Mysteriöses Massensterben Werden Bienen tot telefoniert?

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2. Teil: Geheimnisvolle Krankheit, Gift, Gentechnik oder doch Handystrahlung: Vier Theorien zum mysteriösen Bienensterben - und der Faktor Überzüchtung.


  • In der US-amerikanischen CDC-Arbeitsgruppe spricht man zwar bereits vom "Aids der Bienenindustrie". Ob die fleißigen Tierchen aber einer neuen, bislang unerkannten Infektionskrankheit anheim fallen, ist völlig ungeklärt.
  • Bakteriengift, das von genetisch veränderten Nutzpflanzen produziert wird, könnte die Darmoberfläche von Bienen verändern und die Tiere dadurch schwächen - etwa gegenüber Parasiten, sagte Hans-Hinrich Kaatz von der Universität Halle kürzlich dem SPIEGEL.
  • DBID-Präsident Manfred Hederer sagte dem SPIEGEL, er gehe davon aus, es handele sich um "ein besonderes Gift, irgendein Wirkstoff, den wir nicht kennen", der die Bienen tötet.
  • Zeitgeistgerecht steht auch der Klimawandel auf der Liste der Verdächtigen. Schließlich verschiebt die globale Erwärmung vielerorts Wachtums- und Blüteperioden, was manchen Tierarten zu schaffen machen könnte.
  • Und nun gesellen sich zu dieser Liste noch die Spekulationen um Handystrahlung, oder "Emissionen von Mobilfunkmasten", wie die Zeitung "The Scotsman" aus Edinburgh am Wochenende unkte.

Vor Bienen-Stress wurde bereits früher gewarnt

Jürgen Tautz, Bienenforscher an der Universität Würzburg, hält die Mobilfunkthese trotz gewisser Skepsis "für untersuchenswert". Man wisse, dass Honigbienen "extrem empfindlich auf Schwankungen des Erdmagnetfeldes reagieren". Ob doch etwas dran sein könnte an der Hypothese von der unschönen Interaktion zwischen Funk- und Bienenwabe, will Tautz demnächst von einer eigenen Arbeitsgruppe studieren lassen.

Die Bienen seien in Gefahr, sagte Tautz zu SPIEGEL ONLINE. Das Nahrungsspektrum sei eingeengt, hinzu kämen Klimaveränderungen und möglicherweise auch der Einfluss genetisch veränderter Pflanzen. Mobilfunk könne, so der Biologe, einer der vielen Stressfaktoren sein, denen Bienen ausgesetzt seien. "Aber ich bin mir sicher: Einem gesunden, nicht gestressten Bienenvolk kann Mobilfunk nichts anhaben."

Ob aber die Bienen proper und robust genug sind, ist umstritten. Die Berufsimker warnen seit Jahren vor der wachsenden Belastung ihrer Völker:

  • Die aus Asien eingeschleppte Varroamilbe mit dem unheilvollen lateinischen Namen Varroa destructor bedroht europäische Bestände bereits seit über 20 Jahren.
  • Weil die Landwirte auf Monokulturen setzten und Wildblumen wegspritzten, entzögen sie den Bienen ihre Nahrungsgrundlage, beklagt der DBIB.
  • Und auch der vermehrte Einsatz der sogenannten grünen Gentechnik gilt unter Imkern als Problem. Tatsächlich ist die Anbaufläche für entsprechende Freilandversuche in Deutschlandmit weniger als 0,1 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bislang außerordentlich gering.

Massensterben letztlich Folge von Überzüchtung?

Mobiltelefone gehörten bislang nicht in die Litanei jener Einflüsse, die im weitesten Sinn den Stresspegel die fleißigen Nutztiere erhöhen. Eine andere - in der Landwirtschaft nicht unbekannte - Erklärung könnte viel wichtiger sein.

Tautz glaubt, dass womöglich die intensive Bienenzucht und der damit verbundene Verlust genetischer Vielfalt unter den Insekten eine der Hauptursachen des gegenwärtig beobachteten Bienensterbens ist. Mit Bienenvölkern aus der Türkei, die nicht so gezüchtet seien wie hierzulande, sei dies kaum vorstellbar.

