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Nasa-Auswertung: Forscher befürchten starken Anstieg des Meeresspiegels

Marschgebiet bei New Orleans im US-Bundessstaat Louisiana: Pegelanstieg trifft Regionen unterschiedlich Zur Großansicht
REUTERS

Marschgebiet bei New Orleans im US-Bundessstaat Louisiana: Pegelanstieg trifft Regionen unterschiedlich

Mindestens um einen Meter werden die Pegel der Weltmeere in den kommenden 100 bis 200 Jahren steigen, sagt die Nasa - also stärker, als man bislang dachte. Doch die Veränderung trifft die Regionen der Erde sehr unterschiedlich.

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OMG - in der modernen Kommunikation steht diese Abkürzung für "Oh my God". Ein universell verständlicher Ausruf des Erstaunens und des Unglaubens. OMG heißt nun auch ein neues Messprogramm der Nasa. Oder in der Langfassung: "Oceans Melting Greenland".

Und auch bei der Nasa mag manch einer erstaunt und ungläubig gewesen sein - angesichts der aktuellen Visualisierung der US-Weltraumbehörde zur Entwicklung der weltweiten Meeresspiegel, zu denen auch ein massives Abschmelzen des grönländischen Eisschildes entscheidend beiträgt.

Ein durchschnittlicher Anstieg der Meeresspiegel um mindestens einen Meter ist der Nasa zufolge in den kommenden 100 bis 200 Jahren unvermeidlich. Damit drohten niedrig gelegene Landstriche, darunter ganze Inselstaaten und Großstädte wie Tokio und Singapur, zu versinken, sagte der Leiter der Abteilung für Erdforschung der US-Weltraumbehörde, Michael Freilich. Mehr als 150 Millionen Menschen, "die meisten von ihnen in Asien", leben nicht mehr als einen Meter oberhalb des derzeitigen Meeresspiegels, so der Wissenschaftler. Auch in Deutschland erfordert der Bau von höheren Deichen Millioneninvestitionen.

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Freilich stellte neue Satellitendaten zu der Entwicklung der Meeresspiegel vor. Die Nasa und die französische Weltraumbehörde CNES hatten 1992 mit den Messungen aus dem All begonnen. Die Instrumente seien so sensibel, dass sie, auf ein Linienflugzeug in einer Höhe von rund 12.000 Metern montiert, die Erhebung ausmachen könnten, "die ein flach auf dem Boden liegendes Zehn-Cent-Stück verursacht", beschrieb Freilich die Präzision der Messungen.

360 Gigatonnen Eis = ein Millimeter Meeresspiegelanstieg

Das Problem: Der Meeresspiegelanstieg ist weltweit sehr unterschiedlich verteilt. Laut Nasa sind die Ozeane seit 1992 im Schnitt um 7,6 Zentimeter gestiegen, mancherorts aber auch um mehr als 23 Zentimeter. In wieder anderen Regionen, so an der US-Westküste, gibt es sogar fallende Pegel.

Die Prognosen bei diesem Thema sind wegen vieler Unsicherheitsfaktoren ausgesprochen schwierig. Einzelne Klimaforscher warnen vor einem Anstieg um mehrere Meter innerhalb eines Jahrhunderts. Zuletzt tat dies zum Beispiel ein Team um den früheren Nasa-Wissenschaftler James Hansen in einem - unter Wissenschaftlern nicht unumstrittenen - Diskussionspapier für das Fachmagazin "Atmospheric Chemistry and Physics".

Der Weltklimarat IPCCist da konservativer. Er geht in seiner jüngsten Prognose aus dem Jahr 2013 von einem Plus von 0,3 bis 0,9 Meter bis zum Ende des Jahrhundertsaus. Neue Schätzungen der US-Weltraumbehörde legen nun nahe, dass sich der Wert am oberen Ende dieser Skala bewegen dürfte.

Drei Phänomene tragen entscheidend dazu bei, dass der Wasserstand im weltweiten Durchschnitt klar ansteigt: Für ein Drittel des beobachteten Effekts machen die Forscher schmelzende Gebirgsgletscher verantwortlich, für ein weiteres Drittel den Umstand, dass steigende Temperaturen in den Weltmeeren dafür sorgen, dass sich das dort bereits vorhandene Wasser leicht ausdehnt. Für das letzte Drittel sind wiederum die polaren Eiskappen in Grönland und der Antarktis verantwortlich.

