Fossilienhandel: Forscher, Fälscher, Zocker

Von

In New York wurde ein Tarbosaurus-Skelett für eine Million Dollar versteigert. Es war erst die dritte private Auktion eines T-Rex-Verwandten - und ein Skandal: Das Skelett wurde möglicherweise illegal aus der Mongolei geschmuggelt. Der Fall bringt den Fossilienhandel wieder ins Gerede.

Fossilauktionen: Knochen und Knete Fotos

Der Tarbosaurus ist ein umstrittenes Geschöpf. Seit 2005 debattieren die Gelehrten darüber, wo er denn nun genau zu verorten sei: Ist er ein kleinerer asiatischer Cousin des berühmten T-Rex? Oder sollte man auch ihn Tyrannosaurus nennen, weil er zu eben dieser Familie gehört?

Letzteres sollte man auf jeden Fall dann tun, wenn man einen zu verkaufen hat. In New York kam am Sonntag ein als Tyrannosaurus bataar angepriesener Tarbosaurus für 1.052.500 Dollar unter den Hammer. Dass er nicht noch mehr brachte, mag daran gelegen haben, dass die Auktion als Skandal galt: Der Saurier, mit seinen 75 Prozent Original-Knochenanteil eines der weltweit besterhaltenen Skelette dieser Art, wurde möglicherweise illegal aus der Mongolei herausgeschmuggelt.

In letzter Minute versuchte sogar der mongolische Präsident Tsakhiagiin Elbegdorj noch, die Auktion zu verhindern. Sein Appell verhallte ebenso ungehört wie eine richterliche Verfügung aus dem US-Bundesstaat Texas. Der Hammer fiel, und der nach seiner Spezies-Bezeichnung "bataar" genannte Raubsaurier hatte einen neuen, privaten Besitzer - allerdings unter Vorbehalt, bis zur gerichtlichen Klärung der mongolischen Ansprüche.

Der Fall bringt den privaten Fossilienhandel wieder einmal ins Gerede. Problematisch ist er vor allem dann, wenn es um die großen, spektakulären Funde geht - denn hier werden mittlerweile Preise aufgerufen wie auf dem Kunstmarkt. Für viele Sammler spielen die Funde eine ähnliche Rolle wie Gemälde alter oder neuer Meister, irgendwo zwischen Prestigeobjekt und Investment. Schädel und Skelette werden längst nicht mehr nur auf Sammlerbörsen gehandelt, sondern auch bei Edel-Auktionshäusern wie Sotheby's.

Auch beim amerikanischen Auktionshaus Heritage Auctions kommen regelmäßig Fossilien zum Verkauf. Allein in den letzten zwölf Monaten versteigerten die New Yorker einen Triceratops (657.250 Dollar) und ein Paar-Arrangement von Allo- und Stegosaurus (2.748.500 Dollar). Ein Ankylosaurus-Schädel brachte 62.500 Dollar, der Kopf eines Säbelzahntigers immerhin 37.500 Dollar, selbst einzelne Raptorenkrallen sind Bietern mitunter 7500 Dollar wert.

Hohe Preise rufen Fälscher auf den Plan

Kein Wunder, dass die wachsende Nachfrage Heerscharen von Betrügern auf den Plan ruft. Es gibt noch nicht einmal Schätzungen darüber, was weltweit an Fossilien illegal gehandelt wird - oder wie viele versteinerte Knochen in Wahrheit menschliche Handarbeit sind.

Allein in Marokko, eine der Hauptfundstellen für marine Fossilien, sollen über 30.000 Menschen in der Fossilien-Industrie arbeiten. Nicht wenige davon sind mit dem Gießen falscher Knochen und Exoskelette beschäftigt. Fossilfälscher in Marokko, Brasilien und China werfen alljährlich Scheinfossilien im dreistelligen Millionenwert auf den Markt. Das beginnt bei auf Stein verklebten Kunststoff-Trilobiten und geht bis zu erfundenen Spezies, die aus Teilen echter Fossilien montiert wurden.