Mobilfunk: Frequenzen, Strahlung und Wärme
"Handy-Strahlung"
Das Wort sorgt zuweilen für Beunruhigung, vor allem unter Physik-Unkundigen. Mobiltelefone (und die zugehörigen Sendemasten) bauen hochfrequente gepulste elektromagnetische Felder auf. In Deutschland werden in GSM-Handynetzen Frequenzen um 900 und 1800 Megahertz verwendet. Mobiltelefonie ist nicht die einzige Technologie, die solche Felder erzeugt. Auch schnurlose (DECT-)Telefone tun das.

Über mögliche gesundheitliche Folgen der Mobilfunktechnik wird unter Laien viel gestritten. Tausende wissenschaftliche Studien beschäftigen sich damit - bislang ohne einen Beleg für eine Schadwirkung liefern zu können. Hinlänglich bekannt ist jedoch, dass Handys für eine leichte Erwärmung von wenigen Grad Celsius am Kopf sorgen können. Unter Insidern ist dies auch als "Wollmützeneffekt" bekannt.
SAR-Wert
Der Messwert SAR beschreibt, wieviel Energie in einem elektromagnetischen Feld übertragen wird. Die Abkürzung steht für "spezifische Absorptionsrate". Anhand dieser Einheit kann man leicht nachvollziehen, welche Messwerte hier miteinander verbunden werden: W/kg steht für Watt pro Kilogramm. Die Energie (in Watt) wird im Körpergewebe (in Kilogramm) vor allem in Wärme umgewandelt.

Die spezifische Absorptionsrate wird bestimmt, indem man sechs Minuten lang die Erwärmung des Körpergewebes misst und einen Mittelwert bildet. Man geht davon aus, dass nach längerer Zeit ein Gleichgewicht zwischen Wärmezufuhr und -abgabe entsteht.

Die Hersteller von Mobiltelefonen geben als SAR-Wert für die jeweiligen Modelle die Maximalwerte an. In den vergangenen Jahren ist der SAR-Wert von Handys kontinuierlich gesunken.
Strahlungsarme Geräte
Entsprechend einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission liegt in Deutschland der Grenzwert für die SAR eines Handys bei 2 W/kg. Das basiert auf einer Leitlinie der Internationalen Kommission zum Schutz vor Nichtionisierender Strahlung (ICNIRP).

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) aus Salzgitter listet auf seiner Website mehr als tausend Mobiltelefone auf. Alle liegen unter dem gesetzlichen SAR-Wert von 2 W/kg. Bei den 243 aktuell produzierten Handys (Stand Juli 2009) liegen die SAR-Werte laut BfS zwischen 0,1 W/kg und 1,57 W/kg am Kopf bzw. 0,003 W/kg und 1,87 W/kg am Körper. Mehr als ein Drittel der aktuellen Modelle liegen unter 0,6 W/kg und erfüllen demnach das Kriterium für das Umweltzeichen "Blauer Engel".

Die These vom todbringenden Handy hält selbst der Landauer Physiker Kuhn für nicht belegt: "Die momentan vorliegenden Ergebnisse sind mit Vorsicht zu genießen." Sie seien ein möglicher Hinweis auf einen möglichen Einwirkungsmechanismus - mehr nicht.

"Es gibt noch einige Parameter, die wir in Folgestudien untersuchen und auch noch messtechnisch kontrollieren müssen", sagte Kuhn. Selbst dass das Ergebnis des extremen DECT-Experiments wirklich durch die Strahlungsleistung der Sendestationen verursacht worden sei, hält er für noch nicht belegt. Vielleicht hätten ja auch "die Wärmeentwicklung und chemische Ausdünstungen durch die DECT-Sender" einen Einfluss gehabt. Am gegenwärtigen Bienensterben kann dergleichen freilich keine Schuld treffen.

"Erst die Biene, dann der Mensch", warnte DBIB-Vorstand Haefeker Ende März im Interview des Bayerischen Rundfunks. Der Imkerverband sieht schwarz, und auch sein Motto klingt im Kontext des massenhaften Bienchentods wenig optimistisch. "Apes debemus imitari" wird der römische Philosoph Seneca auf der DBIB-Website zitiert: "Die Bienen müssen wir nachahmen."

  • 1. Teil: Werden Bienen tot telefoniert?
  • 2. Teil: Geheimnisvolle Krankheit, Gift, Gentechnik oder doch Handystrahlung: Vier Theorien zum mysteriösen Bienensterben - und der Faktor Überzüchtung.


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