Meeresmüllkonferenz in Berlin: Umweltbundesamt will Zwangsabgabe auf alle Plastiktüten

Kampf gegen Meeresmüll: Politiker wollen Pfandpflicht für Plastiktüten Fotos
SIO/ UC San Diego

Rund 140 Millionen Tonnen Müll liegen in den Weltmeeren, die Abfallstrudel sind sogar aus dem Weltall zu erkennen. Forscher, Politiker und Umweltschützer beraten seit Mittwoch in Berlin, wie sich das Problem lösen lässt. Eine Bezahlpflicht für Plastikbeutel soll die Müllmenge reduzieren.

Berlin - Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamts (UBA), hatte ein plastisches Beispiel parat. "Das ist ein Güterzug vollgepackt mit Meeresmüll von hier zum Mond und halb zurück", versucht er die Menge von bis zu 142 Millionen Tonnen Müll in den Weltmeeren zu veranschaulichen. Tüten, Fischernetze und alles, was so auf Schiffen über Bord geworfen wird, treibt auf hoher See. Ein immer größeres Problem sind die Mikroplastikpartikel. Flasbarth schlägt nun Alarm.

Eine internationale Konferenz berät derzeit in Berlin, wie die zunehmende Müllflut in den Weltmeeren eingedämmt werden kann. Hilft eine Zwangsabgabe auf alle Plastiktüten? Oder ein Pfand auf Fischernetze? Oder eine Neuordnung der Abfallgebühren für Schiffe, damit weniger Müll über Bord geworfen wird?

Lösungsvorschläge, mit denen verhindert werden soll, dass immer mehr Fische und Vögel winzige Plastikpartikel schlucken, gibt es viele. Vermeiden will man, dass die Tiere qualvoll verenden, aber auch, dass das Plastik letztlich über den Fischkonsum im Körper der Menschen landet. An diesem Freitag werden auf der Konferenz in Berlin auch Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und EU-Umweltkommissar Janez Potocnik über Lösungsideen debattieren.

Problem nicht nur auf See lösen

Nach Angaben des UN-Umweltprogramms treiben 13.000 Plastikpartikel auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche - durch Strömungen werden diese weltweit verteilt. In der Nordsee wird der Plastikanteil am Meeresmüll auf 75 Prozent geschätzt. Es gibt Übereinkommen wie die EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL), um die Meeresvermüllung zu reduzieren - aber bisher ist vieles eher vage und unverbindlich.

Gelöst werden muss das Problem aus UBA-Sicht nicht nur auf See, Deutschland soll dabei ein Vorreiter sein. Als ein Mittel gegen zu viel Plastikmüll schlägt Flasbarth für Deutschland eine Bezahlpflicht für Tüten vor. Er will, dass Drogerien, Kaufhäuser und Bekleidungsläden Plastiktüten nicht mehr kostenlos abgeben. Die Grünen pochen auf eine Abgabe von 22 Cent pro Tüte. Auf jede Person kommen in Deutschland laut UBA 71 Plastiktüten pro Jahr, in Bulgarien sind es 421 Stück, der EU-Schnitt liegt bei 198 Tüten. In Irland ist durch eine 44-Cent-Abgabe die Quote auf 18 Tüten zurückgegangen.

Was das mit den Meeren zu tun hat? Es gibt nur wenige Länder, die ein so hoch entwickeltes Abfall- und Recyclingsystem haben wie Deutschland. Daher geht es hier primär um eine weitere Reduzierung des Plastikmülls an sich - als Zeichen auch an andere Staaten, die weit weniger sorgsam mit Plastikmüll umgehen und wo er eben oft nicht umweltgerecht entsorgt wird. Es wird geschätzt, dass rund 80 Prozent des Meeresmülls von der Landseite kommen, laut UBA vor allem über Flüsse oder "über große küstennahe Mülldeponien beispielsweise im Mittelmeerraum". Plastik hat eine sehr lange Abbauzeit und zersetzt sich immer weiter in immer kleinere Teilchen - das ist das Problem.

Pflichten für alle EU-Häfen

Ein zunehmendes Problem sind auch Kosmetikprodukte, Duschbäder und Zahncremes, die winzige Kunststoffkügelchen für eine bessere Reinigungswirkung enthalten. Sie können über das Abwasser in die Meere gelangen, da Kläranlagen diese Stoffe nicht rausfiltern können. Auch bei Fleece-Pullis gelangen beim Waschgang oft Kunststofffasern in die Umwelt, auch sie werden in Kläranlagen nicht herausgefiltert.