Ein Trend ist seit einigen Jahren auch die nachträgliche Befiederung von Kleinsauriern - Federn sind wertsteigernd. Die überzeugendsten Fälschungen werden aus zermahlenen echten Fossilien gegossen und geformt, um alles bis zum Farbton der Mineralien richtig zu treffen. Die Fälscher legen dabei nicht nur wissenschaftliche Kuckuckseier, sondern zerstören auch noch echtes Material und mögliche Erkenntnisquellen.

Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die diesem Treiben gern einen Riegel vorschieben würden - fragt sich nur wie. Die Ausfuhr wissenschaftlich relevanter Fossilien ist in den meisten Ländern längst illegal, geschieht aber trotzdem. Dass der jetzt versteigerte Tarbosaurus bataar aus der Mongolei stammt, darf beispielsweise als gesichert gelten, auch wenn das Auktionshaus beteuert, man wisse nicht, woher er stamme. Die Spezies wurde bisher nur dort gefunden. Theoretisch möglich wäre auch eine Herkunft aus China, würde in der Sache aber nichts ändern: Auch dort ist der Export strikt untersagt, wenn auch erst seit wenigen Jahren.

Große Fossilien werden gehandelt wie Kunstwerke

Trotzdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Export einst legal lief. "Viele Länder haben sich erst vor wenigen Jahren über Ausfuhrbestimmungen Gedanken gemacht", sagt Stephan Schaal, Leiter der Abteilung Paläoanthropologie und Messelforschung am Senckenberg-Museum in Frankfurt. "Dabei wird zum Teil rückwirkend erklärt, dass die Ausfuhr illegal war. Das macht die Sache schwierig." Auch der New Yorker Tarbosaurus soll mindestens fünf Jahre in England gelagert worden sein - von wo aus er dorthin gekommen war, ist nicht bekannt.

All das befeuert die Wut der Gegner des kommerziellen Fossilienhandels. Der private Fossilienhandel treibe die Preise auch für Museen in unerschwingliche Höhen, heißt es. Den Rekord setzte 1997 die Auktion des T-Rex "Sue", den sich immerhin das Field Museum in Chicago sicherte und so für die Wissenschaft rettete - allerdings für fast 8,4 Millionen Dollar und nur mit Hilfe potenter Sponsoren.

Solche Preise scheinen irrational, sind aber erklärbar. Vollständig erhaltene Skelette großer Saurier sind außerordentlich selten. Die Zahl der Fossilien des Tarbosaurus, die man mit einigem Recht als Skelett bezeichnen könnte, kann man an einer Hand abzählen. Dabei gilt der Saurier noch als relativ häufig und gut dokumentiert, mit rund 30 aussagekräftigen Fossilien vom einzelnen Bein über den Schädel bis zum zu 75 Prozent erhaltenen "Bataar", der nun verkauft wurde.

Halbwegs vollständige Skelette äußerst selten

Selbst vom ikonenhaften, in zahllosen Museen präsenten T-Rex gibt es weltweit gerade mal acht Skelette, die zu mehr als 50 Prozent erhalten sind. Der Rest ist Stückwerk - und das, was man in Museen sieht, sind in der Regel Repliken. Das erklärt, warum Skelette von ungewöhnlicher Vollständigkeit einen so hohen wissenschaftlichen Wert besitzen: Jeder Fund kann neue Erkenntnisse bringen, mit Irrtümern aufräumen, etablierte Vorstellungen revidieren.

Bei weniger begehrten Fossilien, die unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle der ganz großen Auktionshäuser liegen, sieht die Bilanz hingegen anders aus. Auch Museen bedienen sich da gern auf dem freien Markt, denn die dort aufgerufenen Preise liegen in der Regel unter dem, was eigene Grabungen kosten würden.

In kaum einem Bereich der Wissenschaft leisten begeisterte Hobbyisten und Quereinsteiger so viel wertvolle Arbeit wie in der Paläontologie. Mitunter sind die Übergänge fließend, sagt auch Stephan Schaal: "Wie soll Nachwuchs für die Paläontologie gewonnen werden, wenn er nicht begeistert werden kann und keine Fossilien suchen darf?"

