Musikexperiment: Sound der Steinzeit

Von Angelika Franz

Wie sangen die Neandertaler? In einer aufsehenerregenden Komposition hat ein walisischer Jazzprofi den Gesang der Steinzeitmenschen nachempfunden. Das Werk geht unter die Haut - aber hören Sie selbst.

Den Neandertaler gibt es zwar nicht mehr. Aber Forscher sind sich einig, dass er intellektuell und kulturell unseren Vorfahren nicht wesentlich unterlegen war. Was also machte eine Neandertaler-Mutter, wenn sie ihr Baby in den Armen wiegte?

Möglicherweise dasselbe wie eine Homo-sapiens-Mutter: singen.

"Jede Kultur hat Sprache und Musik - also können wir annehmen, dass auch die Neandertaler eine Art von Musik machten", sagt Simon Thorne. Um herauszufinden, wie sich Neandertaler-Gesänge angehört haben mögen, hat der Jazzkomponist sich auf eine akustische Zeitreise begeben. Das Ergebnis ist eine 55-minütige Komposition für vier Vokalisten und Steinwerkzeuge, die gerade im National Museum Cardiff Premiere hatte.

"Das National Museum war an mich herangetreten und hatte mich gebeten, eine Komposition als Beitrag zur paläolithischen Abteilung seiner Ausstellung 'Origins: In Search Of Early Wales' zu schreiben", sagt Thorne im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Was folgte, wurde für den Komponisten zum "wohl ungewöhnlichsten Werk", das er je geschrieben hat.

"Meine erste Reaktion, als ich den Auftrag erhielt, war: Großartig! Mein zweiter Gedanke: Äh, was heißt eigentlich 'paläolithisch'?", sagt er lachend. "Als ich dann erfuhr, dass ich eine Musik schreiben sollte, wie sie Neandertaler gesungen und gespielt haben könnten, war ich sehr überrascht."

Stück für Stück tastete er sich an seine Studienobjekte heran. "Musik zu machen, ist eine fundamental menschliche Fähigkeit", sagt er. "Tiere machen keine Musik."

Auf seiner Suche nach der Musik der Neandertaler begab sich der Komponist ganz weit zurück an die Anfänge der Menschheit. Er redete mit Linguisten und Archäologen, nahm Steinwerkzeuge in die Hand, um die vor mehr als 100.000 Jahren Neandertaler ihre Hände geschlossen hatten. Er besuchte die Pontnewydd-Höhle in seiner Heimat Wales, in der Archäologen Zähne einer vor 230.000 Jahren gestorbenen Familie entdeckt hatten.

Aus seinen Eindrücken machte er sich ein Klangbild von der Umgebung, in der die Neandertaler sich bewegt hatten. "Die charakteristischen Merkmale einer jeden Kultur sind auch im Klang ihrer Technologie enthalten", erklärt Thorne seine Komposition. "Daher scheint es überaus angebracht, den Klang von Stein auf Stein als ein markantes paläolithisches Soundmerkmal zu nehmen, das vollkommen stimmig ist mit der technologischen Stufe der Zeit: Diese Menschen hörten Stein." Und so begleitet den Gesang das rhythmische Aufeinanderschlagen von Steinen ebenso wie das Schlagen und Reiben von Hölzern.

Natürlich gab es im Paläolithikum noch keine Noten. Bei der Notation der Singstimmen bediente sich Thorne folglich auch anderer Methoden. Er brach die Musik herunter auf ihre wesentlichen Bestandteile. Das sind vor allem zwei Dimensionen: Tonhöhe und Zeit. Die Höhe entscheidet darüber, ob die Stimme sich in den oberen Oktaven bewegt oder in den unteren. Die Zeit bestimmt den Verlauf, den Rhythmus des Stückes. "Ich habe jeder Stimme eine Linie gegeben, einen Horizont, an dem sie sich entlang bewegt", erklärt Thorne sein Vorgehen. In der Partitur sind alle diese Linien übereinander angeordnet, so dass sie zeitlich harmonieren. Die Bewegung der Linien bestimmt die Tonhöhe. Steigt die Linie, steigt auch der Ton. Und umgekehrt.

Neandertaler formten andere Eckvokale

Diese Vorgaben drückte er dann seinen Sängern in die Hand und bat sie, die Linien zu interpretieren. "Und dabei entstand noch einmal etwas ganz Neues", gibt Thorne zu. Eine Klanglandschaft so individuell und zugleich doch so universell wie das beruhigende Summen einer Mutter, die ihr Kind in den Schlaf wiegt. Oder der zufriedene Gesang auf einer entspannten Wanderung. Und ebenso frei.

"Bei jeder Aufführung ist das Stück anders", sagt Thorne. Den Rahmen bilden der Rhythmus, vor allem bestimmt durch die Instrumente, und die Relation der Stimmen zueinander. Dazu läuft im Hintergrund ein Video der Künstlergruppe Rhombus Arts, das den Zuschauer tief in eine einst von Neandertalern bewohnte Höhle hineinführt. "Wir haben einmal sogar die Partitur umgedreht und sie von hinten nach vorne, von unten nach oben gelesen. Auch das hat sehr gut funktioniert", freut sich Thorne.

Wissenschaftlich ist allerdings zu bemängeln, dass die neuesten Forschungsergebnisse in der Komposition nicht berücksichtigt sind. Im vergangenen Jahr war es dem Anthropologen Robert McCarthy von der Florida Atlantic University gelungen, aus dem Fund eines Neandertaler-Kehlkopfes viele Informationen über die Lautbildung zu rekonstruieren. McCarthy fand heraus, dass der Neandertaler keine Eckvokale formen konnte, wie wir sie heute verwenden.

Die Eckvokale A, I und U dienen Sprechern als Referenzpunkte, um die Größe und Form des Sprechapparats ihres Gegenübers abzuschätzen und so ihr Ohr darauf einzustellen. Nur das garantiert, dass ein A immer als A gehört wird, egal, ob es ein großer oder kleiner Mensch, ein Mann, eine Frau oder ein Kind ausspricht. Ein Neandertaler-E, so McCarthy, klang für unsere Ohren wohl eher wie das Blöken eines Schafes. Die Neandertaler hingegen kannten wahrscheinlich keinen Unterschied zwischen den von uns verwendeten verschiedenen I-Lauten, wie in "biegen" und "bitten". A, I und U verwenden die Vokalisten aber häufig für die Interpretation von Thornes Komposition.

"Ich habe ja keine wissenschaftliche Arbeit zur Musik der Neandertaler verfasst", sagt Thorne, "sondern ganz explizit Kunst geschaffen. Es ist für uns unmöglich, genau zu rekonstruieren, wie sich der Gesang der Neandertaler anhörte - aber sich vorzustellen, wie er hätte sein können, ist eine faszinierende Erfahrung. Mein Ziel war die Schaffung einer Klangwelt." Das jedenfalls ist Thorne auf eine Weise gelungen, die unter die Haut geht. Sein Projekt erfreut sich so großer Nachfrage, dass er Ende März in Wales auf Tour geht. Auch das British Museum in London hat bereits Interesse angemeldet.

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