Langlebige Nacktmulle In Würde altern

Wohl kein Nagetier lebt so lang wie Nacktmulle. Das könnte auch an der Geselligkeit der hässlichen Viecher liegen: Sie leben in riesigen Staaten mit klarer Arbeitsteilung - das schützt vor Fressfeinden und macht ein langes Leben erst möglich.

Corbis

Nacktmulle verspüren keinen Schmerz, wenn sie mit Säure übergossen werden. Sie bekommen keinen Krebs und gelten als die langlebigsten Nager der Welt. Immer wieder versuchen Forscher mit ihrer Hilfe herauszufinden, was einen Organismus bis ins hohe Alter fit und gesund hält - bislang vor allem über Genanalysen. Nun gibt es eine weitere Erklärung: Die Sozialstruktur des Nacktmulls könnte maßgeblich zu seinem langen Leben beitragen, berichten Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B".

Sandgräber, zu denen auch der Nacktmull gehört, sind die einzige Säugetierfamilie, von der einzelne Arten in Staaten leben. Dieses sogenannte eusoziale Verhalten kennt man eigentlich vor allem von Insekten wie Bienen oder Ameisen. Aber auch die unter der Erde lebenden Nacktmulle setzen auf strikte Arbeitsteilung.

Die Aufgaben werden je nach Alter verteilt. Als Teenager kümmern sich die Nager um ihre jüngeren Geschwister, später malochen sie im Tunnel und graben gemeinschaftlich wie am Fließband neue Schächte. Kräftige ältere Tiere bewachen die Eingänge des unterirdischen Baus vor Schlangen. Nachwuchs bekommt nur die Königin. Alle zwei bis drei Monate versorgt sie die Kolonie mit neuen zukünftigen Babysittern, Arbeitern und Soldaten. Zur Paarung in Frage kommen maximal drei Männchen. Alle anderen Staatenmitglieder bleiben unfruchtbar.

Um herauszufinden, ob dieses Sozialkonzept die Langlebigkeit der Nacktmulle begünstigt haben könnte, werteten Scott Williams und Milena Shattuck von der New York University Daten von 440 Säugetieren aus. Davon lebten 423 allein oder in herkömmlicher sozialer Gemeinschaft. 17 waren in Staatengemeinschaften oder ähnliche soziale Strukturen intergeriert.

Zusätzlich bezogen die Forscher den Lebensraum der Säuger ein. Unter den 440 Arten lebten 339 am Boden und 101, wie die Nacktmulle, in komplexen Bauten unter der Erde.

Staaten-Gemeinschaft verlängert das Leben

Das Ergebnis: Wenn sie unter der Erde oder in starken sozialen Gemeinschaften leben, werden Säugetiere besonders alt. Gemessen haben die Forscher das über den Langlebigkeitsquotienten. Er beschreibt das Verhältnis zwischen dem Durchschnittsalter vergleichbarer Spezies und dem Alter einer einzelnen Art. Je weiter der Wert also über eins liegt, desto deutlicher liegt das Alter einer Spezies über dem Durchschnitt.

Die höchsten Werte erzielen unter der Erde lebende, tendenziell eusoziale Tiere, wie der Graumull mit einem Wert von 2,7 und der Nacktmull mit einem Rekordwert von 4,9. Nacktmulle können fast 30 Jahre alt werden.

Zum Vergleich: Der Coruro, ein in Südamerika lebendes Nagetier, das ebenfalls unter der Erde haust, aber keine Staaten bildet, kommt auf einen Quotienten von 1,7. Zwergmangusten, die tagsüber unter freiem Himmel unterwegs sind, aber eusoziale Tendenzen haben, kommen auf einen Wert von 1,8.

Weit abgeschlagen sind dagegen etwa Taschenratten mit einem Quotienten von 0,94, also unterhalb der durchschnittlichen Lebenserwartung vergleichbarer Arten. Taschenratten leben zwar ähnlich wie die Nacktmulle in verzweigten Gangsystemen unter der Erde, sind aber Einzelgänger.

Schutz vor Feinden lässt Raum für Evolution

"Wir gehen davon aus, dass Langlebigkeit im Zusammenhang mit dem Leben im Staat entsteht", schreiben die Forscher nach der Auswertung ihrer Daten. Der Schutz vor Feinden in einem extrem gesicherten Bau und die Unterstützung bei der Nahrungssuche durch Artgenossen, mache es erst möglich, dass sich der Körper evolutionär an ein langes Leben anpassen kann, so die Begründung.

Dafür sei auch der Mensch ein gutes Beispiel. Obwohl er nicht in einer strikten eusozialen Gemeinschaft lebe, zeige er zumindest dafür typische Tendenzen, so die Forscher. Geschwister passen aufeinander auf, Familie, Freunde, Schule und Kindergarten helfen bei der Erziehung und externe Gefahren durch wilde Tiere wurden minimiert. So kommt der Mensch auf einen Quotienten von 3,5 - wir leben also deutlich länger, als von höheren Primaten zu erwarten. Den Nacktmull können wir damit wohl kaum beeindrucken.

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Alt und gesund

jme



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