Viele Händler bemühen sich um Seriösität und verpflichten sich selbst, Stücke von wissenschaftlicher Relevanz nur an Kunden zu verkaufen, die diese öffentlich zugänglich machen. Mitunter hilft aber auch das nichts. Denn zur Dokumentation und Analyse eines Fossils gehört auch die Erfassung des geologischen Fund-Kontextes, nur dann lassen sich daraus relevante Daten ableiten. Egal wie spektakulär ein Fossil erscheinen mag, wissenschaftlich bemisst sich sein Wert oft anders. Ob der versteigerte Tarbosaurus wirklich wichtig im wissenschaftlichen Sinne ist, kann man so nicht sagen. "Vielleicht", sagt Schaal, "war er nur teuer."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Fossil
Izmi 23.05.2012
Zitat von sysopHeritage AuctionsIn New York wurde ein Tarbosaurus-Skelett für eine Million Dollar versteigert. Es war erst die dritte private Auktion eines T-Rex-Verwandten - und ein Skandal: Das Skelett wurde möglicherweise illegal aus der Mongolei geschmuggelt. Der Fall bringt den Fossilienhandel wieder ins Gerede. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,834168,00.html
Fälschungen im Fossilienhandel sind nichts Neues. Schon vor über 150 Jahren hatten es die Steinbrucharbeiter in Solnhofen gelernt, dass manche ihrer Funde seltener und damit teurer waren als andere, gewöhnliche. Deshalb setzten sie schnell mal verschiedene Überreste so zusammen, dass abenteuerliche Konstruktionen dabei herauskamen. Und sie gingen dabei mit viel Geschick vor, selbst Fachleute waren eine ganze Zeit nicht in der Lage, Krokokröten oder Schildile zu falsifizieren... :)
2.
günter1934 23.05.2012
Zitat von IzmiFälschungen im Fossilienhandel sind nichts Neues. Schon vor über 150 Jahren hatten es die Steinbrucharbeiter in Solnhofen gelernt, dass manche ihrer Funde seltener und damit teurer waren als andere, gewöhnliche. Deshalb setzten sie schnell mal verschiedene Überreste so zusammen, dass abenteuerliche Konstruktionen dabei herauskamen. Und sie gingen dabei mit viel Geschick vor, selbst Fachleute waren eine ganze Zeit nicht in der Lage, Krokokröten oder Schildile zu falsifizieren... :)
Das ist bei den Fossilien wie bei den Statistiken, - ich glaube nur an Statistiken, die ich selbst gefälscht habe. Und bei den Fossilien machen mir eigentlich nur die Spass, die ich selbst gefunden habe.
3.
jederhateinrechtauf 23.05.2012
Zitat von sysopHeritage AuctionsIn New York wurde ein Tarbosaurus-Skelett für eine Million Dollar versteigert. Es war erst die dritte private Auktion eines T-Rex-Verwandten - und ein Skandal: Das Skelett wurde möglicherweise illegal aus der Mongolei geschmuggelt. Der Fall bringt den Fossilienhandel wieder ins Gerede. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,834168,00.html
Hier steht schon seit geraumer Zeit ein weiterer Tarbosaurus, ausgewiesen mongolischen Ursprungs, für 3,15 Millionen $ zum Verkauf Real Dinosaur Fossils for sale / Real Sabertooth cat fossils for sale TaylorMadeFossils.com (http://www.angelfire.com/mi/dinosaurs/fossils.html) (ziemlich weit unten). Der Fossilienhandel aus China (und vermutlich nicht nur dort) wird offensichtlich trotz Verbots von den Behörden geduldet. Die bei normalbetuchten Sammlern beliebten Keichousaurier (sehr kleine, aber oft vollständige Reptilienskelette für wenige 100 Euro) aus der chinesischen Provinz Guizhou werden auf Ebay von Händlern aus ebendieser Provinz angeboten. Dabei sind es auffällig wenige Händler, die, so scheint es jedenfalls, eine "Lizenz zum Verkaufen" haben. Die angebotenen Stücke sind auch meist echt, obwohl man oft das Gegenteil liest. Knochen vom eiszeitlichen Höhlebär aus Rumänien sind ebenfalls überall erhältlich, obwohl schon seit langer Zeit ein Exportverbot besteht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Paläontologie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
