Knochensplitter

Paläontologie Von Bienchen und Knubbelköpfen

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Marc Boulay

Bunostegos: Wofür braucht man Knubbel?

Die gemeine Honigbiene ist eine Europäerin ohne Migrationshintergrund, berichten deutsche Paläontologen. Relevant ist das, weil es bei Strategien gegen das Bienensterben helfen könnte. Weniger relevant ist die neueste Rekonstruktion des Bunostegos - aber herrlich hässlich.

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Kein Pareiasaurier stand je im Verdacht, einen Schönheitswettbewerb gewinnen zu können. Die urtümlichen Reptilien, die am Ende des Perm vor rund 252 Millionen Jahren das Zeitliche segneten, gehörten zu den größten pflanzenfressenden Landlebewesen ihrer Zeit - und zu den bizarrsten Biestern, die die Evolution hervorgebracht hat.

Mit ihren kurzen Extremitäten an massigen Körpern sahen sie aus wie wandelnde Fleischberge. Mit bis zu 600 Kilogramm Gewicht waren sie eine lohnende Beute für die Raubtiere der Zeit, was sie durch Abwehrmaßnahmen zu verhindern suchten: Viele trugen Stacheln und Panzerungen aus Knochenplatten.

Ein weiteres Merkmal vieler Pareiasauridae schien eher der ästhetischen Abschreckung zu dienen: Viele trugen auffällige Knubbel von warziger Gestalt am Kopf, deren Sinn und Zweck unklar ist. Von ganz besonderer Knubbeligkeit war offenbar Bunostegos akokanensis, berichtet ein internationales Forscherteam im "Journal of Vertebrate Paleontology".

Bunostegos wurde bereits 2003 beschrieben. Der aktuellen Studie liegen aber neue Schädelfunde des etwa kuhgroßen Tieres zugrunde, die klar machen, dass das Vieh noch hässlicher war als bisher gedacht. Ein Glücksfall, denn so etwas bringt Medieninteresse. Die Zeitschrift machte Bunostegos nicht von ungefähr zum Covergirl der neuen Ausgabe und verschenkt den vollständigen Artikel als Appetizer via Web. Auch der Wissenschaft sind die Gesetze des Marketing ja nicht fremd.

Die Bunostegos-Studie ist Teil einer weiter gefassten, in mehrfacher Hinsicht aber trockeneren Untersuchung. Es geht um die klimatischen Verhältnisse des Oberperm in einem Gebiet, das heute dem Niger entspricht und um die dortige Wirbeltierfauna. Die, erklären die Forscher, lebte in der hyperariden zentralen Wüstenebene des einstigen Superkontinents Pangäa.

Durch den extremen klimatischen Unterschied zu den gemäßigten Küstenregionen hatte diese fast insularen Charakter: Fauna und Flora hatten sich den Extremen perfekt angepasst. Austausch und Interaktion mit Leben von außerhalb dieser harten, äußerst trockenen Klimazone fand hingegen kaum statt. So überlebte Bunostegos bis zum Ende des Perm quasi als lebendes Fossil - weit urtümlicher als seine zu gleicher Zeit lebenden Verwandten.

Bienensterben: Paläontologen liefern Indizien für Gründe

Apis mellifera: Aus-, nicht Einwanderin Zur Großansicht
DPA

Apis mellifera: Aus-, nicht Einwanderin

Die Honigbiene ist für Mensch und Umwelt nicht nur deshalb wichtig, weil sie uns einen leckeren Brotaufstrich liefert, dem die Volksweisheit heilsame Wirkungen zuschreibt (mitunter im Gegensatz zur Wissenschaft). Das sprichwörtlich fleißige Insekt ist auch einer der wichtigsten Bestäuber von Pflanzen, die ihre Fortpflanzung auf solche fliegenden Samenboten abgestellt haben.

Dass seit einigen Jahren weltweit die Bienenvölker sterben, gilt darum zurecht als Katastrophe. Betroffen sind vornehmlich europäische, afrikanische und amerikanische Bienen. Die Ursache war lange unklar. Inzwischen glaubt man, dass es vor allem der Befall mit der aus Asien eingeschleppten Varroamilbe ist, der die Völker fatal schwächt. Warum asiatische Bienenvölker den Milben mehr entgegenzusetzen haben, war bisher unklar.