Überflutung in Großbritannien (Great Yarmouth, November 2007): "Also müssen wir vorbereitet sein" Zur Großansicht
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Überflutung in Großbritannien (Great Yarmouth, November 2007): "Also müssen wir vorbereitet sein"

In Grönland schmolzen im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich 303 Gigatonnen Eis pro Jahr. Vom Eis in der Antarktis gingen durchschnittlich 118 Gigatonnen pro Jahr verloren. Zur Einordnung: Ein Abschmelzen von 360 Gigatonnen führt zu etwa einem Millimeter durchschnittlichem Meeresspiegelanstieg.

"Eine Sache, die wir erfahren haben, ist, dass die Eisflächen schneller schmelzen als zuvor erwartet", sagte der Nasa-Meereskundler Josh Willis. Dieser Prozess drohe, sich weiter zu beschleunigen. "Irgendwann in den kommenden 20 Jahren wird es wahrscheinlich einen schnelleren durchschnittlichen Anstieg des Meeresspiegels geben, also müssen wir vorbereitet sein", warnte Willis.

Eine Unbekannte in dem Prozess sind die Folgen eines völligen Zusammenbruchs von Eisschilden. Nasa-Forscher Tom Wagner sagte, wenn es zu eine Kollaps käme, sei sogar ein Anstieg des Meeresspiegels um drei Meter in den kommenden 100 bis 200 Jahren denkbar.

Doch schon die bislang erfolgte Eisschmelze wird die Menschheit den Nasa-Messungen zufolge vor große Herausforderungen stellen. Schon jetzt zeichne sich ein Meeresspiegelanstieg um mehr als einen Meter ab, "nur auf Grundlage der Erwärmung, die es bis jetzt gab", sagte Steve Nerem von der University of Colorado in Boulder.

Zusammengefasst: Die Nasa hat eine neue Datenauswertung zum Anstieg der Meeresspiegel vorgelegt, die Pegel der Weltmeere dürften demnach um mindestens einen Meter in den kommenden 100 bis 200 Jahren steigen. Rund ein Drittel des Anstiegs kommt durch schmelzende Gebirgsgletscher zustande, ein weiteres Drittel durch die Eisschilde in Grönland und der Antarktis - und das letzte Drittel dadurch, dass sich das bereits vorhandene Wasser durch höhere Temperaturen ausdehnt. Der Meeresspiegelanstieg ist allerdings weltweit sehr unterschiedlich verteilt.

chs/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 525 Beiträge
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1. Nur noch
Don_Draper 27.08.2015
100 bis 200 Jahre Zeit zu reagieren, oh Mensch. Dieser Planet wird sich immer irgendwie verändern, ob mit Zutun des Menschen, oder ohne und es war immer eine Stärke des Menschen, flexibel zu reagieren.
2. Die Überschrift kenne ich doch!
fredlieb 27.08.2015
... oder habe nur ich grad ein Déjà-vu?
3. Signapur nicht das Problem
Velociped 27.08.2015
Für räumlich begrenzte reiche Städte ist das Problem des Meeresspiegelanstiegs lösbar. Dort ist genug Geld vorhanden, um Mauern und Pumpstationen zu bauen. Diese Möglichkeiten haben ärmere Länder, bei denen es um wesentlich längere Küstenabschnitte geht. Ein grosser Teil der Niederlande oder auch New Orleans liegen auch jetzt schon unter dem Meeresspiegel.
4.
Oberleerer 27.08.2015
Kann man da nicht eine Gebühr erfinden, daß man mit 5 Jahre alten Autos die Innenstädte nicht mehr befahren darf? Wenn mehr Wasser im Meer schwabbt, übt es mehr druck auf das flüssige Gestein im Untergrund aus. Dadurch sinkt der Meeresboden, die Landmassen heben sich weiter.
5.
ProbeersEinfach 27.08.2015
Ich sehe darin kein Problem, 1 Meter in 100 bis 200 Jahren? Das wäre auch schon im 19. Jahrhundert kein Problem gewesen. Viele Gebiete der Erde liegen heute schon unter dem Meeresspiegel...
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