben. "Die Mitglieder einer Kolonie kennen einander genau und haben ein gutes Gedächtnis dafür, wer ihnen schon mal zu Hilfe gekommen ist."

Verstößt ein Tier gegen diesen Vertrauenspakt und genießt, ohne zu teilen, lässt die Quittung nicht lange auf sich warten. Der Eigenbrötler wird von den anderen Koloniemitgliedern nicht mehr gefüttert. Egoisten sind damit zum Hungertod verurteilt.



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