Einen Hinweis auf die Gründe liefert nun die Paläontologie. Im "Journal of Biogeography" berichten Ulrich Kotthoff, Torsten Wappler und Michael S. Engel über Herkunft und Migrationswege der Honigbiene. Anders als bisher gedacht, behaupten sie, sei die Honigbiene nicht aus Asien kommend nach Europa eingewandert, sondern umgekehrt.

Der Irrtum hatte numerische Gründe: Nur einer rezenten europäischen Art (Apis mellifera) stehen mehrere aktuelle asiatische gegenüber. Deshalb ging man davon aus, die Verbreitung sei von Ost nach West verlaufen. Die Forscher zeigten nun, dass die Zahlenverhältnisse vor rund 20 Millionen Jahren aber völlig anders aussahen. Einer Vielfalt an europäischen Bienenarten standen damals keine asiatischen Honigbienen gegenüber. Erst vor circa 19 Millionen Jahren sollen die sich dann nach Osten ausgebreitet haben - und in Asien auf den fatalen Parasiten gestoßen sein.

Hier also liegt ein Erklärungsansatz dafür, warum Bienen, die nicht aus Asien stammen, so viel empfindlicher auf Varroamilben reagieren: Sie hatten viel weniger Zeit, Resistenzen gegen den Parasiten aufzubauen. Denn wann der nach Europa kam, weiß man leider sehr genau. International verbreitet wurde die Milbe ab den fünfziger Jahren durch den Handel mit Bienenvölkern. Europa erreichte sie Ende der Sechziger, in Deutschland wurde sie 1977 erstmals nachgewiesen.

Mit Wetterwarnung wäre das nicht passiert

Paläontologen der TU Bergakademie Freiberg und der marokkanischen Universität El Jadida haben einen fossilen Tümpel gefunden, in dessen versteinertem Schlamm zahlreiche Tier- und Pflanzenspuren aus dem Karbon enthalten sind - bei einigen die ältesten ihrer Art.

Entstanden ist die Fundstätte offenbar durch einen Tropensturm, der vor 305 Millionen Jahren über dem Atlasgebirge und der marokkanischen Sous-Ebene tobte. Er müsse "Stämme umgerissen und Äste von den Bäumen gefetzt haben", erklärt Jörg W. Schneider von der TU Freiberg: "Katastrophale Regenfälle ließen die Flüsse über die Ufer treten, die schlammigen Wassermassen wälzten sich durch das Becken. Als nach einigen Tagen das Hochwasser wieder fiel, blieben große Tümpel zurück - voll mit Ästen, Zweigen und Blättern."

Prähistorischer Tümpel: Mitglieder der internationalen Forschergruppe beim Anfertigen eines Latex-Abgusses Zur Großansicht
TU Bergakademie Freiberg

Prähistorischer Tümpel: Mitglieder der internationalen Forschergruppe beim Anfertigen eines Latex-Abgusses

In den Tier- und Pflanzenspuren erkennen die Forscher "eine exakte Momentaufnahme der Klimasituation vor 305 Millionen Jahren". Mit einigen Überraschungen: So dokumentierten die Funde, dass der klimatische Wandel hin zum trockeneren Klima des folgenden Perm offenbar schon begonnen hatte. Sie fanden in den versteinerten Tümpeln nicht nur feuchtigkeitsliebende Farne, sondern auch Trockenheit bevorzugende Koniferen.

Einige Pflanzen- und Tierspuren könnten zu Neudatierungen der Arten führen, von denen sie stammen. Den bisher als "Amerikaner" geltenden Samenfarn Dichophyllum konnten die Forscher bereits ins heutige Nordafrika einbürgern: Dort gab es ihn offenbar schon zehn Millionen Jahre früher.

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12 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
herr wal 30.06.2013
ghibli 30.06.2013
Irek 30.06.2013
BettyB. 30.06.2013
cem_iker 30.06.2013
kritiker82 30.06.2013
Wololooo 30.06.2013
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Koda 01.07.2013
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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wach hält.
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