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Namibia: Feuer frei aufs Nashorn

Von Thilo Thielke, Nairobi

Das Spitzmaulnashorn war schon fast ausgerottet, dann hat sich der Bestand leidlich erholt. Nun wollen Namibia und Südafrika die seltenen Tiere zum Abschuss freigeben.

Spitzmaulnashorn im Visier: Erst aufgepäppelt, jetzt wieder zur Jagd freigegeben
AP

Spitzmaulnashorn im Visier: Erst aufgepäppelt, jetzt wieder zur Jagd freigegeben

Der Literat hatte gut getroffen, nun bestaunte er fasziniert sein im Savannengras krepierendes Opfer: "lang-rumpfig, schwer-flankig, prähistorisch aussehend, die Haut wie vulkanisierter Hartgummi und eine Spur durchsichtig aussehend, von einer schlecht geheilten Hornwunde, an der die Vögel herumgepickt hatten, entstellt, mit dickem, runden, zugespitzten Schwanz". Kurz: "schon ein verteufeltes Biest".

Für den begeisterten Großwildjäger Ernest Hemingway hatte sich die Reise nach Kenia gelohnt, erfolgreich hatte er auf einen Vertreter aus der Familie der Rhinoceroditae angelegt und konnte nun unbeschwert seinen verdienten Gimlet genießen. Es herrschte ja auch keine Not an Dickhäutern - damals in den dreißiger Jahren, als Hemingway seine "grünen Hügel Afrikas" schrieb.

Zu Hunderttausenden bevölkerten die schwerfälligen Tiere den Kontinent von Zentral-West-Afrika bis zum Tafelberg. Rund 65.000 Spitzmaulnashörner, schätzen Tierschützer, sollen noch 1960 allein in dem ostafrikanischen Jagdparadies gelebt haben. Zu den Nashörnern gesellten sich riesige Herden von Elefanten. "Dies war die Sorte Jagd, die ich mochte", notierte der Nobelpreisträger zufrieden über die goldenen Zeiten: Heia Safari!

Danach freilich ging es rapide bergab mit dem Urtier. In den siebziger Jahren bereits sollen nur noch 65.000 "Black Rhinos" in ganz Afrika gelebt haben, 1980 waren es 14.785 Tiere und 1995 nur noch 2410. Binnen drei Generationen war ihre Zahl nach einer Rechnung der "International Union for Conservation of Nature and Natural Ressources" um 80 Prozent dezimiert worden. Der Rest war als ausgestopfte Jagdtrophäe auf die Landsitze betuchter Waidmänner geschleppt worden. Oder die bis zu anderthalb Tonnen schweren Kadaver verfaulten einfach in der Wildnis, während das begehrte Horn in Arabien zu Messerknäufen verarbeitet oder in Asien zu Arzneimitteln zermahlen worden war.

"Der Extrovertierte im Reich der Tiere"

Viel zu spät wurden die Hilfeschreie der Artenschützer gehört und das von der Ausrottung bedrohte urzeitliche Wesen auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten gesetzt. Das Nashorn schien todgeweiht - ausgerechnet der gepanzerte Koloss, der "Extrovertierte im Reich der Tiere", wie der legendäre Wildlife-Fotograf Peter Beard bemerkte, "der bereit ist, mit dem Kopf voran gegen eine herankommenden Zug anzustürmen".

"Black Rhino": Jagd auf das begehrte Horn
DPA

"Black Rhino": Jagd auf das begehrte Horn

Seit langem wird der Handel mit Horn so streng geahndet wie das Töten der Tiere. Bereits 1977 nahm die "Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora" (Cites) das Spitzmaulnashorn in den Anhang I als "extrem gefährdet" auf.

Lange schien es, als seien alle Versuche, das Nashorn zu retten, vergeblich. Dann, endlich, kamen die ersten Erfolgsmeldungen. "Die letzten Zählungen zeigen eine Zunahme von Spitzmaulnashörnern auf 3600 Stück - 500 Stück oder 15 Prozent mehr als vor zwei Jahren", jubelte Ende Juni der "World Wildlife Fund" (WWF) über "eine phantastische Nachricht für die Rhinozerosse und die Tierschützer".

