Weltkriegsmunition in Nord- und Ostsee Roboter gegen die verborgene Gefahr

Hunderttausende Tonnen Munition liegen am Boden der Nord- und Ostsee. Viele Bomben könnten noch immer explodieren. Roboter sollen helfen, sie unschädlich zu machen.

Ein Torpedo aus dem Zweiten Weltkrieg wird in der Ostsee gesprengt (Archivbild)
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Ein Torpedo aus dem Zweiten Weltkrieg wird in der Ostsee gesprengt (Archivbild)


Man sieht sie nicht, die Gefahr - aber sie ist da. "In der Kieler Bucht liegen in Sichtweite beliebter Strände Torpedokopf neben Sprengmine", sagt der Meeresbiologe Matthias Brenner vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Der Großteil davon stammt aus dem Zweiten Weltkrieg.

Allein auf deutschem Gebiet sollen insgesamt 1,6 Millionen Tonnen an konventionellen Waffen und 300.000 Tonnen chemischer Waffen in der Ost- und Nordsee liegen. "Das ist gewaltig", sagt Brenner.

Im Auftrag der Alliierten sollten Fischer nach dem Zweiten Weltkrieg die Kampfmittel weit draußen auf See versenken. Nach Angaben des Fraunhofer Instituts ist viel Munition aber auch außerhalb der markierten Gebiete über Bord gekippt worden - womöglich um Treibstoff zu sparen.

Minen und Bomben an Orten, wo sie nie hinsollten

Durch Meeresströmungen und Grundschleppfischerei landeten Minen und Bomben auch an Orten, wo sie eigentlich nie hinsollten. Das macht es schwierig, sie heute wiederzufinden. Beim Bau von neuen Pipelines oder Offshore-Windparks stoßen Unternehmen nicht selten auf solche Kampfmittel.

70 Jahre lang habe es kaum jemanden interessiert, was in den Meeren vor sich hin rostet. "Am besten rührt man es nicht an. Das zersetzt sich sowieso, hieß es lange", sagt Brenner. Dass das falsch war, sehe man heute: Viele Bomben können immer noch explodieren.

Mit der Zeit werden sie sogar immer empfindlicher. Eine geringe Druckänderung oder ein Schlag können sie zum Explodieren bringen. "Die Munitionskörper sind teilweise komplett verrottet. Aus anderen tritt Sprengstoff aus", sagt Brenner. Diese giftigen Substanzen gelangen ungehindert ins Meer.

Chemikalien landen im Ostseedorsch

Das AWI und Partner haben in dem Projekt "Chemsea" vor einigen Jahren die Auswirkungen von chemischen Waffen auf die Umwelt erforscht. Wie Meeresbiologe Brenner sagt, konnten bei 10 bis 13 Prozent des Speisefisches Ostseedorsch Rückstände von chemischen Waffen im Filet nachgewiesen werden.

Die Menge sei zwar gering. "Es kann aber sein, dass so ein Fisch auch auf dem Teller landet", sagt er. Inwiefern diese geringen Mengen Auswirkungen auf den Verbraucher haben, sei noch nicht erforscht.

Nun geht das Nachfolgeprojekt "Daimon" ("Decision Aid for Marine Munition") zu Ende. Dabei hatten Forscher den Effekt von konventionellen Waffen auf die Umwelt untersucht. Anfang Februar fand die Abschlusskonferenz in Bremerhaven statt. Das Thünen-Institut für Fischereiökologie hat den Plattfisch Kliesche unter die Lupe genommen, der am Meeresboden in der Kieler Bucht lebt. In diesem Gebiet liegen etwa 35.000 Tonnen konventioneller Munition wie Thomas Lang, stellvertretender Leiter des Instituts, sagt.

Bei 25 Prozent der Exemplare fanden die Forscher Lebertumore. In unbelasteten Gebieten liegt die Quote dagegen bei nur 5 Prozent. "Am Boden gibt es TNT-Klumpen, die sich im Wasser lösen. Die Abbauprodukte gelangen über das Wasser oder die Nahrung in den Organismus", sagt Lang. Laborversuche haben gezeigt, dass die Abbauprodukte von TNT die DNA von Fischen schädigen, was eine mögliche Erklärung für die hohe Tumorrate sei. Gefischt und vermarktet werde die Kliesche allerdings nicht, so dass für den Menschen keine Gefahr bestehe.

Sonartechnik und Magnetsonden helfen beim Aufspüren

Neben Umweltschützern hat auch die Wirtschaft ein Interesse daran, den Meeresboden von Munition zu befreien. "Die Munition stellt ein Risiko für die Schifffahrt dar und für den Bau von Windkraftanlagen und das Verlegen von Seekabeln", sagt Lang. Taucher sind daher laufend damit beschäftigt, Fahrrinnen von Minen zu befreien, die eigentlich als unbelastet galten.

Ein Zusammenschluss aus Forschungseinrichtungen und Firmen entwickelt mit dem Netzwerk "Munitect" zur Zeit ein System, um Altmunition besser aufzufinden und zu kartieren. Mit Sonartechnik und Magnetsonden kann der Kriegsschrott heute schon recht gut aufgespürt werden. Allerdings seien diese Verfahren so teuer, dass sie nur stichprobenartig und in vorher bestimmten Gebieten eingesetzt werden können, heißt es auf der Webseite des Netzwerks, das vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) koordiniert wird.

Bei diesen Stichproben werde fälschlicherweise auch herkömmlicher Schrott aufgespürt. "Die genaue Identifizierung von gefährlichen Minen und Munitionskörpern ist sehr schwierig und wird heute sehr oft noch von Tauchern durchgeführt", erklärt Kristine Bauer, Netzwerkkoordinatorin am Fraunhofer IGD. "Munitect" habe das Ziel, in Zukunft größere Bereiche effizienter und treffsicherer absuchen zu können.

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Oft werden die gefundenen Sprengkörper an Land gebracht und fachgerecht beseitigt oder - wenn sie nicht mehr transportfähig sind - gesprengt. Das Problem: Dann können Giftstoffe großflächig im Wasser verteilt werden. Außerdem könnten Tiere wie Schweinswale und Seehunde Lärmschäden davontragen.

Ferngesteuerte Roboter mit Kameras

Man fordere daher, dass emissionsfrei geborgen werde, so Forscher Brenner. Das Fraunhofer Institut und die Universität Leipzig arbeiten gemeinsam mit Partnern aus der Wirtschaft an genau solch einer Lösung. Kampfmittelräumdienste, wie das Unternehmen Boskalis Hirdes, arbeiten heute schon mit ferngesteuerten Unterwasserrobotern mit Kameras.

Diese Maschinen legen die Kampfmittel frei, Fachleute begutachten sie und entscheiden, was mit ihnen passieren soll. Ziel sei es, den Menschen ganz aus der Räumung herauszunehmen, so das Unternehmen.

Im März will die Firma ein Konzept für ein robotisches Bergungs- und Entsorgungsverfahren ("RoBEMM") vorstellen. Wie Andreas Jeron von Boskalis Hirdes sagt, sollen mit "RoBEMM" nicht transportfähige Kampfmittel geräumt werden, die derzeit noch vor Ort gesprengt werden müssen. "Mit weniger negativen Auswirkungen auf die Umwelt."

Juliane Görsch, dpa/chs



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