Satellitenbilder: Eis taut in ganz Grönland
Gleich mehrere Satelliten haben ein ungewöhnliches Tauwetter in Grönland registriert. Bis zu 97 Prozent des Eisschildes waren von oben angeschmolzen - ein Rekordwert seit dem Start der Messungen. Zum ersten Mal seit mehr als hundert Jahren taute es sogar inmitten des Inlandeises, 3200 Meter über dem Meer.
Berlin - Zuerst wollte Son Nghiem vom Jet Propulsion Laboratory am California Institute of Technology seinen Augen nicht recht trauen - zu bizarr sah das Bild aus, dass sich ihm bot. Der Spezialist für Radarsatelliten hatte aktuelle Messungen des indischen "Oceansat 2" auf dem Schreibtisch. Sie zeigten Grönland am 12. Juli - nicht weniger als 1,7 Millionen Quadratkilometer Eis. Doch wenn die Daten stimmten, dann taute der gigantische Panzer an diesem Tag beinahe auf seiner gesamten Fläche. "War das tatsächlich so oder lag es an einem Datenfehler?", lautete Nghiems bange Frage.
Ein Gespräch mit seiner Kollegin Dorothy Hall vom Goddard Space Flight Center der Nasa brachte dann die Gewissheit: Auch Geräte auf den Satelliten "Aqua" und "Terra" belegten ungewöhnlich hohe Temperaturen an der Oberseite des Eisschilds. Weitere Bestätigung lieferten die Forscher Thomas Mote von der University of Georgia und Marco Tedesco von der City University of New York, die Mikrowellen-Messungen des Airforce-Satelliten "DMSP" ausgewertet hatten.
Aus den Daten all dieser fliegenden Observatorien hat die Nasa nun Grafiken generiert, die das Ausmaß der Schmelze eindrucksvoll belegen. Sie zeigen den Eisschild einmal am 8. Juli und dann, nur wenige Tage später, am 12. Juli. Und während das erste Bild hohe Temperaturen vor allem im Süden der Insel sowie am West- und Nordrand belegt, ist auf der folgenden Aufnahme quasi ganz Grönland betroffen.
Nach Angaben der Nasa handelte es sich um einen Anstieg der betroffenen Fläche von 40 auf 97 Prozent. Das sei der höchste Wert im 30-jährigen Beobachtungszeitraum. Wo die Grafik eine "Schmelze wahrscheinlich" anzeigt, meldete einer der Satelliten entsprechende Beobachtungen. In Arealen, die mit "Schmelze" gekennzeichnet sind, gab es mindestens zwei entsprechende Beobachtungen.
Rekordwerte an der "Summit Station"
Nun ist es im Grundsatz nichts besonders, dass im Sommer Teile von Grönlands Eisschild schmelzen. Gerade in den höheren Lagen des Inlandeises gefriert das so entstandene Wasser auch schnell wieder. In Küstennähe fließen aber auch größere Mengen Schmelzwasser in den Ozean - und tragen zum Anstieg der weltweiten Pegel bei.
Schuld am Tauwetter in diesem Sommer ist eine Serie von Hochdruckgebieten, die sich wie eine Hitzeglocke über Grönland gelegt haben. Sogar an der "Summit Station", die inmitten des Inlandeises liegt, 3200 Meter über dem Meer, hat es nach Angaben der US-Wetterbehörde NOAA dadurch am 11. und 12. Juli Temperaturen über dem Gefrierpunkt gegeben.
Nach Nasa-Angaben ist es das erste Mal seit 1889, dass solche Messwerte im Bereich der "Summit Station" aufgetreten sind. Die Behörde bezieht sich dabei auf Auswertungen von Eisbohrkernen durch Caitlin Keegan vom Dartmouth College. Demnach ereignen sich warme Phasen in der Mitte des Inlandeises etwa alle 150 Jahre. Die aktuelle Episode liegt demnach ungefähr im Zeitplan. "Wenn wir aber in den kommenden Jahren weiterhin solche Schmelzereignisse sehen würden, dann wäre das besorgniserregend", warnt Nasa-Forscherin Lora Koenig.
Grönland steht also in Zukunft unter besonders intensiver Beobachtung - zumal vor wenigen Tagen ein gigantisches Eisstück vom Petermann-Gletscher in Grönlands Nordwesten abgebrochen war. Der so entstandene Eisberg ist 120 Quadratkilometer groß. Einiges deutet also darauf hin, dass der riesige Eispanzer der Insel sich dramatisch verändert.
chs
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- Mittwoch, 25.07.2012 – 12:15 Uhr
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Die Wissenschaftler sind im Dilemma: Sie haben zwar Grund zur Befürchtung, die Eisschmelze könnte sich dramatisch beschleunigen. Doch beweisen ließe sich der Trend erst nach Jahrzehnten. Und so fahnden Forscher nach Möglichkeiten, mit Klimadaten der Vergangenheit Aussagen über die Zukunft zu treffen. Mit sogenannten "semi-empirischen" Methoden suchen sie nach Zusammenhängen zwischen Lufttemperatur und Meeresspiegel. Auf Grundlage globaler Temperaturdaten seit 1880 kamen Martin Vermeer von der Helsinki University of Technology und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu dem Ergebnis, dass der globale Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um knapp 1,90 Meter steigen könnte.
Inwieweit solche Studien Eingang in den neuen Uno-Klimareport finden, müssen nun die 18 Mitglieder des Gremiums entscheiden - die neuen Ergebnisse könnten die Uno-Meeresspiegel-Prognose in ganz neue Höhen treiben. Viele Forscher hegen Bedenken: "Die semi-empirischen Modelle wurden noch nicht überprüft", sagt etwa Neil White vom CSIRO-Institut. Es sei unklar, ob den Gleichungen überhaupt reale Vorgänge in der Natur zugrunde lägen. "Unter manchen Bedingungen haben sich die Methoden bereits als nicht funktionstüchtig erwiesen", sagt White skeptisch.
Erschwert werden die Prognosen auch dadurch, dass die Pegel global nicht gleichmäßig anschwellen. "In manchen Regionen steigt der Meeresspiegel doppelt so schnell wie im Durchschnitt", berichtet Claus Böning vom IFM-Geomar. "Woanders sinken die Pegel sogar, zum Beispiel an Inseln im Pazifik und im Indischen Ozean." Verantwortlich für die Unterschiede seien vor allem Meeresströmungen, die sich rhythmisch verschöben, berichtete Böning zusammen mit Franziska Schwarzkopf vom IFM-Geomar im Juni im Fachblatt "Geophysical Research Letters".
Koralleninseln wie die Malediven wachsen sogar, wie neue Kartierungen zeigen - entgegen der vielen Untergangsprognosen. "Der ganze Hype geht komplett an der Wirklichkeit vorbei", sagte eine Arbeiterin auf den Malediven jüngst einer Reporterin der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Von versinkender Landschaft sei vor Ort nichts zu bemerken.
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