Mysteriöse Bienenkrankheit Lebensmittelbranche befürchtet Eiscremekrise

Das mysteriöse Massensterben von Bienenkolonien bereitet der US-Lebensmittelbranche immer größere Sorgen. Jetzt setzt sich erstmals ein namhafter Eishersteller für den Schutz der Insekten ein und finanziert Forschungsprojekte.


Der Befund ist dramatisch: Auf eine zweistellige Milliardenhöhe beziffern Forscher die Zahl der Honigbienen, die in den USA spurlos verschwunden sind. Imker haben seit 2007 etwa jedes vierte der 2,4 Millionen US-Bienenvölker verloren. Für dieses Jahr prognostiziert die US-amerikanische Bienenschützerorganisation der Beekeeping Federation noch größere Verluste, berichtet nun die britische Zeitschrift "Guardian". Das trifft die Nahrungsmittelindustrie besonders hart - sie lebt von der Arbeit der fleißigen Helfer: der Bestäubung von Blüten.

Honigbiene: Droht ein Eismangel in den USA?
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Honigbiene: Droht ein Eismangel in den USA?

Nun machen sich auch große Unternehmen für die Bienen stark: Häagen-Dazs, ein großer Eiscremeproduzent, stellte umgerechnet knapp 200.000 Euro für die Erforschung der Bienenkrankheit "Colony Collaps Disease" (CDC) zur Verfügung. Der amerikanische Hersteller von Naturkosmetik Burts Bees versucht sogar mit einem Kinowerbefilm über die flauschigen Insekten die Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

Der Mitbegründer der Kosmetikunternehmens, Burt Shavitz, macht in dem Trickfilmchen auf die Rolle der Bienen in der Landwirtschaft aufmerksam. In einem Hinweis auf der Firmenwebsite animiert er die Zuschauer sogar, ein kostenloses Wildblütensamenpaket zu bestellen, um eine bienenfreundliche Umgebung im eigenen Garten zu schaffen.

Mehr Geld für Forschungsprojekte

Des Engagement für die Insekten ist nachvollziehbar: Honigbienen sind nahezu unabkömmlich für die US-Landwirtschaft. In unseren Breiten sind Bienen die wichtigsten Bestäuber von Pflanzenblüten. Rund 80 Prozent aller Pflanzen sind auf eine Fremdbestäubung angewiesen und von denen werden wiederum 80 Prozent durch Honigbienen bestäubt. Wo es keine Bienen gibt, reifen keine Früchte heran - ein großer Verlust für die rund zehn Milliarden schwere US-Landwirtschaft. Allein Häagen-Dazs geht davon aus, dass 25 seiner 60 Aromastoffe aus Früchten und Nüssen hergestellt werden, die von Bienen bestäubt werden. Daher macht der Eishersteller auch mit einer neuen Frühlingsgeschmacksrichtung "Vanilla Honey Bee" auf die Tragik des Massensterbens aufmerksam, berichtet der "Guardian".

Das Geld der Industriesponsoren wird für die Erforschung der mysteriösen Krankheit eingesetzt. Diana Cox-Foster von der Pennsylvania State University erhielt rund 115.000 Euro für ihre Forschung und glaubt nun den Hauptgrund der Bienen-Krankheit zu kennen. Ein wissenschaftliches Team unter ihrer Leitung hat Bienen-Kolonien mit dem IAP-Virus infiziert und beobachtet, dass vormals ganz gesunde Bienen zu einem großen Teil starben. Da die Tests im Winter allerdings in Treibhäusern durchgeführt wurden, müssen die Ergebnisse der Forscher noch in der freien Natur überprüft werden.

Das mysteriöse an der Krankheit ist, dass die Bienen nicht tot in der Nähe ihrer Kolonie aufgefunden werden. Die Brummer fliegen einfach weg, verlassen ihr Lebenswerk, ihre Königin und den Nachwuchs.

Auch wenn die Studie von Diana Cox-Foster einen wichtigen Hinweis liefert, könnten auch andere Stressfaktoren an dem Phänomen beteiligt sein, wie etwa der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. In der Tat kritisieren viele Bienenschützer den Einsatz von Insektiziden wie etwa Neonicotinoid, weil sie das Nervensystem der Bienen angreifen. "Ist das Immunsystem erst mal geschwächt, bereitet das dem IAP-Virus den Weg, zuzuschlagen", sagen die Bienenschützer.

Nicht jeder Wissenschaftler glaubt an die Virustheorie.

US-amerikanische Wissenschaftler vermuten, dass das gefährliche Virus durch Bienenimporte aus Australien eingeschleppt wurde. In den USA haben Imker seit 2005 Bienen im Wert von mehreren Millionen Dollar aus Australien importiert. Ein Großteil der australischen Bienen war von IAPV befallen, ergaben Untersuchungen. In dem Kontinent jenseits des Pazifiks selbst ist das Massensterben jedoch noch nicht aufgetreten.

Australische Wissenschaftler weisen nun darauf hin, dass sich unter den Lieferungen auch sterbende Kolonien befanden, die nicht mit IAPV infiziert waren. Daher gehen sie davon aus, dass das Bienensterben einen anderen Grund haben muss. Das wäre auch besser für die Bienenzüchter aus Down Under, denn die USA importieren jährlich Bienen für knapp vier Millionen Euro aus Australien. Würden die USA die Geschäftsbeziehung beenden, wäre das ein herber Schlag für sie. Tatsächlich gibt es unter Forschern die verschiedensten Vermutungen, was das Massensterben auslöst, wie etwa Handystrahlung oder genetisch veränderte Pflanzen.

Langsam breitet sich die Angst vor dem Bienentod auch in anderen Nationen aus. In Deutschland beträgt der Rückgang der Bienenpopulation nach Angaben des Deutschen Berufs und Erwerbs Imker Bunds (DBIB) 25 Prozent. In Großbritannien fordern Naturschützer ihre Regierung auf, ein umgerechnet Zehn-Millionen-Euro-Forschungsprojekt zu bewilligen, um die Bienen zu schützen, berichtet der "Guardian".

In Amerika richten sich nun alle Blicke auf die kalifornischen Mandelbäume, die einen Umsatz von immerhin zwei Milliarden Euro repräsentieren. Die Mandelblüte hat begonnen - die Frage ist, ob es noch genug Bienen gibt, um die Blüten zu bestäuben.

nis



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