Mount St. Helens Wie das Leben den Vulkan zurückerobert

Es war einer der heftigsten Vulkansausbrüche des 20. Jahrhunderts: 1980 explodierte in den USA der Mount St. Helens und verwüstete eine Fläche von der Größe Kölns. Nun erobert die Natur das Gebiet zurück. Die Geschichte einer blühenden Katastrophenzone.

Von McKenzie Funk


Früher sah man Bierdosen am Grund des Sees. Mark Smith erinnert sich noch ganz genau an die Marke: "Olympia". Das kalte, klare Wasser des Spirit Lake konservierte ihren goldglänzenden Aufdruck über viele Jahre. In diesem See am Fuß des Mount St. Helens lernte Smith das Tauchen. Er weiß noch, wie es hier aussah, bevor der Vulkan am 18. Mai 1980 ausbrach. Ehe die obersten 400 Meter des Gipfels in das Wasser rutschten: mehr als 2,3 Milliarden Kubikmeter Schlamm, Asche und Schnee. Vorher war der See halb so groß, aber doppelt so tief.

Am besten erinnert sich Smith an den "versteinerten" Wald, einen gespenstischen Hain aus versunkenen, astlosen Tannen, die aufrecht mehrere Dutzend Meter tief unter der Wasseroberfläche standen. Er konnte sich die Herkunft dieses Unterwasserwaldes nicht erklären - bis der Berg explodierte. Danach war es ihm klar: Die Bäume zeugten von einem früheren Ausbruch.

Und jetzt verwandelte der Mount St. Helens den See abermals in eine stinkende, sauerstofflose und lebensfeindliche Suppe, auf deren Oberfläche ein dichter Teppich aus umgerissenen Baumstämmen schwamm. Drei Jahrzehnte sind seither vergangen, und der Spirit Lake wartet mit neues Rätseln auf: Woher kommen die Fische, die heute wieder darin schwimmen? Und wieso sind sie doppelt so lang wie die Regenbogenforellen vor dem Ausbruch?

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Mount St. Helens: Langsame Rückkehr des Lebens
Smith leitet das Eco Park Resort, die ökologische Kernzone im nationalen Schutzgebiet rund um den Vulkan. Er vermutet, dass die Fische aus dem kleineren, höher gelegenen St. Helens Lake herabgerutscht sind, als dieser See in einem regenreichen Jahr über die Ufer trat. Doch dort kommen nur Saiblinge vor, und die Fische im Spirit Lake sind Regenbogenforellen.

Vermutlich hat sie jemand hier ausgesetzt, wie der Biologe Bob Lucas von der Fisch- und Wildbehörde des Bundesstaats Washington glaubt. Der Ökologe Charlie Crisafulli von der Forstbehörde hat das Erbgut der Fische untersucht. Seine Ergebnisse deuten ebenfalls darauf hin, dass die Forellen nicht mit denen verwandt sind, die vor dem Ausbruch dort lebten.

Schutzgebiet von der Größe der Stadt Köln

Der elf Quadratkilometer große See liegt heute im Zentrum eines Forschungsareals, das nur mit Erlaubnis betreten werden darf. Es umfasst etwa ein Viertel des Vulkanschutzgebiets Mount St. Helens. Der Kongress richtete es 1982 ein, "um die geologischen, ökologischen und kulturellen Ressourcen [...] in möglichst natürlichem Zustand zu bewahren, damit die [...] geologischen und ökologischen Entwicklungen ungehindert weiterlaufen können". Das gesamte Schutzgebiet ist 445 Quadratkilometer groß (zum Vergleich: Das entspricht etwa der Fläche der Stadt Köln). Der größte Teil ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Als natürliches Labor zur Untersuchung, wie Ökosysteme sich erneuern, ist die Zone des Vulkanausbruchs einzigartig. Ökologen sprechen von einer "Großstörung". Eine wichtige Erkenntnis war, dass man die Bedeutung des "biologischen Erbes" unterschätzt hatte: vergrabene Wurzeln, Pflanzensamen, aber auch Erdhörnchen und Amphibien, die den Ausbruch unter der Erde oder durch Zufall überlebten. Die Ökologen hatten angenommen, die Regenerierung würde von außen nach innen verlaufen, durch Arten, die aus dem Umland in die Ausbruchsregion vordringen. Tatsächlich begann die Wiederherstellung der Natur aber von innen heraus.

