Nacktmulle Fleißige Arbeiterinnen auf Bestellung

Sie sind klein, hässlich und faszinierend: Nacktmulle leben wie Bienen, obwohl sie Nagetiere sind. In riesigen Kolonien umsorgen sie eine Königin, die ständig Nachwuchs produziert. Ein Berliner Tierforscher studiert die bizarren Gesellen - und dabei hat er es auf die Geheimnisse ihres Spermas abgesehen.

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Eigentlich sind die hässlichen Nacktmulle Thomas Hildebrandt viel zu klein. Normalerweise hat er mit Größerem zu tun. Dennoch steht der Tiermediziner vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin fasziniert vor den Plexiglasröhren, durch die die kleinen Nagetiere unentwegt hin- und herwuseln. Vorwärts, rückwärts, übereinander, untereinander. Es geht zu wie in einem Ameisenhaufen. Und tatsächlich: Die nur mausgroßen Nager sind genauso organisiert wie staatenbildende Insekten. Erstaunlicherweise hat die Evolution das Staatsprinzip bei den Nacktmullen noch einmal hervorgebracht.

Hildebrandt zeigt auf ein Tier, das etwas größer ist als die restlichen: "Das ist die Königin." Genau wie bei Bienen und Ameisen produziert nur sie den Nachwuchs. Bis zu 27 Babys wirft sie - auf einmal. Die restlichen Weibchen der Kolonie hingegen sind Arbeiterinnen und steril. Sie reinigen und bauen die Gänge aus, versorgen die Jungen, wehren Feinde ab. "Die Arbeiterinnen können keine Babys mehr bekommen, weil ihre Geschlechtsorgane nicht ausgebildet sind", erklärt Hildebrandt. Wie die Unterdrückung erfolgt, ist noch nicht erforscht - vermutlich stresst die Königin ihre Untertanen durch ihr extrem aggressives Verhalten. Dafür aber muss die Herrscherin ständig in Kontakt zu ihnen bleiben. Tatsächlich ist sie ständig in den Röhren unterwegs und schiebt sich in den Gängen über ihre Untertanen hinweg.

Die Plexiglasröhren sollen die riesigen Gangsysteme imitieren, die die Nacktmulle in ihrer Heimat Afrika unter dem Erdboden graben. "Sie können fußballfeldgroß werden", erklärt Hildebrandt.

Normalerweise besamt Hildebrandt Elefantenkühe

Nacktmulle werden sehr alt - bis zu 28 Jahre. Für solch kleine Nagetiere ist das unglaublich. Zum Vergleich: Mäuse leben nur rund zwei Jahre. In der Presse müssen sie oft als Paradebeispiele für die Hässlichkeit der Natur herhalten. Tatsächlich drängen sich einem beim Betrachten der fast haarlosen Tiere Assoziationen an Penisse mit riesigen Zähnen auf.

Eigentlich sind Großtiere wie Elefanten, Breitmaulnashörner, Eisbären, Pandabären Hildebrandts Hauptbetätigungsfeld. Es gibt kaum ein Tier, das er nicht schon mal be- oder abgesamt hat. Besamen, absamen - das ist der Jargon des Reproduktionsmanagers, wie Hildebrandts genaue Berufsbezeichnung lautet. Er hilft bedrohten Tierarten bei der Vermehrung. Beim Menschen wäre sein Job die künstliche Befruchtung von Paaren, die auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen können. Seine Patienten allerdings sind bedrohte Tiere, die über die ganze Welt, oft in Zoos, verstreut sind - und die er erhalten möchte. "Wo die Menschheit versagt hat, die Tiere zu schützen, kommen wir ins Spiel", sagt Hildebrandt mit seinem starken Berliner Dialekt - und das meist freundlich lächelnde Gesicht sieht ausnahmsweise einmal ernst aus.

Für Hildebrandts Job darf man keine Berührungsängste haben. Elefanten- und Nashornkühe besamt er mit dem Sperma der Bullen. Das holt er sich von überall auf der Welt. Das ist knifflig und Schwerstarbeit, denn der Genitaltrakt einer Elefanten-Kuh ist rund drei Meter lang. Um sich da durchzuwurschteln hat er spezielle Adapter gebastelt, die Assoziationen an Baseballschläger und Geräte für die Gartenarbeit wecken. Für jedes Tier hat er ein anderes gebaut.

Doch Hildebrandt kann nicht nur groß, sondern auch ganz klein. Er hat es nun auf das Sperma der kleinen Nacktmull-Männchen abgesehen.



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