Doch da hatte sich der WWF möglicherweise zu früh gefreut, denn kaum durften die Naturfreunde die frohe Kunde verbreiten, häufen sich auch schon die schlechten Nachrichten. So berichtet der frühere oberste Aufseher der simbabwesischen Nationalparks, Glenn Tatham, dass in Mugabes rotem Reich im vergangenen Jahr 30 der rund 500 seltenen Spitzmaulnashörner gewildert wurden - nachdem zehn Jahre lang kein einziges getötet worden war.

Im kongolesischen Garamba-Nationalpark, berichtet nun die Internationale Naturschutz-Organisation (IUCN), seien in den letzten 14 Monaten zwischen 14 und 19 Nördliche Breitmaulnashörner erlegt worden, was 50 Prozent des gesamten weltweiten Bestandes dieser hochgradig gefährdeten Unterart ausmacht. In Kenia wurden in den vergangenen zwei Jahren 16 Spitzmaulnashörner massakriert.

Nun soll es dem mühsam aufgepäppelten Patienten ausgerechnet im südlichen Afrika ans Horn gehen. Auf der Cites-Artenschutzkonferenz, die nächste Woche im thailändischen Bangkok tagt, wollen Namibia und Südafrika um Erlaubnis bitten, einige der seltenen Tiere zum Abschuss freigeben zu dürfen.

Den beiden geht es mit ihrem Vorstoß allein ums Geld. In Namibia und Südafrika leben über zwei Drittel der auf dem afrikanischen Kontinent übrig gebliebenen Spitzmaulnashörner. Nun wollen sie den Lohn für die erfolgreiche Hege einstreichen und die ersten Tiere Trophäenjägern zum Abschuss freigeben. Es könnte ein lohnendes Geschäft werden: Ein einziges erlegtes Breitmaulnashorn, nicht so gefährdet wie das Spitzmaulnashorn und deshalb bereits eingeschränkt zur Jagd freigegeben, bringt es in Südafrika auf stolze 25.000 Euro.

Namibia möchte nun jährlich fünf seiner Nashörner dem Jagdfreund vor die Flinte treiben, Südafrika gar zehn. Die beiden Staaten argumentieren, dass sie eine zu große Population an männlichen Nashörnern, die zu alt zur Fortpflanzung sind, haben. Nun wollen sie die nutzlosen Esser zu Geld machen, das wieder zur Erhaltung der Nashörner verwendet werden könnte.

"Krank im Geist und krank an der Seele"

Tierschützer freilich mögen nicht so recht an den Nutzen der angeblich so selbstlosen Aktion glauben. "Bei vielen Unterstützern von Nashornprojekten werden jetzt angesichts dieser Pläne die Alarmglocken schrillen", ist sich etwa der britische "Sebakwe Black Rhino Trust" sicher, "sie haben Sorge, dass ihr hart verdientes Geld, das sie gespendet haben, um Nashörner zu schützen, irgendwo in Form einer Jagd-Trophäe endet."

Die Freigabe zum Abschuss habe zudem eine verheerende Wirkung auf Anrainer mit fragilerer Nashornpopulation: "Mit jedem Tier, das in Namibia oder Südafrika geschossen wird, wird der Nashornschutz in anderen Teilen Afrikas schwerer."

Auch der WWF schlägt nun Alarm. Für das Ansinnen der Namibier habe man noch bedingt Verständnis, weil die Unterart, die dort vorkommt (Diceros bicornis bicornis), nicht so gefährdet ist wie andere Arten des Spitzmaulnashorns. Südafrika jedoch müsse unbedingt von seinem Vorhaben, Spitzmaulnashörner abschlachten zu lassen, abgebracht werden. So bestünde Sorge, dass die Südafrikaner die Trophäenjagd "uneffektiv kontrollieren". Darüber hinaus sei unklar, nach welchen Kriterien die Kreaturen zur Jagd freigegeben würden.

Drastischer noch geht das Wiener "Dokumentationszentrum für Artenschutz" mit den Waidmännern ins Gericht. Diese seien "krank im Geist und krank an der Seele", und zum Glück hätten sie den heiligen Hubertus als Schutzpatron. Der sei nämlich auch für die Tollwut und den Irrsinn zuständig.

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