Fossilienhandel: Fünf Fragen an Stephan Schaal
Wie finden Sie das, wenn ein wichtiges Fossil in einer privaten Sammlung landet?
Stephan Schaal: Es kommen gemischte Gefühle auf - und letztendlich die Hoffnung, dass der neue Besitzer den Fund der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich macht und sich rechtzeitig Gedanken über den Verbleib des Stückes nach seinem Tod macht. So haben vielleicht noch unsere Kinder etwas davon.
Aber zunächst würde ich gerne wissen: Wer hat gesagt, dass dieses Fossil für die Forschung sehr wichtig ist, vielleicht war es nur teuer? Erst wenn sich die Behauptung über den hohen wissenschaftlichen Wert bestätigt, muss hinterfragt werden, ob die Museen weltweit geschlafen haben, ob es ein Finanzierungsproblem war oder ob das Fossil illegal gehandelt wurde und deshalb nicht angekauft wurde. Im letzten Jahrzehnt haben sich weltweit viele Museen einem 'Code of Ethics' verschrieben, der den Erwerb von Naturschätzen unter bestimmten Voraussetzungen verbietet.
Und wenn das Fossil aus einem Land mit Exportverbot kam? Muss man dann nicht auch den Handel damit verbieten?
Stephan Schaal: Ein pauschales Verbot funktioniert hier nicht, weil dies auch von den Vorbesitzern der Fossilien abhängig ist. Viele Länder haben sich erst vor wenigen Jahren über Ausfuhrbestimmungen Gedanken gemacht und dabei z.T. rückwirkend erklärt, dass die Ausfuhr illegal war. Das macht die Sache schwierig, weil oft nicht gesagt werden kann, wann die Funde getätigt und exportiert wurden. Wenn sich also die Händler hier nicht stärker engagieren, dann bleibt nur die Hoffnung, dass es der Privatsammler oder der Gesetzgeber tut.
Sind Hobby-Sammler und private Händler auch in Deutschland ein Problem?
Stephan Schaal: Sie sind bei uns auch ein Thema. Es gibt aber sehr gut informierte, interessierte und ernst zu nehmende Sammler und Händler, die seriös mit den wissenschaftlichen Institutionen zusammen arbeiten.
Private Händler und Sammler behaupten, dass auch sie zur Wissenschaft beitragen. Stimmt das?
Stephan Schaal: Tatsächlich haben private Sammler mehr Zeit für die Fossilsuche in ihrer Freizeit, und die hohen Fundhäufigkeiten sprechen an sich schon dafür, dass die Weitergabe z.B. an Museen ein akzeptabler Weg ist. Allerdings passiert es regelmäßig, dass im Gelände keine genauen Befunddaten aufgenommen werden und somit ein wissenschaftlicher Schaden entsteht, oder der Fund sogar gänzlich an Aussage verliert. Auf der anderen Seite würde er möglicherweise nie entdeckt werden. Um den Nutzeffekt zu verbessern, muss ein Kontakt zwischen den Wissenschaftlern und den privaten Sammlern gepflegt werden. Das funktioniert teilweise sehr gut.
Wo sehen Sie die schädlichsten Effekte des privaten Handels mit Fossilien?
Stephan Schaal: Viele Privatsammler arbeiten gerne mit den Instituten zusammen. Ein schädlicher Effekt ist eher in der unvollständigen Bergung und der Gefahr der falschen Präparation zu sehen. In diesen Arbeitsschritten darf kein großer Zeitdruck entstehen, dem sich viele Händler und manche Sammler selbst aussetzen. Der schädliche Effekt wäre einerseits die oberflächliche Bergung, z.B. ohne die Aufnahme der notwendigen begleitenden Geländedaten. Andererseits passiert es immer wieder, dass die Funde unprofessionell geborgen, transportiert und präpariert werden. Hierbei geht oft viel Information verloren. Trotzdem sollte man die privaten legalen Aktivitäten keinesfalls einengen. Wie soll z.B. Nachwuchs für die Paläontologie gewonnen werden, wenn er nicht begeistert werden kann und keine Fossilien suchen darf?