"Hinzu kommt natürlich der ganze Müll in der Schifffahrt, sei es bei Kreuzfahrten oder Containerschiffen, der über Bord geworfen wird", betont Flasbarth. Er fordert eine Pflicht für alle EU-Häfen, die Abfallgebühren in die Hafengebühren zu integrieren, wie es in den Ostseehäfen schon der Fall sei. "Das heißt, man kann keine Kosten vermeiden, wenn man den Abfall vor dem Hafen über Bord wirft".

Christof Lauer, Sprecher des Verbands Deutscher Reeder betont, das Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung (MARPOL) verbiete es, Tüten, Verpackungen oder Plastikflaschen über Bord zu werfen. Der Müll werde stets nur in Häfen entsorgt. "Die Besatzung muss sogar ein Mülltagebuch führen." Dies könne jederzeit bei den Hafenkontrollen überprüft und bei Verstößen mit hohen Bußgeldern geahndet werden.

Damit nicht immer mehr Vögel, Fische und Delfine auf hoher See in entsorgten Fischernetzen verenden, könnte aus Sicht von Umweltschützern eine Pfandpflicht für Netze helfen. Der Naturschutzbund (NABU) hat zudem das Projekt "Meere ohne Plastik" ins Leben gerufen - es soll die fachgerechte Entsorgung von Müll unterstützen, den Fischer in ihren Netzen einsammeln. NABU-Meeresschutzexperte Kim Detloff betont zugleich: "Global gesehen, ist es nur Kosmetik." Man müsse das Problem vom Land her bekämpfen, durch mehr Recycling, Mülltrennung - und weniger Tüten. Umweltexperten schlagen vor, ein europaweites Ziel zur Reduzierung festzulegen - ähnlich wie beim Treibhausgasausstoß.

nik/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Welch wunder
u.loose 11.04.2013
Ist der Flasbarth nicht so ein übrig gebleibener Trittin Jünger vom BUND oder Nabu oder wie die heißen? Ich sehe keine Zusammenhang zwischen meiner Tute die mir der Herrenausstatter in München gibt, um mein Sakko nach Hause zu tragen und dem Müll in den Meeren... Am Ende kommt dann so etwas wie das Dosenpfand heraus - den deutschen Schildbürgern traue ich das zu.
2. Besser wäre...
lupo_nd 11.04.2013
das ganze eingesammelte Geld (Tüten/ Häfen/ usw.) dazu zu verwenden, um das ganze Zeug mal einzusammeln. Auch wenn es am Anfang wenig wäre, aber es wäre schon mal ein Anfang. Alles beginnt mit einem ersten Schritt. Stattdessen fließt das Geld der Tüten mal wieder in den Einzelhandel, oder Hafenverwaltung oder sonst wo hin.
3. Moin!
extremchen 11.04.2013
Ich halte diese Zwangsabgabe für eine billige Maßnahme um neue Einnahmen für den Staat zu generieren, mehr nicht. Wir haben hier in Deutschland eine gut organisierte Abfallwirtschaft, ich wüsste in meinem Umfeld auch niemanden der extra an die Küste fährt um seine alten Plastiktüten ins Meer zu schmeissen. Davon mal ab: Eine Plastiktütensteuer wird manche Länder, und auch manches Schiff, nicht davon abhalten ihren Müll einfach im Meer zu verklappen. Ich selber bin gegen den übermäßigen Gebrauch von diesem Plastikmüll, aber das Argument das man eine Abgabe braucht um die Meere zu schonen, das finde ich, mit Verlaub, mehr als Schwachsinnig. Im übrigen sehe ich im ersten Bild keine Plastiktüte sondern ein altes Fischernetz...
4. Preise für Tüten
dasdondel 11.04.2013
zu erhöhen, das hatten wir doch schon. Ich jedenfalls erinnere mich an Zeiten, als man im Supermarkt nichts bezahlen musste für die Tüte. Nun kostet die Tüte, aber verschwunden ist sie nicht. Das einzige was hilft ist verbieten.
5.
ralfbb 11.04.2013
"22 Cent pro Tüte" sind zu wenig. Bitte runde Summe, 30 oder 40 cent!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Pazifik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 76 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Plastik im Ozean: Auf der Spur des Mülls

Fotostrecke
Plastik im Pazifik: Müllkippe auf hoher See
Testen Sie Ihr Wissen!