Neuerdings verlangen auch Menschen hier wieder ihr Recht. Nun, da die Natur zurückkehrt, sei es Zeit, sagen sie, das Gebiet zum Nationalpark zu erklären. 30 Jahre Forschung seien genug, sie wollen Zutritt zur Sperrzone. Nicht nur, was Tiere und Pflanzen angeht, sondern auch mit Blick auf den Menschen hat das Ökosystem des Mount St. Helens noch kein neues Gleichgewicht gefunden.

In Hasenanzügen ins kalte Wasser

Wie weit der Spirit Lake schon ist, zeigt mir Charlie Crisafulli im Sommer vorigen Jahres. Hinter uns erhebt sich der Vulkan, schneefrei und grau. Seine Nordwand ist eingestürzt, der Krater liegt offen. Die Oberfläche des Sees ist zu zwei Fünfteln von treibenden Baumstämmen bedeckt. Am Wegesrand stehen Lupinen, junge Tannen und Castilleja-Bäumchen sowie Weiden- und Erlendickichte, schon vier Meter hoch. An einem Bach wimmelt es von Kröten und Laubfröschen. Am Seeufer ziehen wir warme Fleece-Overalls an - Crisafulli nennt sie Hasenanzüge -, darüber Tauchanzüge, Masken und Schnorchel. Wir besteigen ein Schlauchboot und tuckern zur Duck Bay hinaus. Dort lassen wir uns ins kalte Wasser fallen.

Die erste Überraschung sind die Farben: leuchtende, in der Sonne glühende Gelb- und Grüntöne. Dies ist eine ganz andere Welt als die düstere Pumice Plain. Dickstänglige Wasserpflanzen schießen vom Seegrund drei Meter lang zur Wasseroberfläche hoch. Moosige Klumpen schweben über dem Schlamm. Überall schwimmen dicke, hakenmäulige Fische, mindestens einen halben Meter lang. Ich folge ihnen. Sie zeigen keine Scheu. Dort, wo der Boden abfällt, endet der Unterwasserdschungel. Im tieferen Wasser sehe ich auch keine Fische mehr.



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Seite 1
FatherMacKenzie 23.05.2010
1. ....
Ich war bereits 1995 in der "deavasting area" und konnte dort erste Fische im See beobachten. Der damalige Führer dieser Exkursion mutmaßte, dass die Fische als Laich in den See gekommen sind. Pausierende Enten hätten diesen an den Füßen gehabt. Ein gezieltes Aussetzen ist recht unwahrscheinlich. Die Größe lässt vermuten, dass die Lebensbedingungen für die heranwachsenden Fische einfach extrem gut sind. Sobald mehrere Generationen vorhanden, wird der "Verbuttungseffekt" eintreten und die Größe wieder geringer werden.
reuanmuc, 23.05.2010
2. .
Zitat von FatherMacKenzieIch war bereits 1995 in der "deavasting area" und konnte dort erste Fische im See beobachten. Der damalige Führer dieser Exkursion mutmaßte, dass die Fische als Laich in den See gekommen sind. Pausierende Enten hätten diesen an den Füßen gehabt. Ein gezieltes Aussetzen ist recht unwahrscheinlich. Die Größe lässt vermuten, dass die Lebensbedingungen für die heranwachsenden Fische einfach extrem gut sind. Sobald mehrere Generationen vorhanden, wird der "Verbuttungseffekt" eintreten und die Größe wieder geringer werden.
Das klingt plausibel. Die Natur ist viel phantasievoller als man sich vorstellen kann. Für die Forscher ist das ein einmaliges und wirklichkeitsnahes Labor mit vielen Überraschungen und Rätseln.
timewalk 23.05.2010
3. Ja
Zitat von sysopEs war einer der heftigsten Vulkansausbrüche des 20. Jahrhunderts: Im Mai 1980 explodierte der Mount St. Helens im Nordwesten der USA und verwüstete eine Fläche von der Größe Kölns. Doch nun erobert die Natur das Sperrgebiet zurück. Die Geschichte einer blühenden Katastrophenzone. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,694597,00.html
Mount St. Helens, glaciers, and climate change http://climateprogress.org/2010/05/21/mount-st-helens-glaciers-and-climate-change/#comments
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